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Gute Freunde

Heute heißt es: Schon wieder Hiob! Ja, genau! Weil diese Geschichte einfach unter die Haut geht und eine Beziehungsgeschichte ist. Ds sind die interessantesten Geschichten. Meint auch Impulsgeber Wilfried Röcker.

Wochenspruch   – 2. Kor 5, 10a

Psalmgebet – Ps 50, 1-6.14-15.23

Predigttext  – Hiob 14,1–6(7–12)13(14)15–17

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Es war einmal im Lande Uz, da lebte einer, der war fromm und lebte ein vorbildliches Leben. So beginnt die Hiobsgeschichte. Glücklich und gesegnet war sein Leben mit Familie, Freunden und Besitz. Viele Lebensläufe lassen sich so beschreiben und die Geschichten enden nach „es war einmal“ oft mit: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“.

 

In der Geschichte bei Hiob gibt es aber eine dramatische Wendung. Und mit ihr drängt sich ganz zentral die Frage nach dem „Warum“ in die Geschichte: Warum muss Hiob alles verlieren und sitzt am Ende mit einem stinkenden Ausschlag auf dem Aschehaufen seines glücklichen Lebens, dass sogar seine Frau ihm rät: „Sage Gott ab und stirb.

Was für ein Elend! Ich kenne auch solch tragische Lebensgeschichten, bei denen Menschen nach schweren Schicksalsschlägen einfach nicht mehr auf die Füße kommen. Es ist wirklich zum Verzweifeln und macht einen betroffen, ohnmächtig und auch wütend. Im Unterschied zu den Freunden von damals, die ihrem Freund Hiob mögliche „Darums“ auf seine „Warum-Frage“ erzählen, sage ich heute: Die Frage nach dem Warum kann man gar nicht stellen, weil es darauf keine Antwort gibt.

 

Hiob stellt sie trotzdem. Verzweifelt, selbstbewusst, wütend. Mir gegenüber wär er vermutlich nicht weniger empört als seinen Freunden. Denn ein „Es gibt kein darum“ als Erklärung ist nicht weniger verletzend als ein „Darum“. Als ein – „da liegt die Schuld“.

 

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal versucht haben, Hiob am Stück zu lesen. Die Story selbst ist ja kurz erzählt. Dazu braucht auch das Hiobbuch eigentlich nur drei Kapitel. Dazwischen sind 39 Kapitel voll mit Reden. Unerträglich lange und verletzende Reden. Ganz egal, ob die Freunde reden oder ob Hiob spricht. Schonzeit ist vorbei. Es wird Tacheles geredet. Wie gut, dass das unter Freunden möglich ist.

 

Unser Predigttext ist ein kleiner Ausschnitt von Hiobs langer Antwort auf die erste lange Rede seines Freundes Zofar. Zofar packt seinen Freund Hiob ganz schön an. Man könnte fragen, ob man einen Menschen so angreifen darf, der so tief in einer Depression steckt wie Hiob. Er nennt Hiob einen Schwätzer, einen Hohlkopf und sein Klagen ein leeres Gerede. Hiob ist nicht weniger zurückhaltend, wenn er wütend zurückschnaubt: „Kurpfuscher seid ihr“ oder „Eure Worte sind wie ein Haufen Asche“. So geht das hin und her zwischen Hiob und seinen Freunden. Das „Warum“ wird dabei immer größer. Und auch die Beschimpfungen werden immer schärfer. Nicht nur seinen Freunden gegenüber. Hiob klagt ebenso direkt Gott an, den er verantwortlich macht für sein Ergehen, obwohl es keinen Grund gibt. „Warum tust Du Gott mir das an?“

In unserem Abschnitt fleht er Gott an, dass er ihn doch beiseite nehmen könnte, bis Gottes Zorn vorüber ist. Er könnte ihn ja im Totenreich parken. Das wäre doch die Lösung. Und später, könnte er ihn wieder rufen, quasi wiederbeleben. So wie ein Baum auch wieder treibt, könnte er sein Leben wieder aufnehmen. Ein Wunsch, den manch Schwerkranke auch heute hegen. Einfach so lange auf die Seite gelegt werden. Tiefgefroren – bis es ein Medikament eine Therapie gibt, die einen wieder gesund macht.

Aber nein. Frustriert stellt Hiob gegenüber Gott fest: „Du überwachst meine Schritte. Keinen einzigen Fehltritt siehst du mir nach. Für jedes Vergehen kommt ein Steinchen in den Beutel, so sammelst du meine Schuld und bewahrst sie auf.“

Für mich klingt in diesen Versen viel Bitterkeit. Menschen, die Unrecht erleiden, und das Unrecht nicht mal als solches anerkannt bekommen, werden bitter. Ich finde es beeindruckend, in welche Gefühlswelten uns das Hiobbuch führt. Auch wie Leid Freundschaften aufs Äußerste belasten können. Ich finde, diese klare Studie der Emotionen bei Hiob und seinen Freunden entlastet die Leidenden genauso wie die Freunde. Das Hiobbuch macht Mut zur Ehrlichkeit. Es ermutigt dazu, sich auszuhalten, auch mal anzuschreien und an Gott festzuhalten, auch wenn man nichts anderes mehr tun kann, als auch ihn anzuklagen. Die Klage und der Streit sind ein Festhalten an Beziehung. Leider halten das viele nicht aus. Beziehungen und Freundschaften brechen ab. „So was muss ich mir nicht antun.“ Ist oft der begleitende Satz, den ich bei mir beobachte, wenn ich Beziehungen abbreche, weil ich mich sonst intensiv streiten müsste. Auch gegenüber Gott ist die Klage nach dem Warum eine intensive Form der Gottesbeziehung. Eine Beziehung, die man Klagenden nicht verbieten sollte. Gott hält das aus. Ja viel mehr noch: Gott gibt den Klagenden recht.

 

So ist das am Ende in der Hiobsgeschichte: Nach kapitellangen Reden der Freunde und Antworten des Hiob meldet sich in dieser Streiterei auch Gott selbst zu Wort. Der Tonfall ist ebenso klar und direkt. Das Überraschende ist: Am Ende gibt Gott Hiob recht und nicht den Freunden. Das ist die erstaunliche wie ebenso kurz und knapp geschilderte Wende in dieser Geschichte. 35 Kapitel lang haben die Freunde versucht, dem Hiob Gott zu erklären. Und Gott sagt im letzten Kapitel (42, 7) zu den Freunden Hiobs: „Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Freund Hiob.“

 

Klare Worte. Frommes Gerede kann ziemlich falsch sein. Darüber musste ich in dieser Woche lange nachdenken, denn es ist eine Aussage, die mich absolut infrage stellt: So oft meine ich, anderen die Welt erklären zu müssen. Vor allem jenen, denen es schlecht geht. Und alles verpackt in gut gemeinte Ratschläge eines Freundes. Wem alles habe ich damit schon unrecht getan, weil ich ihre Verzweiflung, ihre Trauer und ihren Schmerz nicht länger ertrage?

 

Aber wie anders kann man den Kranken und Leid tragenden begegnen, als versuchen sie zu trösten?
Vielleicht wäre es ja eine Idee, es zu tun, wie Jesus es getan hat. Er hat nicht einfach losagiert – er hat gefragt: Was willst Du?

Eine einfache Frage. Und doch wird sie im Gespräch unter Freunden viel zu selten gestellt.
Eine ermutigende Herangehensweise. Ich wünsche allen, die für ihre leidtragenden Freundinnen und Freunde da sein wollen den Mut, diese einfache Frage zu stellen. Und ich wünsche allen, die im Elend stecken, den Mut, ihre innersten Wünsche gegenüber ihren Freundinnen und Freunden auszusprechen. Ich male mir aus, was geschehen würde, wenn dann diese tiefe Sehnsucht gemeinsam vor Gott gebracht wird – bittend, weinend, klagend. Beziehungen würde nicht abbrechen, sondern gestärkt. Auch die zu Gott. Denn er sagt: Ihr tut recht, wenn ihr Euch in und mit Eurem Elend an mich wendet.

Ich lade Sie ein, wenn wir jetzt miteinander beten, Menschen in ihr Herz zu schließen, sich mit ihnen verbunden zu fühlen, wenn wir mit Jesu Worten beten: