Ich super, du nicht!

So würden wir das vielleicht nicht sagen, aber vielleicht ja doch. Durch die Blume. Hinter vorgehaltener Hand oder vielleicht sogar im Gebet?

Wochenspruch  – 1. Petr 5, 5b

Psalmgebet  – Ps 145,1–2.14.17–21

Predigttext   – Lk 18, 9-14

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Ich höre diese Geschichte und weiß sofort: Ich möchte nicht der Pharisäer sein. Aber möchte ich tatsächlich der Zolleinnehmer sein? Zolleinnehmer, das waren doch die, die sich mit den Besatzern damals gemein machten und die ihren eigenen Leuten das Geld aus der Tasche zogen?!

Dennoch der Zolleinnehmer scheint mir hier der sympathischere Typ zu sein. Der Pharisäer kommt, wie so oft in biblischen Geschichten, wiedermal ein bisschen schlecht weg.

Wenn ich hier bei diesem ersten Eindruck stehen bleibe, dann sehe ich in dem einen nur einen arroganten Heuchler und in dem anderen den armen, geläuterten Zöllner. Da sind schnell die Sympathiepunkte verteilt und meine Gedanken sind schon wieder weiter und ich bin mit dieser Geschichte fertig. Das wäre allerdings schade. Denn in dieser Geschichte steckt viel viel mehr.

 

Jesus setzt sich immer wieder kritisch mit den Pharisäern auseinander, aber letztendlich achtet er sie hoch. Sie versuchen gewissenhaft die Gesetze zu erfüllen und leben in vielerlei Hinsicht ein frommes, aufrichtiges Leben. Aber um zu betonen, was Jesus wichtig scheint, greift er zu diesem Stilmittel:

Ein Außenseiter wird zum Vorbild und das eigentlich vorbildliche Leben eines Menschen wird hinterfragt, so dass ich mich nicht mehr mit diesem Menschen gemein machen möchte. Und somit hinterfragt es mich.

 

Die Geschichte, die Jesus so bildhaft erzählt, sie spielt im Tempel, also einem Ort des Gebets. Und auch die Geschichte selbst, dreht sich um ein Gebet beziehungsweise zwei Gebete.

Das Gebet des Pharisäers. Und das Gebet des Zöllners.

Beide Gebete könnten unterschiedlicher nicht sein. Das Gebet des Pharisäers ist eine Selbstbeweihräucherung. Er dankt dafür, dass er nicht so ist wie der andere. Sein Selbstwert speist sich offensichtlich aus seinen Leistungen, aus seiner Frömmigkeit, aus seiner Gewissenhaftigkeit, aus dem Anspruch, den er selbst an sich hat. Viel schlimmer ist aber noch, dass das Mittel der Selbstdarstellung das Gebet ist. Das Gebet wird benutzt, um sich vor Gott darzustellen. Als ob Gott nicht weiß, wer ich bin und was ich bin?! Herabsetzung eines anderen und Überhöhung meiner selbst in einem Gebet?

 

Beim Zolleinnehmer ist das Gebet Ausdruck einer Selbstreflexion. „Gott, vergib mir.“ Es ist Erkenntnis der eigenen Grenzen und der eigenen Bedürftigkeit.

Und damit geht es nicht mehr um Zöllner oder Pharisäer, sondern um die Frage: Woher beziehe ich meinen Selbstwert?

Beziehe ich ihn aus der Herabsetzung anderer? Macht mich das größer und meiner selbst gewisser? Damit geht einher, dass ich meine Verdienste und Leistungen höher bewerte als die der anderen. Letztendlich definiere ich mich dadurch. Erfolg, Besitz, Lebensstil und Lebensmöglichkeiten werden zum Maßstab. Der Vergleich wird zum Instrument, um mich selbst zu messen. Besser dabei wegzukommen.

Ja und das, das kennen wir doch zu genüge, wenn wir in Hochglanzmagazinen, in glitzernde Fernsehshows oder in die Sozialen Netzwerke schauen: Es wird verglichen! Doch die wenigsten werden diesen Vergleichen standhalten und jeder Vergleich wird mich noch weiter nach unten ziehen. Hier wird mein Selbstwert durch Vergleich meist nicht erhöht, sondern geschwächt. Es sei denn ich finde Menschen auf die ich herabsehen kann. Und auch die lassen sich irgendwie in der Welt der Medien, aber vor allem in meinem ganz normalen Alltag. Da wird verglichen mit Kollegen und Kolleginnen, dem Nachbarn, dem Sportkumpel, den Eltern der Freunde meiner Kinder. In der Gemeinde? Ja, auch unter den christlichen Geschwistern wird verglichen. Wer lebt wie seinen Glauben? Bin ich eine bessere Christin als der oder die?

 

Und die nächste Frage, die sich bei dieser Geschichte stellt, ist: Wer ist mir denn Vorbild? Im Leben, im Glauben? Sind das Menschen mit Macht, mit viel Ansehen und die ihren Reichtum zur Schau tragen oder ihr vorbildliches Leben jedem unter die Nase reiben? Oder finde ich meine Vorbilder in Menschen, die tun, was Not ist, die sich nicht zu fein für schmutzige Arbeiten sind, die sich durch Liebe und Barmherzigkeit auszeichnen?

Denn auf genau das – auf Liebe und Barmherzigkeit – setzt in der Geschichte der Zöllner.

Er setzt auf Gottes Liebe und Barmherzigkeit.  Das ist auch das Wesen Gottes, das hat der Zolleinnehmer begriffen. Und damit begreift er auch: Mein Selbstwert speist sich daraus, dass ich von Gott geliebt bin. Nicht aus Leistung, Erfolg und Macht.

 

Dann bleibt noch die Frage: Bete ich, um gesehen zu werden? Von den Menschen und von Gott? Ist das Gebet Mittel der Selbstdarstellung? Oder ist das Gebet das Mittel, um mit Gott in Beziehung zu treten? Ihm zu begegnen.

Die Geschichte heute, sie hinterfragt mich: Wo urteile ich über andere? Und vor allem warum?

Ist es vielleicht Angst, nicht gut genug zu sein, die mich zum Urteilen veranlasst? Kann ich anerkennen, dass Gott mich liebt und ist da nicht genug? Reicht diese Liebe nicht als Grundlage meiner Selbst und macht mich allein dadurch wertvoll?

Wo definiere ich mich über Leistung und in welchen Zusammenhängen stelle ich diese Leistungen zur Schau?

Und wenn ich heute Morgen diese Geschichte höre, ist dann nicht mein erster Reflex, dass ich urteile über diesen Pharisäer, mich vergleiche mit diesem Pharisäer und versuche mich zu überhöhen und ihn zu erniedrigen? Mache ich nicht das Gleiche wie der Pharisäer mit dem Zöllner?

 

Wie wäre es mit dieser herausfordernden Aufgabe oder wie heute gesagt wird, mit dieser Challenge, in den nächsten Tagen: Immer, wenn mir ein schnelles Urteil über die Lippen will, versuche ich etwas Gutes an dieser Person zu finden. So etwas wie ein Kompliment, das ich machen könnte. Und dann laut ausspreche.

Und ein zweites könnte ich üben: Mit Gott in einen – noch – ehrlicheren Dialog zu gehen. Gott kennt mich, liebt mich, ihm darf ich alles sagen, was mich bewegt.

Gott ist Liebe und Barmherzigkeit. Deshalb darf und kann ich auch meine Begrenztheit, meine Fehlerhaftigkeit benennen. Das ist Demut. Demut, die zur Größe wird, weil ich weiß, dass ich aus der Liebe und Barmherzigkeit lebe. Das macht mich frei von Vergleichen und befreit mich so zum Leben. Und das ist es, was Jesus uns zuspricht: Du bist frei. So darfst du auch leben.

Amen