… bring ich dich durch die Nacht

Gott tröstet. Steht in der Bibel, wird wohl so sein, aber brauche ich noch Trost? Erwachsen und lebenserfahren wie ich bin? Ein Psalmist hat Gott erlebt, ein Gott hat sein Volk erlebt. Und Herbert Grönemeyer hat passende Worte gefunden.

2 Kommentare
Kommentare
  1. Walter Krohe
    Walter Krohe aus Ostfilden sagte:

    Danke für den kleinen Gottesdienst heute. Es ist immer wieder die Spannung zwischen der Bürde stark zu sein und zu liefern und Trost. Wünsche dir einen trostvollen Sonntag. Friede sei mit dir.

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  2. Gabriele Deiß
    Gabriele Deiß aus Rottenburg sagte:

    Vielen Dank für den kleinen Gottesdienst! Er gibt uns jeden Sonntag Denkanstöße, auch für altbekannte Texte. Heute war der Trost besonders hilfreich und wohltuend, denn die ganze Familie liegt mit grippalen Infekten flach, und in dem Zustand holen einen alle Probleme der Welt ein! Da ist Trost angebracht! Danke!

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Wann haben Sie das letzte Mal jemanden getröstet? Wer kleinere Kinder hat, vielleicht gerade eben noch. Werden die Kinder größer, trösten wir vielleicht ein, zwei Mal in der Woche. Später dann einmal im Monat und wenn sie noch älter werden, wird es noch weniger. Bei einer versemmelten Führerscheinprüfung, wenn die Abschlussprüfung in der Ausbildung danebengeht oder die Zwischenprüfung im Studium. Und danach? Wenn ein Angehöriger stirbt. Wenn wir vor einem perfiden und perversen Krieg fliehen. Dann, ja, aber sonst? Eher nicht. Die Formel ist einfach: Je älter wir werden, desto schwerer müssen die Einschläge sein, damit wir Trost finden. Oder suchen. – Weil wir ihn seltener brauchen? Weil wir gelernt haben, mit Ablehnung, Misserfolgen, Tiefschlägen, Niederlagen, Verletzungen und dem damit verbundenen Schmerz zu leben? Weil wir – es lebe das Fremdwort, das so schön nach „wir haben es im Griff“ klingt – weil wir „Resilienz“ gelernt haben, Widerstandsfähigkeit. Es lebe die Hornhaut. Sind wir nicht stark geworden! Seht, was uns alles nichts mehr ausmacht! Seht, wie wenig wir noch Trost brauchen. Wir schütteln uns einmal James-Bond-mäßig und dann packen wir wieder an, dann greifen wir wieder an. Und wenn nicht? Dann müssen wir es eben lernen!

Schon spannend, wie wir es für das Höchste des menschlichen Daseins halten, alleine stark zu sein. Wer alleine aufrechtbleibt und seien die Tiefschläge noch so heftig, der ist der Größte, der ist wirklich stark, den bewundern wir. Leider ist das nicht nur bekloppt und absurd, sondern es macht krank. Wenn der Mensch irgendetwas ist, dann ein soziales Wesen. Ein Wesen, das dazu da ist, im Miteinander aufzugehen. Da ist der Mensch überhaupt erst Mensch. Wenn er ein Gegenüber ist und ein Gegenüber hat. Wenn er seine Schwächen zeigt, die andere dann ausgleichen. Wenn aus vielen, vielen Einzelschicksalen und Einzelfähigkeiten ein Ganzes wird – dann ist Menschsein geglückt, dann lebt die Menschlichkeit. Und wir feiern den, der alleine stark ist. Der keinen Trost braucht. Den Unmenschen. Der ist der Held, unser Ideal. Und wer das nicht schafft? Pech, lern’s halt!

Manchmal ist es doch gut, einen Gott zu haben, der es besser weiß und uns besser kennt. Der weiß: Wir brauchen Trost. Auch als Erwachsene. Sicher, wir haben erlebt, dass eine Niederlage nicht das Ende ist, dass eine versemmelte Abschlussprüfung nicht der unausweichliche Weg in die ewige Arbeitslosigkeit ist, dass nicht jedes Drama als tödliche Tragödie enden muss – aber trotzdem brauchen auch wir andere, die uns sanft den Kopf heben, damit wir nicht nur wissen, sondern auch spüren und sehen: Das Jetzt bleibt nicht in Granit gemeißelt stehen, sondern es kann weitergehen. Und wieder besser werden kann, vielleicht sogar gut. Aber jetzt ist für diese Hoffnung nicht die Zeit. Jetzt ist dafür Zeit, Trost zu finden, zur Ruhe finden. Wir brauchen solchen Trost. Der in den Arm nimmt. Der unsere Trauer Trauer sein lässt und unsere Verletzung Verletzung. Der nicht alles Düstere sofort wegschiebt und alles Verletzte gleich zukleistert mit einem dummen „wird schon wieder“, sondern Trost, der stumm und still versteht und unsere Tränen laufen lässt. Auch wenn wir längst nur noch gelernt haben, nach innen zu weinen. Schmerz, der unser Herz zerreißt und unsere Seele niederdrückt, braucht weder Durchhalteparolen noch all die hanebüchenen Wird-schon-wieder-Tipps, mit denen wir uns nur die Probleme und Sorgen anderer schön weit vom Leib halten. Es beginnt bei den vermeintlichen Kleinigkeiten, dass ich in meiner eigenen Familie nicht wahr- und ernstgenommen werde. Dass mich in der Schule eine Lehrerin genauso übersieht. Dass ich beim Fußball nie den Ball kriege. Dass niemand anruft und fragt, ob er mit mir spielen will. Und dann werden wir älter und erleben es wieder. Im Job, unter Kollegen, mit dem Chef. Im Verein, in dem wir uns engagieren wollen, aber dann reißen sich wieder die üblichen „Macher“ die Jobs unter den Nagel, um zu glänzen. Und die Selbstzweifel säuseln durch die Ritzen: Vielleicht liegt es ja wirklich an mir?

Aber statt unsere Selbstzweifel selbst weiter zu nähren, statt uns für unsere Tränen, die wir nicht zulassen, auch noch selbst verantwortlich zu machen, wäre es besser uns etwas einzugestehen, obwohl, nein, das klingt schon wieder so nach Schuld. Wir sollten es uns nicht eingestehen, sondern zugestehen: dass wir Trost brauchen.

Trost bedeutet, dass ich – vielleicht endlich einmal! – höre: Du musst dich nicht mehr wehren gegen den Schmerz, dem du mit aller und manchmal allerletzter Kraft die Tür zudrückst, damit er dich nicht überschwemmt. Du musst ihn nicht vor dir selbst verstecken, du darfst schwach sein, darfst verletzt sein, darfst am Ende sein, nicht mehr können. Es ist O.K. Ganz und gar. Lass es zu. Dann wirst du auch loslassen können. Nur so geht es.

Genau diese Mechanismen kennt Gott längst, kennt sie seit Jahrtausenden. Deshalb tröstet er ein geschundenes Volk. Deshalb will er jeden einzelnen einzeln trösten. Wie ein Hirte ein einzelnes Schaf sieht, auf das Schaf zugeht, es auf den Arm nimmt und sich so lange um das Schaf kümmert, bis es wieder auf eigenen Beinen stehen kann.

Und dieser Trost soll kommen, verspricht unser Text des Propheten Jesaja. Er wird kommen und braucht Wege, um anzukommen. Bis in den letzten Winkel der Wüste. Bis zum letzten Menschen. Ich glaube: Wer diesen Trost dieses Gottes selbst erfahren hat, dem fällt es nicht so schwer, auf diesen Gott hinzuweisen, ihm den „Weg zu bahnen“. Weil er weiß: Es geht nicht um eine göttliche Machtdemonstration, sondern um Trost, darum, dass wir heil werden. Aber das setzt eben voraus, dass ich mich von ihm habe trösten lassen. Dass ich mir nicht nur erlaubt habe, verletzt und schwach zu sein, sondern dass ich diese Erlaubnis genutzt habe. Hier wird’s ernst für uns. Hier liegt die Wahrheit. Aber: auch die Heilung. Wenn ich mich auf diese Worte des Trostes einlasse, wie sie Herbert Grönemeyer geschrieben hat:

Wenn du im Trüben fischst und es tropft in dein Gemüt, wenn alle Geheimnisse verraten sind und du dich verloren fühlst.

Wenn der Kompass nur Himmel und Hölle zeigt, wenn deine Sinne verschwimmen, wenn du dir nicht vergeben kannst, keiner deine Feuer löscht.

Ich dreh‘ mich um dich, ich stell‘ mich vor den bösen Blick.

Deine Tränen werd‘ ich übernehmen, alle Qualen, alle Folter überstehen.

Auch wenn du greinst, du dich kasteist, auch wenn du haderst und du dich zerreißt, auch wenn du verzweifelst, wenn sich alles verdunkelt, geh ich neben dir, lots durchs tiefste Tal, bring ich dich durch die Nacht.