Adrenalin pur!

Festzeltzeit! Kirmes! Jahrmarkt! Der Herbst naht und die Bierzelte füllen sich. Riesenrad, Autoscooter und Kettenkarussell versprechen Spaß. Und für Wagemutige geht es in die Achterbahn. Wobei – sitzen wir nicht alle täglich in einer Achterbahn?

Heute mit einem Impuls von Pastor Klaus Schmiegel vom Kinder- und Jugendwerk der Evangelisch-methodistischen Kirche.

Wochenspruch – 2. Tim 1, 10b

Psalmgebet – Ps 68,4-7.20-21.35-36

Predigttext – Ps 16, 5-11

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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„Oh Mann, warum mache ich das bloß.“ Gleich ist es so weit. Alle meine Sinne sind angespannt. Die Nerven liegen blank, mein Herz pocht, so dass ich es hören kann. Pures Adrenalin läuft durch meine Adern. Mir schießen alle möglichen Fragen durch den Kopf: „Warum ich? Warum mache ich das eigentlich mit meinen 48 Jahren?“ Ich durchlebe alle möglichen Gefühlsschwankungen. „Hilfe, holt mich doch hier einer raus.“ Nur noch ein kleiner Moment und dann geht es an der Seite meiner Tochter fast 70m in die Tiefe. Wir sind am höchsten Punkt der Achterbahn Silverstar im Europapark angekommen. Ein kurzes Innehalten und dann geht es die nächsten 1600m immer wieder runter und hoch, bis zum Schluss. Ich kreische zusammen mit meiner Tochter und langsam breiten sich die Glückshormone aus. Wow, ich fühle mich sowas von lebendig.

Eine Achterbahnfahrt hatte der Psalmbeter sicherlich nicht vor Augen, als er die Worte „Du zeigst mir den Weg zum Leben“ in Vers 11 niederschrieb. Aber ich nehme an, der Psalmbeter weiß, dass das Leben ein Auf und Ab sein kann, durch das Menschen alle möglichen Gefühlslagen durchleben können.

Auf den ersten Blick wirken die Verse so, dass unser Beter im Moment auf der Sonnenseite des Lebens steht. Das Leben fällt leicht. Anscheinend meint Gott es gut mit ihm. Man spürt richtig die Freude und den Enthusiasmus seines Glaubens.

Da passen die Worte: „Du zeigst mir den Weg zum Leben. Große Freude finde ich in deiner Gegenwart und Glück an deiner Seite für immer.“.

Das sind große Worte, die von Freude und Kraft zeugen.

Und da genau regt sich leichter Widerstand bei mir, der sich steigert. Naja, das passt ja, wenn alles super läuft, wenn du auf der Sonnenseite des Lebens stehst.

Es wirkt auf mich ein bisschen so, wie jemand, dem es gerade richtig gut geht, mir sagt: „Man muss nur das Leben locker nehmen, dann läuft es schon. Bleib geschmeidig und entspannt“, während ich nur noch eine Pause von der Achterbahnfahrt des Lebens möchte. Da ist mir nicht nach Zustimmung.

Ja, lieber Psalmbeter, du sagst ja selber ein paar Verse vorher in Vers 6, dass dein Los auf schönes Land fiel. Da ist es leicht solche Worte zu finden.

Wie sieht es denn aus, wenn das Los eher einer Niete gleicht?

Da bekommt man wieder den Lehrer vor die Nase gesetzt, der schon im letzten Schuljahr einem tierisch auf die Nerven ging.

Die Umstrukturierung im Betrieb, bei der nicht klar ist, ob der eigene Arbeitsplatz erhalten bleibt, sorgt für schlaflose Nächte.

Die Anforderungen und Herausforderungen in der Familie drohen einem über den Kopf zu wachsen: die Pflege der Eltern, die Konflikte mit den aufmüpfigen Teenagern, die Probleme in der Beziehung.

Und dann noch: der Anruf vom Arzt, der einem bestätigt, dass der Befund positiv ausgefallen ist.

Da scheint das Los nicht auf schönes Land zu fallen.

Doch halt, bevor ich mich weiter in den Widerstand begebe: Was meint der Psalmbeter eigentlich mit dem Los und dem schönen Land, von dem er in Vers 6 redet?

Beim Lesen des gesamten Psalms wird mir deutlich, beim schönen Land geht es gar nicht in erster Linie um Gesundheit, Wohlstand, Sorglosigkeit und was landläufig unter einem erfüllten, guten Leben verstanden wird. Das schöne Land ist eine Beziehung. Die Beziehung zu Gott empfindet der Psalmbeter als das gute Los, unabhängig von den Lebensbedingungen.  Die Beziehung mit Gott rückt das komplette Leben des Psalmbeters mit den Sonnen- und Schattenseiten in ein anderes Licht.

Du zeigst mir den Weg zum Leben. Große Freude finde ich in deiner Gegenwart und Glück an deiner Seite für immer.

Die Beziehung zu Gott ist für den Psalmbeter Quelle seiner Freude und seines Glücks. Aus dieser Beziehung heraus lässt er sich zum Leben führen. Und das ist dann unabhängig von den Rahmenbedingungen, da Gott an der Seite ist. Dieser Gedanke gefällt mir. Ein Gott, der mit mir geht, egal wie gerade mein Leben aussieht. Psalm 16 erinnert mich daran, dass es beim Christsein nicht um ein Leben und einen Glauben geht, bei dem alles glatt läuft und ich auf der Erfolgsspur des Lebens unterwegs bin, auch wenn ich mir das manchmal wünsche. Gott ist gerade dabei im Auf und Ab des Lebens. Gerade dann, wenn das Leben wie eine Achterbahnfahrt ist, bietet Gott mir an, an meiner Seite zu sein und darin Leben zu finden. Das Entscheidende ist nicht das Ziel oder der Weg, sondern die Begleitung. Mit Gott an der Seite können auch Situationen, die ich mir nicht wünsche, in ein anderes Licht gerückt werden.

Aber auch diese Perspektive wirft bei mir Fragen auf.

Soll das etwa heißen: Habe eine Beziehung mit Gott und das ist es? Friede, Freude, Eierkuchen?

Ich glaube, uns werden im Leben Dinge vor die Füße gelegt, die wir nicht wollen, die wir uns sicherlich nicht ausgesucht hätten und bei denen wir fragend, ringend und zweifelnd zurückbleiben.

Der Psalmbeter erinnert mich daran: Will ich in diesen Situationen mit Gottes Gegenwart rechnen oder nicht? Kann es sogar sein, dass ich durch das Wissen mit Gott an meiner Seite, auch wenn er meine Herausforderungen und Probleme nicht löst, etwas Wertvolles für mein Leben erkennen und spüren kann?

Du zeigst mir den Weg zum Leben. Große Freude finde ich in deiner Gegenwart und Glück an deiner Seite für immer.

Ich sehe diesen Vers als eine Erinnerung und Aufforderung, Gott zu vertrauen, egal wie schlecht es mir geht. Die Beziehung zu Gott, das ist das, was mir bleibt. Das kann mir niemand nehmen.

Psalm 16 entspringt einem Vertrauen, das immer mit Gott und seiner Gegenwart rechnet.  Auch wenn es in der Achterbahn des Lebens rauf und runter geht. Mit Gott an der Seite kann ich die Herausforderungen des Lebens anders angehen.

Als meine Tochter und ich am Ende aus der Achterbahn Silverstar ausgestiegen sind, sagte sie in etwa zu mir: „Papa, das war episch. Wir haben es gemeinsam geschafft.“

Darum geht es: Zusammen mit Gott an unserer Seite schaffen wir es. Amen.