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Willst du wirklich sehen?

Sehen hat nicht unbedingt etwas mit den Augen zu tun. Sehend kann ich auf viele Arten werden. Will ich das?

Wochenspruch  – Lk 18, 31

Psalmgebet – Ps 31, 2-6.8-9.16-17

Predigttext  – Lk 18, 31-43

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

3 Kommentare
Kommentare
  1. Helge Dore König-Blocher
    Helge Dore König-Blocher aus Balingen sagte:

    Hallo zusammen
    der kleine Gottesdienst zum Thema: Willst du wirklich sehen, gefällt mir sehr gut. Und nun wollte ich fragen, ob es ihn auch in schriftlicher Form gibt und ihr ihn mir an meine e-mail adresse senden könntet. Das würde mich sehr freuen.
    Vielen Dank im Voraus und herzliche Grüße
    H. König-Blocher

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    • Krisztina Willy
      Krisztina Willy sagte:

      Liebe Frau König-Blocher, weiter unten auf dieser Seite finden Sie unter Manuskript die Predigt. Rechts ist ein orangene Button „Jetzt Downloaden“, da können Sie das Skript herunterladen. Ich schreibe Ihnen auch eine Email. Krisztina Willy

      Antworten
  2. Ajith Bayer
    Ajith Bayer aus 71101.Schönaich sagte:

    Hi Allegra und Anja das habt ihr super gemacht ihr zwei euch einen schönen Abend und eine gute Woche voll

    Antworten

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Irgendwie stört sich das doch.

Erst hören wir davon, dass Jesus seinen Freundinnen und Freunden erklärt, dass er bald sterben wird. Ja, auch wieder auferstehen, dass das aber jetzt ein schmerzlicher und langer Weg sein wird. Das ist doch schon Text genug, um darüber nachzudenken, was diese Ankündigung für mich persönlich heißen könnte. Und dann kommt aber noch der Text der Heilungsgeschichte zu. Eine Geschichte, die mit mürrischen und abweisenden Freunden beginnt. Verständlich sogar, denn gerade hat ihr Freund ihnen erzählt, dass er bald sterben wird. Dass das sein Weg ist. Ein Weg, der für den angekündigten Messias so schon lang prophezeit und vorgeschrieben ist. Die Freunde verstehen nicht so recht, dass das jetzt wohl Wirklichkeit wird. Ist ja auch schwer zu verstehen. Wahrscheinlich hängen sie in ihren Gedanken gerade fest. Grübeln, fühlen sich ein bisschen verloren. Und dann ruft da einer. „Sohn Davids, hab Erbarmen.“ Einer, der anscheinend weiß, dass dieser Jesus, Sohn Davids, der Messias ist. Der, der angekündigt wurde als einer, der das Leben verändert, weil er die Grenze des Todes durchbricht. Den Tod wird es immer geben, aber mit Jesus wird der Tod zur Tür in ein neues, verändertes Leben. Anscheinend weiß, ahnt, der um Hilfe schreiende Mensch das. Für die Freunde Jesu ist er in diesem Moment aber ein unliebsamer Störer. „Nicht jetzt! Nicht nachdem Jesus gerade seinen Leidensweg beschrieben hat.“, höre ich die Freunde sagen. „Sei still!“, steht im Bibeltext. Aber der Mensch lässt sich nicht abwimmeln.

Ja, eine komische Kombi diese beiden Texte. Was haben sie miteinander zu tun?

Natürlich bin ich nicht die Erste, die sich über diesen Bibeltext, so wie er in der Perikope, dem für diesen Sonntag entsprechenden Leseabschnitt, vorgeschlagen ist, Gedanken macht. Und natürlich können hier Zusammenhänge gesehen werden. Zum Beispiel der: Jesus, der bald als der Christus, der Auferstandene gesehen wird, der jetzt gerade auf dem Weg hin zu Karfreitag ist, den könnten doch jetzt andere Dinge und Fragen beschäftigten, als ein Mensch, der von der Gesellschaft ausgeschlossen ist und am Wegesrand steht? Aber genau dieser Mensch ist Jesus wichtig. Mitten in seinem eigenen Leid, das am Horizont schon aufzieht, ist ihm das Leiden dieses Menschen wichtig. Dieser Mensch ist ihm wichtig. Er sieht von sich ab und wendet sich ihm zu. Das ist es doch, was Jesus will und was er mit seinem Leben bezeugt: Helfen, wo jemand in Not ist. Die nicht übersehen, die es schwer haben. Hingehen, wo keiner hingeht. Hinhören und hinschauen, wo andere weghören und wegschauen. Wer an Jesus als den auferstandenen Christus glaubt, der kann nicht nur das Leid vor Augen haben, sondern ist auch dazu aufgerufen von sich selbst abzusehen und auf andere zu schauen. Ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen und nicht die eigenen. Diesen Zusammenhang stellt der heutige Bibeltext her.

Mir ist aber in dieser Zusammenstellung der Texte noch etwas ganz anderes wichtig geworden.

Das Sehen.

Jesus, der auf dem Weg zum Kreuz ist, sieht den, der Hilfe braucht, hört ihn, fragt, wie es nur gute Therapeuten tun: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Jesus kommt nicht mit einem vorgefertigten Plan, nimmt dem anderen die Entscheidung nicht ab, sondern setzt auf dessen Selbständigkeit und aktiviert in ihm seine Selbstwirksamkeit. Der blinde Mensch darf entscheiden, was er von diesem Jesus erwartet. Kleine Zwischenfrage: Was erwartest du von ihm?

Der blinde Mensch erwartet von Jesus, dass er wieder sehen kann. Und Jesus erfüllt diese Erwartung. Er sieht. Und hier stecken für mich viele Bilder drin, die mich nachdenklich machen. Es geht hier ja nicht nur um tatsächliche Blindheit. Es geht auch ums Sehen im Allgemeinen: mit dem Herzen, mit den Ohren, mit dem Körper, mit dem Verstand. Die Freunde Jesu sind ja auch irgendwie blind. Blind für den Leidensweg ihres Freundes, blind für die Bedürfnisse dieses Menschen, der hier um Hilfe bittet.

Der blinde Mensch erwartet, sehen zu können. Und Jesus erfüllt diesen Wunsch. Jetzt sieht er und er sieht auch den Leidensweg, den Jesus gehen wird. Mal ehrlich, will er das wirklich sehen?

Die Frage geht an mich: Will ich sehend werden? Will ich sehen, was vorgeht? Wenn Jesus sehend macht, dann sehe ich nicht nur, wie ICE-Beamte in den USA unschuldigen Menschen Gewalt antun. Ich sehe nicht nur, dass ein Staat Geld bei denen sparen will, die eh wenig haben. Ich sehe nicht nur überschwemmte Gebiete in Spanien und Portugal. Ich sehe nicht nur, wie Menschen in der Ukraine in den U-Bahnstationen ausharren, um der Kälte zu entgehen. Wenn Jesus sehend macht, dann sehe ich was dahintersteckt, was das für Menschen bedeutet. Ich sehe die Not, auch wo sie herkommt, wer Verantwortung trägt und höre die Anfrage, was ich tun kann. Dann gibt es kein Wegducken mehr. Dann ist es vorbei mit Ausreden. Dann bin ich gefragt. Sicherlich nicht als die alleinige Weltretterin. Aber als diejenige, der diese Dinge, diese Menschen nicht egal sind. Die nicht nur sich selbst zum Mittelpunkt erklärt, sondern fragt: Was kann ich für dich tun? Was kann ich tun, damit es vor meiner Haustür gerechter zugeht? Damit nicht Menschen, die andere verachten, hassen, die Spalten, die nur sich und ihre Wahrheit kennen, die Oberhand bekommen? Was kann ich tun? Das tun, damit die gehört werden, die Angst und Sorgen haben? Wer durch Jesus sehend wird, der kann nicht mehr wegschauen.

Will ich sehend werden? Das fragt mich dieser heutige Text an. Habe ich diese Erwartung an Jesus?

Unser heutiger Text bleibt aber nicht bei dieser Frage stehen. Der Text ermuntert mich sehend zu werden, denn darin liegt eine große Chance. Ich werde nicht nur sehen, sondern, wenn ich aktiv Jesus darum bitte, dann aktiviert das meine Selbstwirksamkeit. Ich bin dem, was ich sehe, nicht einfach nur ausgeliefert, sondern ich kann etwas tun – gerne auch ganz im Kleinen. Das Tun lindert meine Ohnmacht. Nachrichten erschlagen nicht nur, sondern ich werde Teil derer, die sich für Gerechtigkeit, Liebe, Annahme, Inklusion, Vielfalt, die sich für all das einsetzen, was in dieser Welt dem Grunde nach so wunderbar angelegt ist. Ich kann zur „Oma gegen rechts“ werden, zur Nachhilfelehrerin für das Kind von nebenan, zur morgendlichen und abendlichen Beterin; für mehr Rechtsstaatlichkeit, mehr Fürsorge und mehr Gehör für die Schwachen, ich kann Organisationen ideell und finanziell unterstützen, die Gutes tun. Im Kleinen fangen große Dinge an. Sehend werden, heißt nicht nur das Unglück sehen, sondern auch ermächtigt werden zum Handeln. Zu einem Handeln wie Jesus es getan hat. Hinter seinem Handeln, in seinem Handeln stecken Liebe, Zuwendung, Friede, eine zweite Chance. Sehend werden und Hass schüren, ausgrenzen oder spalten, das geht nicht mit Jesus zusammen. Das widerspricht Jesu Leben. Das widerspricht seiner Nachfolge. Und genau um die geht es im heutigen Text eben auch. Sehend werden heißt sehen, dass Jesus leiden wird, sterben, aber eben auch auferstehen. Jesus nachfolgen heißt, diesem Weg zu vertrauen. Der blinde Mensch im Bibeltext hat dieses Vertrauen, denn Jesus sagt zu ihm, „dein Glaube hat dir geholfen“. Jesus nachfolgen in seiner gelebten Liebe heißt nicht, ohne Leiden sein, aber heißt immer und immer wieder vertrauen, dass Gott den Weg kennt und bei mir ist, durch alle Tiefen hindurch, durch den Tod hindurch. Er überlässt mich nicht schutzlos dem Sehen. Er schenkt mir Kraft dazu und den Mut zum Handeln, wenn ich ihm vertraue. Ich glaube, wir brauchen das mehr denn je in dieser Zeit. Ich bete und erwarte von Jesus: Mach mich sehend, ich will dir vertrauen, dass du auch meinen Weg kennst. Und dann will ich gehen – in deiner Nachfolge, die Liebe bringt. Amen