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Lost!

Es gehen nicht nur Schlüsselbund und Ohrringe verloren, manchmal auch ich selbst. Mitten im Alltag finde ich mich nicht mehr. Gut, wenn ich dann nicht haltlos davonschwebe.

Wochenspruch  – Röm 5, 8

Psalmgebet – Ps 25, 1-9

Predigttext  – Röm 5, 1-5

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Lost! Verloren! So lautet das Bühnenprogramm des Comedians Kana Yanar. Ich hab’s gesehen und herzlich gelacht. Er beschreibt wie er als Sohn türkisch stämmiger Eltern in Deutschland aufgewachsen ist. Ein bisschen – lost – zwischen evangelischem Religionsunterricht, den er besuchte und katholischem Unterricht, den sein Bruder besuchte und dem muslimischen Glauben seiner Eltern. Alles schien irgendwie verwirrender als bei den anderen. Lost – das war auch das Jugendwort 2020. Und auch von meinen Kindern kenne ich den Ausdruck gut. „Ich bin so lost, Mama!“ Das will mir sagen: Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Das Leben ist verwirrend. Ich treibe so dahin. Die Welt steht Kopf. Meine Freunde driften ab. Ich sehe unlösbare Aufgaben vor mir. Da ist der Klimawandel, da sind Katastrophen, Kriege und Machtmenschen mit anstößigem Verhalten. Rechts ist wieder „in“ in der Politik. Ich soll aber brav meine Ausbildung machen. Will das Leben feiern und habe andererseits so schwere Gedanken. Will ich mal Kinder haben? In so einer Welt? Oh, Mama, ich bin so lost.

Und ich kann das verstehen. Und es tut mir weh. Und ich kenn das doch auch: Lost sein – verloren sein. Ich hatte das Gefühl im Studium. Ich kenne das, als Freunde sehr jung hintereinander gestorben sind: Suizid, Verkehrsunfall, Krankheit. Ich kenne das Gefühl, wenn ich mir Sorgen mache, um meine Kinder und mir die Arbeit über den Kopf wächst. Ich kenne es auch, als ich vor gut vier Jahren morgens die Nachrichten höre und erfahre, dass Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. Da ist mir der Boden unter den Füßen weggebrochen. Lost! Verloren!

Die gute Nachricht: Da gibt es was, was hilft. Gegen Lostsein. Und davon redet Paulus in den – ich muss gestehen – sehr schwierigen Worten, die wir gerade gehört haben. Gott hat ein Angebot gegen das Lostsein. Dieses Angebot ist einzigartig, wunderbar. Es ist die Gute Nachricht. Es ist das Evangelium. Ach, so einfach ist das? Ja und nein. Ja, weil Christ:innen doch eigentlich darum wissen und nein, weil das Leben, der Alltag einen immer wieder ganz schön  – lost – zurücklässt und die helfende Botschaft, dann doch nicht so leicht zu begreifen ist.

Deshalb ist es gut, dass es einen Sonntag im Jahr gibt, der mal wieder klar macht:

Ja, dieses Gefühl des Verlorenseins, das gibt es. Das ist real. Das ist die Wirklichkeit. Aber genau dann, wenn du dich so fühlst, will Gott dich erinnern: Es gibt einen Halt, der dich nicht verloren gehen lässt. Und weil genau das die beste Botschaft der Welt ist, versucht Paulus sie hier ganz kompakt zusammenzufassen. Denn – jetzt kommt ein kleiner Exkurs – er bezweckt damit etwas. Es ist sozusagen Marketing was er da macht. Paulus schreibt diese einzigartig beste Botschaft an Menschen, die in Rom zu Jesus gefunden haben. Diese Menschen waren ursprünglich nicht wie er Juden. Paulus stellt sich ihnen als einer vor, der Jude ist, aber zu Jesus gefunden hat und jetzt Richtung Spanien reisen möchten, um noch mehr Menschen von diesem wunderbaren Gott zu erzählen, der sich den Menschen in Jesus Christus gezeigt hat. Er wirbt für sich und die Botschaft, die er hat, damit er in den Römern Unterstützer:innen für seine Reise findet. Er braucht Support und um es mit dem Comedian Kana Yanar zu sagen, er stellt sein Bühnenprogramm vor.  Paulus fragt: Bin ich der Richtige? Nehmt ihr mir meine Gedanken und Erfahrungen im Glauben ab? Überzeugt, was ich sage? Ist es auch das, was die Menschen brauchen?

Genau das sind dann auch die Fragen, die heute noch wichtig sind, wenn es darum geht die Bedeutung des Glaubens zu ermessen.

Ist die Gute Nachricht, das Evangelium, das was ein Mensch braucht? Sucht? Bringt das was? Überzeugt mich das?

Ja, dieser Glaube bringt’s, bin ich überzeugt. In meinem Verlorensein ist er nicht nur Halt, sondern weist in die Zukunft und gibt meinem Leben Sinn. Warum das so ist, das erklärt Paulus in den gehörten fünf Versen. In drei Schritten beschreibt er das:

  1. Meine negative Vergangenheit gehört durch meinen Glauben an Gott der Vergangenheit an.
  2. Weil ich mit der Vergangenheit abschließen darf und kann, finde ich Frieden und entdecke, wie sehr Gott mich liebt – ohne Wenn und Aber. Das ist das Fundament meines Lebens. Der Halt im Verlorensein. Wenn die Alltagssorgen über mir zusammenbrechen. Wenn die Krisen über mich hereinbrechen. Die Liebe. Gottes Liebe bleibt. Hält an mir fest. Lässt mich nicht los. Ist Anker. Ist Schnur, auch wenn ich ganz weit aus meinem Leben herausfalle.
  3. Diese Verbundenheit mit Gott. Dieser Grund auf dem ich stehen kann, der lässt mich hoffen und schenkt mir so ein „Herz, das ich in die Zukunft werfen kann“, wie es mal jemand beschrieben hat.[1]

Was Paulus hier schreibt wurde Martin Luther Grundlage für seine Rechtfertigungstheorie, nicht die Werke, die Leistung, machen den Menschen vor Gott gerecht, sondern der Glaube. Das Zustimmen zu Gottes Liebe zu mir. Mein Ja-Sagen zu ihm, stellt meine Füße auf festen Grund. Dafür muss ich kein Webinar oder eine Fortbildung besuchen. Ich brauche mich nicht schick machen und auch nicht meinen Lebenslauf aufpolieren. Ich darf kommen wie ich bin. Gott hat längst zu mir Ja gesagt. Wenn ich Ja sage, dann ist das meine Bereitschaft seine Liebe anzunehmen, die mir Lebensgrundlage sein will. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

So einfach und doch so schwer. Weil das Leben auch als Christ:innen, als Ja-sager:in nicht ohne Hochs und Tiefs bleibt, die einen erschüttern und immer wieder verloren fühlen lassen. Dann gilt es besonderes, sich wieder bewusst zu machen: Ich stehe auf einem Fundament der unerschütterlichen Liebe.  Um mir das wieder deutlich zu machen, ist Punkt eins so wichtig. Gottes Zusage: Deine negative Vergangenheit, die dich immer noch, immer mal wieder belastet; die dich – lost – verloren fühlen lässt. Sie ist Vergangenheit. Gott schenkt dir dafür Gnade. Du darfst Frieden darüber finden. Christ:innen haben Rituale, die ihnen das immer wieder vor Augen führt, sie fühlen und schmecken lässt – zum Beispiel das Abendmahl. Im Gebet komme ich vor Gott. Sage ihm meine Belastungen. Bekenne meine Fehler. Wo ich Menschen Unrecht getan habe, sie verletzt habe. Und dann stelle ich mich bewusst in die Gemeinschaft mit Gott. Er vergibt mir. Gibt mir Kraft und Mut Fehler auszubügeln und selbst da, wo das nicht mehr möglich ist, schenkt er mir Vergebung, damit ich am Ende loslassen kann. Vergangenes soll der Vergangenheit angehören. Damit gehört die Vergangenheit immer noch zu mir, aber ich darf befreit in die Zukunft gehen.

Es ist die beste Botschaft. Es ist das,  was Menschen damals gebraucht haben und heute noch brauchen. Paulus überzeugt mich noch heute. Gott überzeugt mich.

Paulus – du kannst nach Spanien reisen und diese Botschaft den Menschen anbieten. Danke, dass du mich erinnerst, dass auch ich meinen Kindern, meinen Freunden, den Menschen sagen: Es gibt was gegen Lost! Gegen das Verlorensein. Etwas das mich hält und mein Herz in die Zukunft wirft. Ich kann hoffen. Amen.

[1] https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/reminiszere-roemer-5