Lebe!

Es gibt leichte und weniger leichte Predigttexte. Am 22. Sonntag nach Trinitatis erwarten uns heute nur wenige Zeilen Predigttext. Die haben es in sich! Nicole Marten hat sich der Zeilen angenommen und nimmt uns mit zu Lara, Hildegard, Werner und Peter. Ach ja, und der Beter weiß heute ganz genau zu wem er geht, wenn ihm alles über den Kopf wächst.

1 Kommentar
Kommentare
  1. Gabriele Deiß
    Gabriele Deiß aus Filderstadt sagte:

    Vielen Dank für diesen Kleinen Gottesdienst heute! Der Impuls hat mir sehr gut getan und mir Mut gemacht! Danke!!

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Lara ist Studentin. Gerade hat sie ihren Mitstudierenden ihre Ideen für die Masterarbeit vorgestellt. Jetzt ist sie frustriert und voller Selbstzweifel. Das Thema hat nicht richtig gezündet. Und sie hatte sich schwer getan, ihre Gedanken auf den Punkt vorzustellen. Die anderen waren da viel professioneller. Hatten schon ein ausgefeiltes Konzept für ihre eigenen Arbeiten und konnten das auch viel besser darstellen. Es klang einfach so ausgereift, so gut. Was Lara vorgestellt hatte, sieht jetzt, im Nachhinein, für sie ziemlich dünn und wenig überzeugend aus. Ihre Gedanken laufen Sturm. „Du bist nichts. Du kannst eh nichts. Die anderen sind so viel besser als du! Das ist falsch gelaufen. Und das. Und jenes auch noch!“

Und da sind Hildegard und Werner. Sie haben Kinder groß gezogen und mittlerweile schon Enkel. Sie machen sich große Sorgen. Ist die Erde noch ein guter Ort für die nachfolgenden Generationen? Der Klimawandel zeigt sich überdeutlich: Dürren und Waldbrände im Sommer. Überschwemmungen und Unwetter. Die Meere, die zu warm sind und auch noch voller Plastik. Dazu die Konflikte weltweit. In vielen Ländern herrscht Krieg. Grausame Nachrichten sind zu hören. Viele Menschen sind auf der Flucht und wollen ein neues Leben in Europa anfangen. Doch die Frage ist, ob und wie flüchtende Menschen gut aufgenommen werden können. In vielen Ländern ist ein Rechtsruck in der Politik zu beobachten. Hildegard und Werner fragen sich: „Kann das alles gut gehen? Werden unsere Enkel gut leben können, wenn wir längst nicht mehr sind?“

Ja und Peter? Peter fühlt sich gerade nicht wohl in seiner Kirchengemeinde. Es scheint, dass jeder mit jedem im Streit liegt. Die Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber, eine Einigung scheint weit, weit weg zu sein. Viele sind gar nicht mehr wirklich in der Lage, miteinander zu reden – und zuhören will auch kaum noch jemand. Es ist eine verfahrene Situation. Was tun, fragt er sich.

Der 22. Sonntag nach Trinitatis, den wir heute feiern, steht unter dem Motto „In Gottes Schuld“. Lara, Hildegard, Werner und Peter haben eines gemeinsam: Sie kämpfen mit sich und damit, dass in unserer Welt vieles im Argen liegt – und vieles wirklich schlimm ist. Ihnen ist wahrscheinlich bewusst, dass sie in Gottes Schuld stehen. Ich kann das gut nachvollziehen, mir geht es manchmal ganz ähnlich. Und dann lese ich den Bibeltext für heute, von dem ich jetzt ein paar Auszüge nennen will. Euch sind die Sünden vergeben. Ihr habt den erkannt, der von Anfang an war. Ihr seid stark. Das Wort Gottes wirkt in euch. Ihr habt den Bösen besiegt.

Das klingt ja, als wäre es direkt für heute geschrieben worden. Obwohl diese Worte fast 2000 Jahre alt sind. Und unsere Situation heute damals gar nicht im Blick sein konnte – wie auch? Kann der Text für uns heute gültig sein? Ich meine: Ja! Der 1. Johannesbrief hat keinen Absender und auch keinen Empfänger. Das ist ziemlich ungewöhnlich, wenn man sich andere Briefe aus dieser Zeit anschaut. Normalerweise wird immer zuerst festgehalten, wer schreibt – und an wen. Der Brief ging also nicht an eine einzelne Gemeinde, sondern an alle Christen damals. Und er wurde uns in der Bibel überliefert. Deshalb dürfen wir ihn getrost auch für uns in Anspruch nehmen. Der Zuspruch jedenfalls tut gut.

Und er gilt allen. Wir hören hier von Kindern, Vätern und jungen Männern, denen Zusagen gemacht werden. Der Autor des Briefes wählt Anreden, die sehr familiär sind und überträgt das auf die Gemeinde. Er will alle ansprechen – und tut das mit Worten, die damals nahe lagen. Wir alle sind also gemeint.

Liebe Kinder. Er spricht zu Lara. Zu allen Laras, zu mir und dir, zu den von Selbstzweifeln Geplagten: Du bist gut genug. Denn dir ist vergeben, was dich plagt. Daran kannst du dich festhalten. Du musst dich nicht ständig mit den anderen vergleichen, dich fertig machen, Argumente gegen dich sammeln. Du bist geliebt, so wie du bist. Schau weg von den anderen und mache dir deine Stärken bewusst. Du bist angenommen, du bist geliebt und begabt! Lebe, was du schon bist!

Liebe Väter, liebe Mütter. Liebe Hildegards und Werners. Ihr dürft gewiss sein: In euren Fragen, eurem Ringen um den guten Weg, eurem Bemühen um andere, eurem Sorgen und Mitleiden, da habt ihr Jesus schon erkannt, der von Anfang an war. Jesus, der schon war, bevor die Welt geschaffen wurde, der ist und bleibt. Durch die Zeiten hindurch, in denen es Kriege, Krisen und Naturkatastrophen gab. Er bleibt. Er ist da. Und er trägt. Die Zusage Gottes, „Solange die Erde währt, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Sie gilt auch uns heute. Wir dürfen darauf vertrauen und aus dieser Gewissheit Kraft schöpfen und leben. Das Leben leben, das wir hier und jetzt geschenkt bekommen haben.

Liebe Freunde, liebe Freundinnen. Lieber Peter. Liebe alle, die ihr euch nach Frieden sehnt. „Ihr seid stark. Das Wort Gottes wirkt in euch. Ihr habt den Bösen besiegt.“ Das glaubt der Schreiber des 1. Johannesbriefes. Was für eine Zusage. Der Streit, das Böse, ist schon besiegt. Und wodurch? Weil das Wort Gottes in uns wirkt.“ Vergebt einander. Geht aufeinander zu. Mach du den ersten Schritt. Denn den Sieg habt ihr schon errungen. Der Friede Gottes ist nicht nur eine Metapher, er ist schon mitten unter uns. Sei ein Friedensbote, trag die Botschaft einfach weiter. Hör auf zu streiten und suche Versöhnung. Das Wort Gottes in dir, es wirkt. Deshalb bist du stark. Vertraue darauf und lebe diesen Frieden, der in dir schon angelegt ist.

Die Worte aus dem 1. Johannesbrief sind Worte des Zuspruchs. Sie wollen Mut machen gegen die Zweifel, gegen die Angst, gegen die Schwachheit, gegen die Ausweglosigkeit, gegen all das, was dem eigenen Leben entgegensteht, ein Trotzdem setzen. Weil Gott für uns ist. Weil er trotzdem liebt. Trotzdem vergibt. Trotzdem nicht aufgibt. Der Welt, meiner Probleme und Sorgen zum Trotz hat Gott sich in Jesus gezeigt. Damit wir vertrauen können. Seiner Liebe vertrauen können und uns alles zutrauen können – trotzdem, ihr lieben Kinder, ihr lieben Mütter und Väter, ihr lieben Freudinnen und Freunde.

Amen.