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Ich glaube an Frieden

Frieden in unfriedlichen Zeiten. Mehr denn je müssen wir davon träumen! Und reden und handeln. Impulsgeberin ist Nicole Marten.

Wochenspruch   – Eph 5, 8b.9

Psalmgebet –Ps 48, 2-3a.9-15

Predigttext  – Jes 2, 1-5

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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„Das ist gemein!“, Paul stampft mit seinem Fuß auf dem Boden auf. Gerade hat ihm Lena seine Schaufel aus der Hand gerissen, weil sie damit im Sand spielen wollte. Die Mutter von Paul hatte nicht nur still dabei zugesehen, sondern ihren Sohn auch noch ermahnt: „Lass doch Lena die Schaufel. Du kannst doch auch mit dem Eimer spielen!“ Das ist nicht in Ordnung, spürt Paul. Und deshalb wehrt er sich. Es ist doch seine Schaufel, die darf ihm ungefragt keiner einfach so aus der Hand nehmen. Das weiß er, obwohl er erst vier Jahre alt ist. Schon Kinder haben ein starkes Gefühl dafür, was gerecht ist und was nicht. Und wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, gibt es Protest. Völlig zu Recht!

Auch als Erwachsene haben wir ein Gespür dafür, wenn wir ungerecht behandelt werden, wenn es nicht mit rechten Dingen zugeht. Dann kann es zum Streit kommen, zur Unversöhnlichkeit, gar zum Hass. Oder zu Gewalt. Das Muster findet sich überall, auch in der weltweiten Beziehung von Staaten zueinander, in der Frage von Krieg und Frieden. Ein Präsident glaubt, dass ein anderes Land eigentlich zu seinem Staat gehört und überfällt es. Das überfallene Land wehrt sich nach Kräften. Es ist Krieg. Manchmal ist die Lage auch komplexer, wie beispielsweise im Nahen Osten. Unversöhnlich stehen sich die Verantwortlichen gegenüber. Aussicht auf Frieden? Träum weiter, höre ich mir selbst beim Denken zu.

Doch es gibt sie, die kleinen Stimmen des Friedens. Auch in Nahost. Schon 1995 haben Palästinenserinnen und Israelis, die in dem Konflikt Angehörige verloren haben, einen Verein gegründet. Es geht ihnen darum, dass Trauernde auf beiden Seiten ihre Geschichten erzählen dürfen und die anderen ihnen zuhören. Dass sie gemeinsam trauern um die Menschen, die gewaltsam den Tod fanden, obwohl sie einfach nur eins wollten: leben. Mitglieder des Vereins treffen sich regelmäßig, auch nach dem Überfall der Hamas auf ein Festival mit jungen Leuten, im Oktober 2023, bis heute. Die Geschichten von Palästinensern und Israelinnen gehen unter die Haut. Bei einer Gedenkveranstaltung im April diesen Jahres kamen sie zu Wort. Jeder und jede erzählte in ihrer, in seiner Sprache. Mal also auf Hebräisch, mal auf Arabisch. Es wurde simultan in die jeweils andere Sprache – und ins Englische übersetzt. Gemeinsam ist diesen Menschen, dass sie um geliebte Angehörige und Freunde trauern. Dass sie wissen: „Entweder teilen wir uns das Land oder den Friedhof darunter.“ Derzeit werden solche Stimmen nicht oft gehört.

Mich beeindrucken sie dennoch. Denn diese Menschen haben begriffen: Es geht nicht ums Rechthaben. Es geht nicht darum, die anderen zu vertreiben oder zu vernichten. Es geht um die Frage, wie alle gut leben können. In Frieden, statt im permanenten Krieg. Im Respekt vor dem anderen statt in seiner Verurteilung. Im Recht, das Gerechtigkeit umfasst – für alle. Weit weg von der Realität, höre ich mich denken. Und doch: Ein Funke der Hoffnung.

Dieser Tage wurde die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa 50 Jahre alt. Der Organisation gehören 57 Staaten an, manche liegen gar nicht in Europa. Mitten im Kalten Krieg kamen seinerzeit Politiker in West und Ost auf den Gedanken, dass Sicherheit und Zusammenarbeit nur möglich sind, wenn die unterschiedlichen Länder im Gespräch bleiben. Verhandeln, statt Kriege zu führen. Kritiker meinen: „Das hat gar nichts gebracht! Schaut euch doch an, wo wir sind. Krieg in Europa. Nicht nur in der Ukraine. Auch schon in den 1990er-Jahren gab es Krieg, Stichwort Bosnien.“ Und ja, man kann daran verzweifeln, dass es uns Menschen nicht gelingt, dauerhaften Frieden zu schaffen. Und doch: Die Gespräche laufen weiter. Es ist natürlich jetzt gerade keine Jubelstimmung angesichts von Krise und Krieg. Aber die Organisation arbeitet unbeirrt weiter. Die Mehrheit ihrer Mitgliedsstaaten will Frieden.

Für den Frieden gibt es eine wichtige Voraussetzung: Dass es gerecht zugeht. Dass das Recht durchgesetzt wird. Nicht das Recht des Stärkeren, sondern das Recht, durch das ein Ausgleich geschaffen wird. Unrecht vergolten wird, Unterdrückte Gerechtigkeit erfahren. Verletzte Anerkennung ihres Leides und einen Ausgleich, der dabei hilft, den Verlust zu bewältigen. Das ist die Vision, die unser Bibeltext uns heute zeigt: Die Völker, nicht nur das alte Israel, sondern alle: Sie werden zum Berg Zion kommen, zum Hause Gottes. Sie werden sein Recht, seine Gerechtigkeit suchen, ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen, und niemand wird mehr lernen, wie man einen Krieg führt. In der Lutherbibel steht: Gott wird richten. Damit ist aber nicht gemeint, bestrafen und vernichten. Sondern es ist dieser Ausgleich gemeint, der für Gerechtigkeit sorgt. Das bedeutet auch, dass Unrecht benannt wird, dass es nicht im Dunkeln bleibt, sondern im hellen Licht des Tages betrachtet wird. Nur so ist es möglich, einen Ausgleich zu schaffen. Eine schöne Vision, höre ich mich erneut denken. Und, wann soll das passieren, bitteschön?

Es fängt im Kleinen an, bei mir selber. Wo verhalte ich mich ungerecht? Wo könnte ich eintreten für diejenigen, die in meinem Umfeld mies behandelt werden? Könnte nicht ich Pauls Mutter darauf hinweisen, dass Lena ihn zumindest hätte fragen sollen, ob sie nicht auch mal die Schaufel haben darf? Vielleicht fühlte sich Paul dann schon verstanden und Lena hätte möglicherweise etwas gelernt fürs Leben.

Das Bild von den Schwertern, die zu Pflugscharen werden, ist Vorbild für eine Skulptur, die vor dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York zu sehen ist, einem anderen Zusammenschluss von Ländern, die den Frieden wollen. Ein übergroßer Revolver steht da auf dem Vorplatz. Aber etwas ist ungewöhnlich. Im Lauf der Waffe ist nämlich ein Knoten. So findet garantiert keine Kugel ihren Weg aus dem Revolver. Und auch, wenn ich selbst noch nie vor dieser Skulptur gestanden habe: Bilder davon habe ich schon viele gesehen. Sie sollen mich immer wieder daran erinnern, dass Friede dort anfängt, wo Unrecht aufhört, und dass auch ich etwas dazu beitragen kann. Amen.