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Komplett anderer Meinung

Richtig oder falsch? Wer hat Recht und wer nicht? Eine herausfordernde Bibelstelle erwartet uns heute. Nicht mit DER Lösung, aber mit einem kleinen Hinweis, was wichtig ist im Streit. Impulsgeberin ist heute Nicole Marten.

Wochenspruch   – Lk 10, 16a

Psalmgebet – Ps 34, 2-11

Predigttext  – Joh 5, 39-47

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Erinnern Sie sich noch an den März 2020? Als uns das Corona-Virus Ausgangssperren, Maskenpflicht, Abstandsregeln und für manche – wie zum Beispiel Gastwirte – sogar fast so etwas wie ein Berufsverbot eingebracht hat? Später, als es die langersehnten Impfstoffe gab – und wir uns die Köpfe darüber heiß geredet haben, ob man sich nun impfen lassen muss oder ob alle, die sich impfen lassen, zu leichtgläubig an die Sache heran gehen? Schnell heizte sich die Debatte auf. Mit fatalen Folgen. Manche Freundschaft ist darüber zerbrochen, weil Impfbefürworter mit Impfgegnern nicht mehr sprechen wollten – und umgekehrt. Schon gar nicht hielten es die unterschiedlichen Parteien aus, sich zu begegnen. Der Riss ging auch durch viele Familien. Geblieben sind in den meisten Fällen hässliche, böse Narben, die manchmal stark schmerzen. Manche Freundschaft ließ sich nach der Pandemie und dem Ende der Einschränkungen nicht mehr kitten. Wie schnell habe auch ich mich auf der Seite der „Guten“ gesehen. Die Anderen, das waren die „Bösen“. Zumindest waren sie diejenigen, die in die Irre gehen. Dass Corona begann, unser Leben völlig auf den Kopf zu stellen, ist nun fünf Jahre her. Fünf Jahre, in denen ich denke, ich sollte daraus doch etwas gelernt haben. Zum Beispiel, andere, die eine komplett andere Meinung haben als ich, dennoch als wertvolles Gegenüber zu respektieren. Aber habe ich das? Ich bin mir da manchmal nicht so sicher.

Vor ein paar Monaten saß ich mit ein paar Freunden beim gemeinsam gekochten Abendessen zusammen. Plötzlich drehte sich das bis dahin so friedliche Gespräch nicht mehr um friedliche Dinge, sondern um das Thema Krieg. Soll Deutschland kriegstüchtig werden, ja oder nein? Soll die Wehrpflicht wieder aktiviert werden? Ist es richtig, jetzt aufzurüsten? Schnell wurde aus einer anfangs harmlosen Diskussion ein erbitterter Streit. Fast alle waren sich einig: Klar, Putin muss man mit Waffen überzeugen, Gespräche helfen nicht! Und natürlich müssen wir nicht nur aufrüsten, sondern alle müssen zwangsverpflichtet werden, anders geht es nicht. Doch eine widersprach. Sie sagte, sie finde das schwierig, einfach von jetzt auf gleich junge Männer zwangsweise zum Kriegsdienst einzuziehen. Ihre Söhne jedenfalls würde sie nicht ohne Weiteres dafür hergeben. Das Säbelrasseln sei ihr suspekt. Krieg heißt Tod. Krieg heißt Zerstörung. Die meisten in der Gruppe versuchten, diese Stimme des Friedens zu übertönen. Aus der Geschichte müsse man Lehren ziehen, hieß es. Das Dritte Reich hat ja schließlich auch erst aufgehört zu existieren, als die Deutsche Wehrmacht besiegt und viele deutsche Städte zerbombt waren, argumentierten sie.

Ich war ziemlich überrascht und auch entsetzt darüber, wie in einer Gruppe von Freunden plötzlich fast alle versuchen, eine einzelne zu überstimmen. Eine, die eine andere Meinung vertritt. Wie heftig wir uns in die Haare gekommen waren! Wie verrückt, dass es in der Diskussion auf einmal nur noch schwarz oder weiß gab – und nicht einen einzigen grauen Zwischenton! Ein anderer beteiligte sich schon gar nicht mehr am Gespräch. Ihm ging das alles zu weit. Er ist ebenfalls gegen Wehrpflicht und Aufrüstung – aber er kapitulierte vor der Mehrheitsmeinung, die so lautstark vorgetragen wurde. Und ich selbst? Saß in der Falle. Denn einerseits glaube ich nicht, dass die Mächtigen dieser Welt sich immer und in jedem Falle mit Worten überzeugen lassen. Schon gar nicht Herrscher, die Kriege beginnen. Und andererseits weiß ich, dass es auch wichtig ist, zu verhandeln und miteinander zu reden. Und ich gebe zu: Mir macht diese Ausrichtung auf Krieg oder Verteidigungsfall auch Angst. Angst vor einem möglichen Krieg. Und gleichzeitig denke ich: Man muss sich auf alle Eventualitäten vorbereiten. Ich zog die beiden, die eine Minderheitsmeinung vertraten, in ein separates Gespräch. Darüber, was mir Angst und Sorge macht. Und fragte sie, was sie ängstigt und worum sie sich sorgen. Und weil die Befürworter von Wehrpflicht und Aufrüstung plötzlich gar keine Gegenworte mehr bekamen, wurden sie langsam still und immer stiller. Auf einmal hörten sie zu. Und verstanden die andere Seite. Ihre Meinung hat sich dadurch nicht geändert. Meine ja auch nicht. Aber ich habe an diesem Abend etwas gelernt. Darüber, wie man in wichtigen Fragen uneins sein kann – und doch weiter miteinander in Freundschaft verbunden bleiben kann. So etwas gelingt nicht in jeder Diskussion, auch das habe ich schon erlebt. Und doch: Der Kochabend macht mir Mut, das immer und immer wieder zu versuchen. Den anderen zu sehen, mit dem, was ihn oder sie umtreibt. Das erst einmal ernst zu nehmen und den Menschen selbst anzunehmen. Ihn nicht zu verurteilen. Das heißt nicht, dass ich meine Meinung ändern muss. Das heißt auch nicht, still zu bleiben und nicht zu widersprechen. Aber ich will mich darin üben, beispielsweise ruhig zu sagen: „Da bin ich anderer Meinung.“ Oder: „Ich sehe das anders.“ Und zu fragen, was hinter der Überzeugung des anderen steckt. Welche Lebenserfahrung, welche Gefühle hat die andere? Wie ist sie geworden, wer sie ist?

Mit dem Bibeltext für heute habe ich mich deshalb sehr schwer getan. Denn auf den ersten Blick ist das ein ziemlich vernichtendes Urteil zur Glaubenspraxis der Pharisäer. Also den führenden Theologen im Judentum zur Zeit Jesu. Vorwurf reiht sich an Vorwurf. „Ihr forscht in den Schriften, aber ihr versteht sie falsch“, könnte man es zusammenfassen. Und „ihr nehmt Ehre voneinander an – und sucht nicht danach, Ehre bei Gott zu bekommen!“ So viele Vorwürfe. Aber da gibt es einen kleinen Satzanfang, den man bei diesen harten Vorhaltungen schnell übersieht: „Ihr forscht in den Schriften.“ Das erkennt Jesus also an, dass die führenden Theologen seiner Zeit in den jüdischen Schriften ewiges Leben suchen. Und doch bleibt er dabei: „In den Schriften findet Ihr das ewige Leben nicht, sondern in Gottes Sohn. Und darin, Gott allein die Ehre zu geben.“ Da gibt es für Jesus also eine klare Kante. Und doch nimmt er seine Gegenüber ernst. Ihre Bemühungen, ihren Eifer, ihre Ernsthaftigkeit. Auch dann, wenn er aus den heiligen Schriften der Juden ganz andere Schlüsse zieht. Das ist für mich der springende Punkt. Das möchte ich üben, immer und immer wieder.

Amen