Follow me

Es wird ernst. Palmsonntag. Wir starten in die Karwoche. Wir gehen in Gedanken, in Gebeten, in Lesungen, in Gottesdiensten noch einmal den Weg Jesu ans Kreuz. Heute versuchen wir, das Unbegreifliche mit einem Lied zu fassen. Und stärken uns mit einem Gebet, das die Tiefen des Lebens beschreibt. Impulsgeberin ist Ruth Dipper.

0 Kommentare

Kommentieren

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Manuskript / Download
Follow me als Manuskript-Datei runterladen

Ich höre diesen Bibelausschnitt und bin sofort am DENKEN. Es ist mir ein Bedürfnis, das Geschehen am Kreuz irgendwie greifbar zu machen, denn ich verstehe gerne, wie Dinge funktionieren. Als Ingenieurin habe ich viele verschiedene Ansätze gelernt, Dinge besser zu beschreiben und zu analysieren. Aber um zu verstehen, wie das Kreuz funktioniert, sind all diese Ansätze nutzlos.

Nun studiere ich Theologie. Und so springen sofort lauter große Worte durch meinen Kopf:    Inkarnation, Soteriologie, Kenosis. Alles Themen, die angesprochen wurden. Und jeder einzelne dieser Begriffe hätte einen Vortrag verdient, um ihn halbwegs auszuleuchten. Und so

merke ich: ich verstecke mich dafür hinter großen Worten.

Bei dem gerade gehörten Bibelausschnitt aus dem Philipperbrief, da beschleicht mich allerdings das Gefühl, dass der Schreiber Paulus gar nicht will, dass ich das Denken anfange. Das überrascht bei Paulus ein bisschen, er schreibt ja doch gern eher lange und komplexe Sätze und hatte sicher keine Angst vorm Denken und hat das von seinen Adressaten auch erwartet. Aber eben nur „auch“.

Wenn ich diesen Bibelausschnitt wahrnehme, mit den vielen gezeichneten Bildern, mit seinen Rhythmen, dem Erzählfluss, dann merke ich, da will mich was mitreißen, bewegen. Und nicht in den Sog der Fragen und Erklärungsversuche ziehen. Es ist ein Lied und je nachdem, wen man fragt, ist es womöglich einer der ältesten liturgischen, gottesdienstlichen Texte der Christenheit. Alle Versuche, es zu analysieren, lenken ab von dem, um was es geht: Sich fallenzulassen in die Hoffnung, die darin steckt und die Freude darüber, was da passiert.

Dieses Lied nimmt mich auf eine Reise mit. Zuerst darf ich Jesus Christus in göttlicher Gestalt vor meinem geistigen Auge zeichnen, dann freiwillig als Knecht, Diener und dann letztlich am absoluten Tiefpunkt am Kreuz. All das ist aktiv, Christus geht diesen Weg bewusst. Und dann… ja, dann folgt die Umkehrung der Werte. Wegen seines Gehorsams erhöht Gott Christus, das ist etwas, was Christus geschieht. Und was dahintersteckt, das lässt sich schwer erklären, viele haben es auf unterschiedliche Art immer wieder versucht und dabei immer wieder andere Aspekte besser vermittelt. Aber vor allem geht es um die Freude darüber, dass es passiert ist und die Hoffnung.

Und diese Hoffnung, die betrifft Paulus, der das im Gefängnis verfasst. Es betrifft die Philipper, und es betrifft mich. Uns alle.

Und wie uns das konkret betrifft, dafür ist der erste Vers unserer Lesung ein Schlüssel.
„Denkt im Umgang miteinander immer daran, was in der Gemeinschaft mit Christus Jesus gilt:“

Dieser Vers führt in den Kontext, in den Paulus das Lied eingebettet hat.
Da schreibt er viel vom Umgang miteinander. Denn diese Umkehrung der Werte, den Vorteil des jeweils anderen zuerst sehen, dass Liebe alles Handeln bestimmen soll, das gilt auch, wenn wir einander begegnen.

Christus hat es uns vorgemacht und wir als Nachahmer Christi wollen es ihm nachtun. Ein Konzept, das heute wieder ganz modern ist; wer in Social Media unterwegs ist, für den ist es ganz normal, Follower von dem einen oder der anderen zu sein. Als Follower will ich mich für das eigene Leben inspirieren  lassen. Doch selbst wenn ich als Follower das Gefühl habe, dass ich die Person, der ich folge doch gut  kenne, ist das eine sehr einseitige Beziehung, oft nur auf Profit ausgelegt ist: Da wird Freude auch mal vorgespielt und eine falsche Hoffnung geweckt. Denn oft es geht darum, bei den Followern Sehnsüchte zu wecken. Sehnsüchte nach bestimmten Dingen, die einen bestimmten Lebensstil versprechen. Und diese Dinge kann man dann kaufen. Da springt oft Profit raus für den, dem ich als Follower folge.

Mit Christus, mit Gott ist das anders. Der Philipperbrief sagt uns zu, ermutigt uns, dass Gott einerseits das Bedürfnis in uns weckt, auf diese liebevolle Art miteinander umzugehen. Er zeichnet uns ein Bild von dem, wie Gott sich diese Welt vorgestellt hat und weckt dadurch die Sehnsucht in uns nach einem Zustand, der manchmal unerreichbar erscheint. Aber Gott lässt uns damit nicht allein. Denn dann gibt Gott uns die Kraft und die Weisheit, das in unserem Leben umzusetzen.

Ich sehe das in meinem Leben. Diese Sehnsucht nach dem, was die Bibel Reich Gottes nennt. Echte Harmonie. Gerechtigkeit. Liebe untereinander. Wie oft sind bei den aktuellen Demos gegen Rechts kirchliche Träger und Vereine mit am Organisieren? Wie eng sind Weltläden mit den Kirchen verbunden? Wie herzlich sind unsere Kirchen gegenüber Fremden? Und wie viele Menschen, die bei christlichen Unternehmen und Arbeitgebern arbeiten reden von dieser irgendwie anderen, irgendwie besseren Atmosphäre?

Aber ich sehe auch die Lücke. Wie wir als Christen oft um Harmonie ringen. Und ich kenne auch die Menschen, die sagen „nie wieder ein christlicher Arbeitgeber“, weil da Arbeitgeber auch mal ausnutzen, dass Menschen sich sozial engagieren *wollen*, weil da diese gesuchte Harmonie manchmal nur noch ein Deckmäntelchen ist über ganz vielen zugedeckten Konflikten.

 

Und so freue ich mich jedes Mal, wenn diese Decke aufgedeckt wird, wenn Konflikte bearbeitet werden. Wenn auch andere diese Lücke spüren und etwas dagegen tun. Ich glaube, das ist etwas, woran wir Wirken der Heiligen Geistkraft sehen können. Wo Gott in uns wirkt. Wo wir zu besseren Followern werden, wo wir die Gesellschaft so verwandeln, wie Jesus es uns vorgemacht hat. Das freut mich und gibt mit Hoffnung, dass da noch mehr passieren wird.

Ostern steht bevor, heute ist Palmsonntag. Ein bisschen gehen wir da in dieser Woche dieses Lied nach.
Wir feiern heute, wie Jesus einst in Jerusalem eingezogen ist. Einerseits als König. Ganz so ist er auch gefeiert worden. Auch hier spürte das Volk Freude, und Hoffnung über das, was kommen sollte. Andererseits deutet sich hier schon die Umkehrung der Werte an, denn er ist eben doch nicht wie ein weltlicher Herrscher eingezogen. Nicht mit dem Pferd, ein Tier, das damals sehr teuer war und mit Krieg assoziiert wurde. Eben nicht mit der gepanzerten Luxuslimousine, wie wir es heute erwarten würden. Nein, er ist auf dem Esel geritten. Kam sozusagen mit dem Fahrrad. Das tut perfekt, was es soll ohne unnötiges, prunkvolles Klimbim und fast jeder hat es in der Scheune stehen.

Was dann kam, war auch ganz anders als gedacht. Der festliche, fröhliche Palmsonntag läutet die Karwoche ein, die Woche, in der wir uns an das Leid Jesu erinnern und daran, wie genau das passierte, was in dem Lied beschrieben ist. Wie Christus gehorsam bis in den Tod ging und am Kreuz erhöht wird. Das Kreuz ist kein Ort, an dem jemand erhöht wird. Das Kreuz war ein Folterinstrument, das qualvoll in den Tod führte. Aber auf diesem Berg fand ganz wörtlich eine Erhöhung statt und wir Christen sehen da auch eine symbolische Erhöhung.

Und dann? Ja, dann kommt Ostern! Auferstehung. Nicht einfach stolpern, aufstehen, Krone richten, weiterlaufen. Völlige Verwandlung, Neubeginn, plötzlich ist alles anders. Neue Hoffnung. Und Freude darüber, was da passiert.

Und dass diese verwandelnde Kraft Gottes auch mein Leben betrifft, auch Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat, so wie auf Paulus und die Philipper damals, das darf uns freuen und Hoffnung geben für alle Situationen, in denen wir uns bewegen.