Nichts als Liebe
Dass Jesus unendlich Schweres auf sich genommen, aber wozu? Nicht einmal in seinem direkten Umfeld hat sich jemand für ihn interessiert. Dazu hören Sie ein Psalmgebet und eine bittere Geschichte.
Dass Jesus unendlich Schweres auf sich genommen, aber wozu? Nicht einmal in seinem direkten Umfeld hat sich jemand für ihn interessiert. Dazu hören Sie ein Psalmgebet und eine bittere Geschichte.
Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Was für Vollpfosten, diese Jünger. Trottel und Schlafmützen, wie sie im Buche stehen. Wenn man irgendwas nicht braucht, dann solche Typen. Da erzählt ihnen Jesus schon Tage vorher, dass er in Jerusalem wird sterben müssen, Petrus macht ne Welle, „nee, dann gehen wir da aber nicht hin“ und Jesus haut ihm um die Ohren, das sei vom Satan. Dann erklärt Jesus allen, dass einer aus der Truppe ihn verraten wird, versetzt sie in helle Aufregung – und jetzt pennen sie einfach weg. Schnarchnasen. Als es wirklich wichtig wird. Als es einmal andersrum gehen soll und sie für Jesus da sein sollen, statt er immer für sie. Das ist so arm. Blicken die es nicht? Sie wissen doch, wie es ihm geht, können ihm in die Augen schauen, als er ihnen sagt, welche Angst er hat, Todesangst, wie ihn tiefe Traurigkeit packt, ihm der Mut schwindet und die Kraft verlassen. Kann ja nun wahrlich niemand sagen, die Jungs seien nicht im Bilde gewesen. O.K., sie wissen noch nicht, wie brutal es wirklich werden wird. Und wir kennen das wohl von uns: Sagt man uns eine dramatische Zukunft voraus, reagieren wir mit Beschwichtigungen. „Wird schon nicht so schlimm kommen.“ „Jetzt mal halblang, erstmal abwarten.“ „Wird alles nicht so heiß gegessen wie gekocht.“ Solche Sprüche.
Andererseits könnte ihnen schon einigermaßen klargewesen sein, dass Jesus kein Sprücheklopfer war. Genau deshalb sind sie ja mit ihm gegangen all die Jahre. Weil er geredet und dann auch gemacht hat. Weil es kam, wie er sagte.
Jesus dagegen hält durch in dieser schlimmen Stunde. Er zieht’s nicht durch, wie wir sonst oft von ihm gelesen haben, aber er hält durch. Und es kostet ihn alles. Er ist am Ende und wendet sich an den, der ihm einerseits Hilfe ist, andererseits auch, sagen wir mal, Auftraggeber. Aber es geht nicht distanziert-kühl um einen Auftrag, der pflicht- und ordnungsgemäß auszuführen ist. Der Wille hinter dem Auftrag ist wichtig: Liebe absolut zu leben. Bis über alle menschlichen Grenzen hinaus, damit wir unmissverständlich und glasklar sehen: Gottes Liebe kennt keine Grenzen, sie geht wirklich, wirklich, wirklich bis zum Äußersten, dem Alleralleräußersten. Jesus lebt keinen Kadavergehorsam nach dem Motto „ich frage nicht, ich denke nicht, ich mache nur, denn Auftrag ist Auftrag“. Jesus setzt keine Durchführungsverordnung um, weil sein Vater das eben so will. Sondern Jesus lebt seine Liebe, auch wenn er hofft, ersehnt und fleht, dass ihm nicht das Äußerste abverlangt wird. Aber wenn es doch, dann, ja, dann wird er sich, nein, nicht dumpf dem Willen eines anderen fügen, sondern seine Liebe leben. Bis zum Letzten.
Und die Jünger? Pennen. Ganz ehrlich, auch wenn sie nicht wissen, nicht wissen können, wie schlimm es für Jesus werden wird, sie sehen doch seine Angst, seine Not, seine schwindenden Kräfte, seinen zusammenbrechenden Mut. Allein dafür könnten sie doch, bitte schön, wach bleiben. So was tut man doch für Freunde! Oder offenbar auch nicht. Und als Jesus sie, wie sie schlafen, erklärt er ihnen ja sogar nochmal, warum sie, bitte, wachbleiben sollen. „Selbst wenn ich euch egal sein sollte, dann betet wenigstens für euch, kümmert euch wenigstens um euch, dann bleibt eben wenigstens um euretwillen wach und betet.“ Nützt aber auch nichts. Die Jungs pennen wieder ein. Klar, war auch ne Menge los gewesen. Einzug in Jerusalem, Riesen-Hosianna-Party, im Tempel gründlich aufgeräumt, sich richtig mit den Gegnern angelegt, großes Abschlussessen mit Drama-Ankündigung, Passah-Fest, jede Menge Leute in der Stadt, das strengt an, da zieht’s einem irgendwann den Stecker. Aber ausgerechnet jetzt?!
Die Jungs blicken es nicht. Oder doch, aber sie verdrängen es, weil es echt total unangenehm ist? Oder fanden sie Jesus nur da großartig, wo er geheilt hat? Wo er sich mit dem religiösen Establishment mutig und erfolgreich angelegt hat? Aber so einen schwachen Jesus? Nee, aber der wird schon wieder, hat halt auch mal n schlechten Tag? Sollte sich vielleicht auch eher mal hinlegen und ne Runde schlafen, statt hier Panikdrama zu machen? Es ist schwer zu ergründen, was in den Jüngern vorgegangen sein mag, dass sie sich hingelegt haben und eingeschlafen sind. Obwohl Jesus extra sie mitgenommen hatte. So viele Erklärungen wir auch suchen, so richtig versteht man’s nicht. Und schnell ist der Bezug zu uns selbst hergestellt. Wir wollen ja, dass der Text uns was sagt. Also: Was sagt er uns? Dass wir wahrscheinlich genauso trüben Tassen wären? Dass man sich auf uns wahrscheinlich auch nicht verlassen könnte? Dass auch wir glaubensmäßig ziemlich verpennt sind? Und dann schlagen wir uns reumütig an die Brust, bekennen Gott unsere Erbärmlichkeit, neigen unser Haupt gen Boden und finden uns auch sonst ganz schlecht. Und gehen doch bloß der selbstgerecht-frömmelnden Selbstkasteiung auf den Leim.
So wird das nichts. Weil wir mit einer solche Auslegung des Textes genau das machen, was wir an den Jüngern so unverständlich bis erbärmlich finden. Die drehen sich schön um sich selbst, taumeln sich schwindelig und gleiten langsam in den Tiefschlaf ab, kriegen nichts mehr mit, bloß noch sich selbst. Wenn wir in dieser Geschichte nach uns fragen, haben wir verloren. Denn es ist gerade entscheidend, dass nicht entscheidend ist, was die Jünger tun.
Denn würde das eine Rolle spielen, dann… Würden wir für solche Typen unser letztes Hemd geben? Die uns hängen lassen, wenn’s drauf ankommt? Die dann wegpennen, wenn wir sie wirklich mal brauchen? Wohl kaum. Auch wenn Freundschaft kein Tauschhandel ist, aber wer in einer solchen Situation nicht wenigstens ein klein wenig für mich da ist, der… hat’s halt einfach verbockt.
Und Jesus könnte genau das sagen und tun. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, den anrückenden Römern samt Judas zu sagen und zu zeigen: „Mich kriegt ihr nicht!“ Er hätte sich ihnen entziehen können, hätte Klartext reden und den versammelten Mannschaften von Hohem Rat und römischer Gerichtsbarkeit erklären können, wie wahnsinnig falsch sie liegen, was ihre wahren, erbärmlichen Motive sind und sich als strahlender Sieger und freier Mann feiern lassen können. Hat er aber nicht.
Er begibt sich in die Hand Judas‘, des Hohen Rats und der Römer, er geht für seine Jungs in den Tod, als die sich nochmal verpennt rumdrehen und weiterschlafen. Weil er wirklich ohne Grenzen liebt. Bis zum Äußersten. Und das lange bevor wir irgendwas für ihn getan haben oder hätten tun können. Das ist Gnade. Das ist Liebe. Deren Zu-uns-Halten eben nicht von unserem Zu-ihm-Halten abhängen. Die gerade wegen unserer Erbärmlichkeit bis zum Äußersten gehen, damit wir wirklich bis in die tiefste Tiefe unserer Seele spüren: Er hält zu uns. Er liebt uns. Und es ist wirklich von rein, rein gar nichts abhängig. Wir können ihn total verlassen. Er verlässt uns nicht. Nie, niemals.
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