Foto: radio m, Anja Kieser

Power on!

Was kann mir so einen richtigen Kick geben? Liebe ist es, meint Impulsgeber Pastor Wilfried Röcker vom Bildungswerk der Evangelisch-methodistischen Kirche.

Wochenspruch   – Lk 12, 48

Psalmgebet – Ps 63, 2-9

Predigttext  – Phil 3, 4b-14

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Paulus und seine Philipper. Das war eine ganz besondere Beziehung. Und so ragt auch dieser kurze Brief an die Philipper aus den Paulusbriefen hervor. Es gibt eigentlich keinen Anlass in der Gemeinde, dass Paulus diesen Brief schreibt – kein Fest, keinen Ärger oder Streit über Glaubenssätze – nichts. Es war vielmehr ein Anlass, den auch wir wählen, wenn wir an jemanden einen ganz persönlichen Brief schreiben: eine tiefe innigliche Beziehung.
Ich kann ihnen nur empfehlen, den Philipperbrief einmal in einem Stück zu lesen. Die Übersetzung der Basisbibel eignet sich dazu hervorragend. Am besten lesen Sie den Brief laut. So als würden Sie Paulus selbst reden hören, der diesen Brief geschrieben hat.
Haben Sie den ganzen Philipperbrief schon mal am Stück gelesen? Probieren Sie es einfach mal aus. Drücken Sie einfach auf die „Pause-Taste“ und lesen Sie diese vier Kapitel. In einer guten Viertelstunde machen wir weiter. Mich würde interessieren:

Was ist ihnen aufgefallen?
Mir fällt auf: Mehr Wertschätzung geht nicht.
Der Brief „tönt“ – sagen die Schweizer – dann und wann auch ganz schön eingebildet.
Aber: Paulus scheint die Philipper tatsächlich über alles zu lieben.
Seine Worte klingen unglaublich gelassen und das angesichts seiner Situation im Gefängnis.
Solche Zuversicht hat schon ihre Ausstrahlung und Wirkung.

Das waren meine Gedanken nach dem Lesen des gesamten Briefs.
Und sie änderten damit tatsächlich meine erste Einschätzung zum Inhalt des dritten Kapitels.
Denn nach dem ersten Lesen des Predigttextes dachte ich: Paulus, Paulus, Du musst einfach immer der beste sein. Egal, ob Du Dich als Jude preist oder ob Du Dein Engagement für Christus rühmst. Hör mir auf damit – ich ertrag das nicht, dieses: „Seht her was ich für ein toller Kerl bin.“

Na, ganz schön empfindlich, der Röcker, denken Sie vielleicht. Was nimmt der sich heraus, so über Paulus zu sprechen? Sie haben recht: Vielleicht reagiere ich auf dieses dritte Kapitel so empfindlich, weil es derzeit genügend Menschen gibt, die so in sich selbst verliebt und krankhaft narzisstisch unsere Weltgemeinschaft an den Abgrund führen. Eigenlob stinkt nicht nur, Narzissmus zerstört.

Aber ich täte Paulus tatsächlich unrecht, wenn ich ihn nach diesen 10 Versen in Philipper 3 in diese Psycho-Ecke stecke. Der gesamte Brief an die Philipper steckt voller Wertschätzung gegenüber anderen. Paulus gibt den Philippern, was jeder Mensch braucht: Wertschätzung. Konstruktive Rückmeldung. Gesehen werden. Sich wohlwollend begleitet wissen. Das stärkt, beflügelt und lässt Menschen über sich hinauswachsen.

Glücklich preisen können sich alle, die solche Freundinnen und Freunde haben. Glücklich preisen können sich alle, die solche Mentorinnen und Mentoren wie Paulus haben, die mit ihrer Zuversicht und ihrer inneren Freiheit Mut machen, das Leben in Hingabe an den zu gestalten, der die Quelle dieser Lebenskraft ist: Jesus, der Gottes Liebe zu uns Menschen gelebt hat.

Du bist richtig. So wie Du bist. Dass Du bist, genügt. Du musst nicht, Du darfst sein. Du bist von Gott geliebt. Empowerment – so nennt man das heute – von Anfang an. Und das befreit. Wer sich so geliebt weiß, muss nicht mehr auflisten, was für ein toller Kerl er ist, auch wenn er das könnte – wie Paulus es dann doch kurz tun muss. Aber dann fasst er sich gleich wieder und stellt fest: „ja – so hab ich getickt. So hab ich gedacht. Daraus hat sich mein Selbstbewusstsein gespeist: Saulus, hab ich lange gedacht: Du bist einfach der beste. Aber nun ist alles anders. Aus dem Saulus wurde ein Paulus, einer der darauf vertraut, dass der gesamte Wert seines Lebens darin ruht, dass Gottes JA gilt: Ja, Du bist richtig. Paulus, Ja, Du bist geliebt. Ja, Du darfst sein. Du musst nicht erst etwas leisten.“

Du bist Du, das ist der Clou, Ja der Clou – ja du bist Du!
Im Jugendkreis haben wir früher dieses Lied gesungen. Vielleicht kennen Sie es ja auch. Und ich merke, in diesem Zuspruch, auch hier im Philipperbrief, da liegt Musik drin.

Eine ungeahnte Kraft. Menschen, die sich wertgeschätzt und konstruktiv begleitet wissen, wachsen über sich hinaus. Vielleicht konnten Sie es auch schon an sich selbst beobachten. Haben selbst erfahren: wie sie fröhlich wurden, zuversichtlich, mutig, frei, großzügig und unabhängig. Wie Sie ihre Begabungen entdeckten und lebten. Wie sich eine starke Resilienz entwickelte. Eine Kraft, die ihnen half, auch wirklich schwere Zeiten zu überstehen. Wie Sie auch für andere spürbar „echt“ und anziehend wurden.
Solchen Menschen, die sich selbst geliebt wissen, möchte man gerne nahe sein.

 

Eigentlich wäre ich gern Mäuschen gewesen, und hätte beobachtet, was für ein Raunen durch die Gemeinde in Philippi gegangen ist, als dieser Brief des Paulus vorgelesen wurde. Freude, Zuversicht, Dankbarkeit, Energie – ich kann sie fast spüren, diese Stimmung in der Gemeinde in Philippi.

Paulus beschreibt im dritten Kapitel welche ungeahnten Möglichkeiten in ihm geboren wurden. Wie sehr er aufblühte ohne all den Leistungsdruck und ohne die Zwänge, wer sein zu müssen. Mit welcher Energie er sich für diese gute Nachricht einsetzen konnte und mit welcher Tatkraft er nun unterwegs ist. Doch dann bremst er sich. Vielleicht weil er nicht auf der anderen Seite vom Pferd runterfallen will und wieder zu einem Heiligen wird.

Darum dieses: Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen. Denn ich bin ja auch von Christus Jesus ergriffen. (V. 12)

Energie – ganz viel Energie steckt in diesem Vers.
Es gibt eine lange Auslegungstradition, die ihr Augenmerk auf dieses Streben nach dem Ziel gelegt hat. Ich lese diese Verse im gesamten Duktus des Philipperbriefs aber anders. Eher wie ein erschrecktes Stoppen, eher ein betonen: Ja, ich weiß: darum geht es ja gar nicht. Darum ging es früher. Jetzt geht es darum, sich wertschätzen zu lassen – von Gott. Das ist mein großes Ziel. Meine Schule, an der ich festhalten will, heißt: Von Gottes Liebe ergriffen sein.

Tun wir doch genau dies: Lassen wir uns wertschätzen! Verschenken wir Wertschätzung. Erzählen wir anderen, wie gut es ist, dass es sie gibt, dass sie da sind und dass sie sich kennen dürfen. Sie werden selbst merken: Das tut so unendlich gut. Das ist Balsam für die Seele. Das erfüllt die Urlaubszeit. Das gibt Kraft wieder neu in den Alltag aufzubrechen: Darauf vertrauen zu können, dass man geliebt ist und sein darf.

Christina Brudereck hat sich mit einem Post bei Instagram in den Urlaub verabschiedet, mit dem ich diese Gedanken schließen möchte:

Heute beginnt meine Sommerpause.
Urlaub.
Zeit, die längeren warmen Tage en passant zu erleben.
Langsamer. Draußen. Unterwegs.
Im Psalm betet eine Person: „Lass Deine Seele ruhen; denn die Ewige ist gut zu Dir gewesen.“ (Ps. 116,7)
Ruhe gehört zum heilsamen Rhythmus, ist ein großes Geschenk und dabei nicht nur eine Reaktion auf Müdigkeit, sie ist auch ein Vertrauen.
Das will ich im August üben – mir gefallen lassen.

Lassen auch Sie es sich gefallen. Finden sie Vertrauen und diese heilsame Ruhe. Und gehen wir gemeinsam einen ersten Schritt in diese dankbare, gelassene Ruhe vor Gott, wenn wir jetzt miteinander beten: