Hoffnung statt Zorn

Wie wichtig ist mir der Mensch? Gott sich diese Frage nicht nur ein Mal gestellt. Im Zorn sieht man manches anders. So erging es auch Gott und er warnt davor. Bevor wir heute davon hören beten wir einen der schönsten Psalmen der Bibel.

1 Kommentar
Kommentare
  1. Joachim Michel
    Joachim Michel aus Karlsruhe sagte:

    Lieber Frederik Ehmke, vielen Dank für Ihre Beiträge bei Radio-m., die mir immer gut tun und helfen.Sie passen
    sehr gut in das Team.
    Bleiben Sie behütet
    Herzliche Grüße und Gottes Segen
    Joachim

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Sekundenkleber ist ein teuflisches Zeug. Aber sehr wirksam. Sogar um sich selbst irgendwo festzukleben. Warum sollte man das allerdings tun?

Um die Welt vor dem Untergang zu retten, meinen Menschen, die sich bei der „Letzten Generation“ engagieren und sich mit Handflächen und Fußsohlen auf Straßen festkleben.  Sie fordern: „Essen retten – Leben retten!“ oder „Sofortiges Ende der Ölbohrungen in der Nordsee!“.

Der Berufsverkehr staut sich, die Polizei hat Mühe, die Sitzblockierer wegzuschaffen, die davon überzeugt sind, dass das Ziel die Mittel heiligt.

Da ist Zorn. Ganz viel Zorn auf allen Seiten.

Zorn darüber lahmgelegt zu werden. Nicht pünktlich zu einem Termin zu kommen. Und der Zorn der Aktivisten auf die ältere Generation, die doch längst hätte handeln müssen. Zorn auf die verfehlte Klimapolitik und die Industrie.

Gibt es ein Recht auf Zorn? Danach fragt auch die skurrile Geschichte von Jona, die wir gehört haben.

Im Zentrum der Erzählung steht der Prophet Jona, der nach Ninive geschickt wird. Jona, ein den assyrischen Bewohnern fremder Prophet aus Israel, kündigte ihnen im Namen eines ihnen fremden Gottes den baldigen Untergang der stolzen Hauptstadt ihres Reiches an. Weil sie böse seien. Böse, weil auch sie die sichere Zukunft mehrerer Völker, durch Krieg und Eroberungen, gefährden.

Sie fragen nicht wieso und warum, stellen nichts in Frage und zweifeln auch nichts an. Sie geben keine Prüfungen und keine Gutachten über diese Prophetie in Auftrag, sondern gehen sofort in Sack und Asche und fasten, um öffentlich Buße zu tun. Sie wollen Gott umstimmen, ihn von seinem Zorn abbringen, ihn milde stimmen.

In der Geschichte passiert etwas Spannendes: Nicht nur die Menschen kehren um, auch Gott kehrt um. Er lässt ab von seinem Zorn. Es reut ihn sogar. Und Jona? Er müsste sich ja freuen über seinen Erfolg. Tut er aber gar nicht. Jona ärgert sich, weil Gott gnädig ist. Ist enttäuscht, dass Gott sich umstimmen lässt. Von seinem Zorn ablässt. Gar nichts mehr davon wissen will. ER, von dem doch die Gerichtsworte stammen und um deren Willen der Prophet eine weite Reise auf sich nehmen musste. Jona ist sauer und nun seinerseits zornig, dass die Katastrophe nicht eintrifft. Er ist von Gott enttäuscht. Er weiß um die Gnade Gottes, doch er lässt sie nicht gelten. Ich denke, weil Gottes Gnade Jonas eigene Bedeutung als der zornige, kritische Unheilsprophet schmälert. Die Gnade Gottes macht Jona zornig.

Er kann sich selber nur imponieren als rechthaberischer Prophet des Untergangs.

Gott hat in dieser Geschichte etwas gelernt: Ich will nicht zornig sein. Ich will mich nicht vom Zorn bestimmen lassen. Sein Zorn hätte dazu geführt, dass er das vernichtet hätte, was er einst liebevoll geschaffen hat, den Menschen.

Er erteilt daher Jona eine Lektion. Vor der haben wir gerade in unserem Predigttext gehört. Jona zieht sich zornig zurück. Dann erfreut er sich am Schatten eines Baumes. Seine einzige Freude in seinem Zorn und in der Hitze, die er auszuhalten hat. Doch dieser Baum verwelkt. Jetzt ist Jona noch zorniger.

„Ist es recht, Jona, dass du zornig bist?“ fragt Gott. „Ja“, antwortet Jona. Er habe ein Recht auf Zorn und er habe ein Recht auf den Tod. Wenn es eben nicht so läuft, wie er denkt, dass es laufen müsse, dann hat er ein Recht auf Zorn.

Was ist das für ein Zorn? Gott versucht Jona die Augen zu öffnen. Jona kreist in seinem Zorn in erster Linie um sich selbst. Es geht für ihn nicht um die Menschen aus Ninive und auch nicht um den Baum. Es geht um sein Ansehen und darum, dass ihm etwas genommen wurde, das er selbst gar nicht besessen hat, den Baum.  Kein Mitleid nur Selbstmitleid macht ihn zornig. Nein, Jona hat kein Recht zornig zu sein.  Und Gott? Ja, er hatte Grund zornig zu sein. Die Menschen, die er ins Leben führt, zerstören sich selbst. Aber Gott sieht auch, dass sie versuchen umzukehren. Etwas hilflos vielleicht, aber Gott war klar: das ist gut. Nicht zornig bleiben, weil sie gar nicht verstanden, was sie da taten, sondern ihnen eine Chance geben. Hätte er an seinem Zorn festgehalten, hätte es statt Neuanfang eine Zerstörung gegeben. Zorn sollte nicht der Antrieb zum Handeln sein, stellt Gott fest. Es reute ihn, dass er im Zorn mit der Vernichtung drohte.  Bei Jona war es sogar so, dass der Zorn sozusagen sein Innerstes, seine Seele verklebte. Er kann sich nicht mehr vom Negativen lösen, wartet auf die Katastrophe und ist zu Tode betrübt, wenn das Unheil ausbleibt, wünscht sich gar selbst den Tod.

Gibt es ein Recht auf Zorn? Ich sage: Es gibt Zorn, aber er berechtigt mich nicht zum Handeln. Zorn ist kein guter Ratgeber. Zorn führt in die Enge. Zorn macht blind.

Blind auch dafür, dass Gott gnädig ist. Und dass aus dieser Gnade heraus, Neues und Gutes entstehen kann.

Nicht blinder Zorn sollte das Handeln der „Letzten Generation“ bestimmen, sondern der Wunsch, dass die Menschen sehen, welche Möglichkeiten sie haben, das Leben zum Guten hin zu verändern. Zorn, der andere zornig werden lässt, der mir und anderen Menschen zum Schaden wird, hat keine Berechtigung, selbst wenn die Ziele noch so ehern sind. Der Wunsch, Dinge positiv zu verändern, sollte mein Antrieb sein und ich sollte mich stets selbst hinterfragen, ebenso wie die Mittel meiner Wahl. Zorn gibt es. Hat sogar manchmal seine Berechtigung, aber aus Zorn die Mittel der Wahl zu wählen führt in die Sackgasse. Zorn, der bedacht wird. Hinterfragt. Geprüft und dann umgeleitet wird in ein Handeln, das neue Hoffnung bringt, aus der Enge in die Weite führt und Neues möglich macht, das ist der Weg, Ein Weg, der Gott gegangen ist und den er auch Jona ans Herz legt. Und auch mir.

Amen