Foto: radio m, Anja Kieser

Mutmachbrief

Mit Hand schreiben? Briefe? Ein Auslaufmodell. Dabei ist so schön, einen echten Brief zu bekommen. Was zum in der Hand halten, zum Nachlesen, zum Erinnern. Heute geht es auch bei uns um einen besonderen Brief und unser Impulsgeber ist Wilfried Röcker.

Wochenspruch  – Jes 60, 2

Psalmgebet – Ps 97

Predigttext  – Off 1, 9-18

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Es ist ein ganz normaler Morgen bei mir am Frühstückstisch. Der Kaffee dampft, der Frühstückstisch lädt ein zu einem leckeren Mahl. Deutschlandfunk läuft. Ich höre Meldungen und Gespräche über die Rede von Donald Trump in Davos und die Abstimmung zum Mercosur-Abkommen im europäischen Parlament. Von erneuten massiven Angriffen auf die Energieinfrastruktur in der Ukraine wird berichtet und dass Helgoland vorsorglich testet, was die eigenen Strom-Generatoren auf der Insel können, wenn es zu einem Blackout durch die Zerstörung des einzigen Strom-Erdkabels kommt, mit dem die Insel versorgt wird. Und ich sitze an meinem Frühstückstisch, meine Tasse Kaffee in der Hand, und merke wie meine Beunruhigung zunimmt. Seit Wochen. „Die da oben haben das Geschick unserer Erde in der Hand. Die Mächtigen treiben ein böses und riskantes Spiel, um noch reicher und noch mächtiger zu werden. Was für ein Leichtsinn.“

Ich erinnere mich an meine Predigt für den kleinen Gottesdienst am zweiten Advent: Die Zukunft wird von den Mutigen gemacht. So hatte ich damals meine Predigt begonnen. Halte ich daran fest? Heute steht das Verfassen einer Predigt über die ersten Worte aus der Offenbarung des Johannes an. „Wird die Zukunft wirklich von den Mutigen gemacht?“

Johannes jedenfalls tritt auf als solch ein Mutiger auf.
Er schreibt: Ich bin auf die Insel Patmos verbannt worden. (V. 9) Ein Ort, wohin die Römer ihre politisch Gefangenen deportierten. Er hatte sich geweigert, ein Bildnis des Caesar als Gott zu verehren. Weil er gesagt hat: „Mein Leben gehört einem anderen.“ Darum sitzt er nun fest. Die Insel ist karg, das Meer endlos, die Einsamkeit und Gewalt erdrückend. Was tut er? Er könnte verzweifeln, schweigen, aufgeben. Aber dann hat er eine Gottesbegegnung, die ihn umhaut.

Schreib in ein Buch, was du siehst, und schick es an die sieben Gemeinden. (V. 11) Selbst wenn Du nicht frei bist – mein Wort ist es, sagt diese Stimme: Selbst hier, wo dich scheinbar niemand sieht, ist einer da, der dich sieht und dich anspricht. Zugewandt, nicht vernichtend: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch schau her: Ich lebe für immer und ewig und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich. Schreib auf, was du gesehen hast, was jetzt gerade geschieht und was später geschehen wird. (V.19)

Und er tut es. Sein Schreiben ist sein Widerstand. Ist seine Hingabe an den, der anders mächtig ist. Der als Lamm auftritt, verletzlich und am Ende doch siegen wird. Sein Schreiben wird zu einer Theologie des Widerstands gegen die Mächtigen.

In Berlin Tegel sitzt ein anderer im Gefängnis. Draußen tobt der zweite Weltkrieg, ihn hat man geschnappt bei seinem Versuch des Widerstands und man wird ihn töten. Dietrich Bonhoeffer sitzt im Gefängnis und schreibt Briefe. „Was machen Sie den ganzen Tag?“, fragt ihn ein Wärter. Bonhoeffer antwortet: „Ich bete. Ich denke. Ich schreibe.“ 1950/51 wird diese Sammlung von Briefen Bonhoeffers veröffentlicht. Sie trägt den Titel „Widerstand und Ergebung“.

Die scheinbar Entmachteten setzen sich hin und schreiben. Vernetzen sich. Wenden sich an die da draußen. Ermutigen, trösten, mahnen. Sie werden zum Sprachrohr der anderen Werte. Werte, die die scheinbar Mächtigen dieser Welt am Ende überdauern. Liebe. Hoffnung. Trost: Gott ist bei uns Menschen. Mitten im kleinen, hoffnungslosen Alltag.

Und sie haben recht. Ihre Briefe. Die an die sieben Gemeinden in Kleinasien und die Briefe Bonhoeffers werden noch immer gelesen. Machen Mut, an einer Theologie des Widerstandes festzuhalten, die so ganz anders ist, als die Theorie der Macht. Diese Theologie des Widerstands ist kollektiv. Sie vernetzt sich in Briefen, teilt Ideen, bleibt nicht für sich. Dieser Widerstand ist spirituell. Er lebt aus der Begegnung und tröstlichen Zuwendung Gottes, der sagt: „Fürchte Dich nicht!“ Dieser Widerstand ist von Hoffnung geprägt. Er gründet im Vertrauen, dass Gott alles Todbringende überwunden hat.

Was für eine Kraft, denke ich. Mittlerweile habe ich den Frühstückstisch mit meinem Schreibtisch getauscht und schreibe selbst. „Die Zukunft wird von den Mutigen gemacht.“ Ich bleib dabei auch nach den Schlagzeilen von heute früh. Erstaunlich: Eine Dankbarkeit macht sich breit inmitten von diesem niederziehenden Cocktail aus Angst und Ohnmacht: Danke ihr Mutigen, dass es Euch gab. Danke, Du Seher Johannes für Deine Briefe an die Gemeinden. Danke Dietrich Bonhoeffer für Deine Briefe aus dem Gefängnis. Danke, Martin Luther King für Deinen Traum, den Du in Washington übers Mikrophon hinausprophezeit hast. Die Mächtigen dachten, dass sie euch besiegt haben. Doch Eure Worte haben sie überlebt und besiegt. Sie machen noch immer denen Mut und Hoffnung, die in der Kälte frieren, die auf der Flucht sind, die ihre Toten beklagen und nicht mehr in ihre zerstörte Heimat zurückkönnen.

Dieser Theologie des Widerstandes will ich mich in meiner warmen und sicheren Stube anschließen. Love Boldly, Serve Joyfully, Lead Courageously. Liebe mutig. Diene fröhlich. Gehe couragiert voran. Dieses Motto der Evangelisch-methodistischen Kirche aus den USA verbindet sich mit dem Motto des Kirchentags in Nürnberg 2023: mutig – stark – beherzt. Es gibt sie auch heute: die Mutigen, die anders agieren wollen als die, die uns Angst machen. Weil Gott ihnen die Kraft gibt. Und weil er auch uns diese Kraft gibt in unserem kleinen verängstigten Alltag, lade ich ein, mit mir zu beten: