Du sollst! Oder nicht?

Gott hat seinen Menschen Gebote gegeben. Ja, schon, aber… Klar ist doch, wer Gott liebt, wie könnte der oder die einem anderen Schlechtes tun? Für was also Gebote? Müsste es nicht ohne gehen? Von Geboten und warum der Mensch Gott braucht, darum geht es heute. Impulsgeberin ist Ruth Dipper.

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Du sollst. Du sollst. Du sollst. *Sigh* Ja. Ich weiß. Und ich soll mich bitte gesund ernähren, soll regelmäßig Sport machen, soll meine Wohnung aussehen lassen, als müsste „Schöner Wohnen“ jederzeit ein Foto darin machen können und überhaupt: Ich soll so viele Dinge.

Wenn ich diesen Text in Luther lese oder höre, habe ich am Ende fast vergessen, wovon er eigentlich redet. Dafür denke ich an die vielen anderen Dinge, die ich so soll oder nicht soll. Und was über die bekannten zehn *du sollst*hinaus sonst noch im Text steht, keine Ahnung.

 

Tja, und wenn ich Nachrichten höre oder lese oder mich mit Menschen unterhalte, habe ich öfter den Eindruck, das ist gerade für viele Menschen ein Problem. Bestimmte Dinge sollten passieren, damit wir zum Beispiel in zwanzig Jahren noch einen lebenswerten Planeten haben. Aber Menschen reagieren einfach nur mit Abwehr auf das gehörte *du sollst*, wehren sich gegen vermeintliche Moralapostel und blocken ab. Statt dass wir ins Gespräch kommen und ehrlich Lösungen suchen, verhärten sich die Grenzen, es gibt gewalttätige Übergriffe. Naja und in der nächsten Nachricht lese ich dann wieder einmal von einer Jahrhundertflut.

Das frustriert mich, aber ich merke an den Zehn Geboten, wie schnell das geht, dass auch ich denke: “Lass mich in Ruhe mit noch mehr Dingen, die ich tun soll”. Doch das ist ja gar nicht, was der Text will. Das ist keine Liste an freundlich formulierten Verboten, die mich daran erinnert, wo ich noch überall kämpfe, den Ansprüchen zu genügen. Der Text ist nicht moralisierend, auch wenn er in den üblichen Übersetzungen zumindest für meine Ohren sehr danach klingt.

Der Hebräische Text, in dem uns die Zehn Gebote überliefert sind, ist da deutlich vielschichtiger. Das sind keine Befehle. Kein “Finger weg von den Dingen anderer!” Es ist auch kein moralisierendes: “Es ist wirklich unanständig, andere umzubringen!”

Der Text ist Zuspruch!

Er ist: “Was du hast, das wird genug für dich sein!”

Er ist: “Du hast das gar nicht nötig, Lügengeschichten über jemand anderen zu verbreiten.”

Er ist: “Du gehörst zu mir, ich kümmere mich um dich, keine anderen Götter werden dir helfen müssen oder können.”

Da werden Gewohnheiten durchbrochen. Dem Volk, frisch aus der Zwangsarbeit, wird hier gesagt: “Allen steht eine Pause zu! Nimm sie dir! Genauso gönne sie auch anderen, wenn du in der Position bist, wo du ihnen die Pause verweigern könntest!”

Das alles sind Facetten dieser grammatikalischen Form, die meistens sogar einfach als zukünftig übersetzt werden kann. Das ist, was passieren wird.

Es ist wie: „So viel wie du gelernt hast, wirst du diese Prüfung bestehen, mach dir keine Sorgen. Oder. Wir haben uns für diesen Caterer entschieden, schon bezahlt. Wir werden gutes Essen an meinem Geburtstagsfest haben.

So ist es hier auch. Den Kindern Israels ist die Flucht aus Ägypten gelungen. Dort waren sie als Sklaven unterdrückt worden. Möglich wurde diese Rettungstat durch 10 Zeichen. Gott machte zehn Dinge, rettete das Volk Israel und nun, nachdem sie bereits frei sind, erfährt Israel, wie sie sich an diesen Gott binden können, was das für logische Folgen hat mit diesen Zehn Worten. Sie sind nun frei, haben die persönliche Beziehung zu und mit Gott und das ist, was jetzt passiert.

Die Zehn Gebote sind hier sozusagen im Gespräch mit der vorhergehenden Exodusgeschichte, aber auch mit dem Buch vorher, Genesis, der Schöpfung. Immer wieder klingt sowohl die Befreiungstat, als auch Gottes schöpfende Kraft in unserem Text an. Und so möchte ich diesen Text nicht hören als eine Flut an Dingen, die ich soll oder nicht soll. Ich möchte sie als die liebevolle Einladung hören, die der Text meines Erachtens sein will. Eine Einladung, an der guten Schöpfung mitzuwirken.

Und so biete ich folgende alternative Lesart dieser Zehn Gebote an:

Weil ich weiß, dass Gott mich befreit hat und dass Gott Schöpfer der Erde ist, weiß ich, dass ich mich nichts anderem unterwerfen muss. Ich kenne Gott als Person und gebrauche den Namen Gottes nicht für leere und womöglich verlogene Rituale. Ich definiere mich nicht über meine Arbeit und auch den Wert anderer definiere ich nicht über ihre Arbeit, was sie für mich leisten können, sondern ich sehe in ihnen geliebte Geschöpfe Gottes. Mensch, wie Tier.

Ich begegne ihnen mit Respekt, wahre ihre Grenzen, verhelfe ihnen zu ihrem Recht. Und ich weiß, dass was ich habe, genug ist, denn Gott versorgt mich.

Vielleicht klingelt es jetzt bei dem einen oder anderen.

Wie ich die Gebote halten kann, was sie von mir wollen, wurde schon vor langer Zeit prägnant zusammengefasst:

Indem ich Gott liebe und meinen Nächsten wie mich selbst.

Weil ich geliebt bin, gebe ich das zurück und gebe es weiter. Weil ich frei bin, kann ich mich entfalten und kann anderen den Raum zur freien Entfaltung gönnen. So kann ich an Gottes guter Schöpfung mitwirken. Ich kann im Kleinen Gottes Annahme weitergeben, und dabei nur hoffen, nicht zu oft zu versagen. Aber ich darf wissen, dass ich auch in meinem Versagen angenommen und geliebt bin. Wie jede und jeder andere auch.

Damit wir uns nicht mehr streiten, sondern diesen Planeten wieder gut verwalten, Geschlechter zusammen und nicht gegeneinander arbeiten, wir uns für nichts schämen müssen, was einfach zu uns gehört, wir einander in Respekt begegnen, unsere Pausen haben, einander die Grenzen wahren, dass wir alle genug haben und es wissen. Weil Gott uns geschaffen hat, uns befreit hat und uns liebt.

Amen