Foto: KI, Le Chat

Raus mit der Gitarre!

Heute ist Musik drin. Schließlich ist Sonntag „Kantate“. Und das geht sogar hier im kleinen gottesdienst, in dem es ja nie Musik gibt. Reinhören und mitsingen. Impulsgeber ist Wilfried Röcker.

Wochenspruch  – Ps 98, 1

Psalmgebet – Ps 98

Predigttext   – 2.Chr 5,2–5(6–11)12–14

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

Berlin Psalm Project

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Was für starke Bilder! Ich bin noch ganz erfüllt/beseelt/berührt/ergriffen. An mir ist diese Prozession der Bundeslade zum Tempel vorbeigezogen. Es war als wäre ich mittendrin – und doch hat das Wichtigste gefehlt: der Ton.

Neben der Kunst im Tempel bilden Musik und Gesang in dieser Szene das zentrale Element. Und die Stars der Musikszene von damals waren alle drei dabei: Asaf, Heman und Jedutu. Jeder mit einem großen Chor. Ihre Lieder, ihre Psalmen gibt es noch immer – aber leider ohne Noten, ohne ihre ursprüngliche Musik.

Zu schade, dass die alten biblischen Schriften keine Tonspur haben und wir uns die Musik ebenso vorstellen müssen, wie die Bilder, die die Prozession und den Tempel beschreiben.

 

Und ich stehe hier im Studio von radio m und rede. Ein kleiner Gottesdienst für den Sonntag Cantate soll es werden. „Singet dem Herrn ein neues Lied“ – heißt der Wochenspruch zu diesem Sonntag. Doch beim kleinen Gottesdienst gibt es keine Musik. Auch an Cantate nicht. Aber Cantate ohne Musik ist wie ein herzbewegender Spielfilm ohne Ton.

„Das geht doch nicht“, hab ich mir gedacht. Und so kurz hatte ich den Impuls, Euch zum Singen einzuladen. Aber keine Angst. Ich verschone Euch mit meinem Gitarrenspiel auf schlechtem Lagerfeuerniveau. Sologesänge in das Mikro eines Studios sollte man den Profis überlassen.

So machen es ja auch die, die für die Inszenierung der Überführung der Bundeslade in den neu gebauten Tempel verantwortlich waren. Salomo plante, heißt es ganz zu beginn. Vermutlich nicht alleine. Und sie trafen eine wesentliche Entscheidung: künftig sollten die Leviten für die Musik und den Gesang am Tempel verantwortlich sein.

Bei der Prozession wurden zwar auch Opfer dargebracht. Aber das scheint fast ein Nebenschauplatz gewesen zu sein. Das zentrale Element dieser Feier waren Musik und Gesang. Nicht ohne Wirkung.

Die Menschen öffneten sich. Sie spürten Gottes Gegenwart und sie verehrten singend den Gott, der versprochen hatte mit ihnen zu sein: „Ich will Euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein.“

Gottes Bund wurde mit dem Einbringen der Lade gefeiert. In dieser Holzkiste trugen die Israeliten die zentrale Lehre des Glaubens. Seit jeher. Zehn Gebote auf den steinernen Tafeln. Mose brachte sie vom Berg Horeb mit. Als Zeichen dieses Bundes, den Gott mit ihnen geschlossen hatte, hatten sie diese Tafeln immer mit sich getragen. Und auch nach den vielen Jahren, nachdem sie sesshaft geworden waren und in einem Königtum lebten, war die Lade als Bundeszeichen bis zuletzt noch immer nur in einem Zelt untergebracht. Weil Gott der ist, der mitgeht. Weil Gott nicht in einem Bild dargestellt werden kann. Weil an Gott glauben, das Leben leben bedeutet.

 

Nun sollte dieser Glaube neu verortet werden. Es ging König Salomo um Würde. Es ging ihm darum, dass sein Volk Gott besser verehren konnte und Glaube gefestigt wurde. Die Musik und der Gesang der Leviten spielten dabei am Kultus im Tempel eine zentrale Rolle.

Schon bei der Einweihung umhüllte beim Gesang eine Wolke die Bundeslade. So wie damals Gott sein Volk durch die Wüste begleitet hatte. So war Gott nun im Tempel gegenwärtig. Musik und Gesang ließen die Menschen diese ekstatische Erfahrung machen.

 

Hast Du schon mal einen Film ohne Ton angeschaut? Es wird schnell langweilig. Schon beim Abspielen eines Stummfilmes saß darum in den Kinos einer am Klavier und untermalte die Szenen musikalisch.

Kann man Cantate ohne Musik feiern. Kann man Gottesdienst ohne Musik feiern? Eigentlich nicht. Es fehlt ein zentrales Element, mit dem wir ausdrücken, was wir glauben. Darum versuchen seither die großen Musiker unserer Musikwelt, den Psalmen dieser Liedermacher von damals, neue Melodien zu geben. Bach, Händel. Und schon davor: die Mönche, die eine besondere Art des Psalmgesangs entwickelten. Der Methodismus sei „im Lied geboren“, heißt es. Die Wesleybrüder griffen bekannte Melodien auf und verbanden diese mit neuen Worten von der Liebe zu Gott. Sie wurden für viele zum Ausdruck ihres Glaubens.

 

Ich frage mich, ob unseren Gottesdiensten dieser Fokus gut täte. Was würde passieren, wenn meine Suche nach Gottes Gegenwart mit viel Musik begleitet wäre? Wenn es Menschen gibt, die mich gut beim Singen anleiten und hineinnehmen. Was würde passieren, wenn ich wieder mehr singen kann, was ich glaube?

Ein Lied vertreibt die Angst. Eine Melodie gibt dem Schmerz und der Trauer einen Kanal, dass Tränen fließen können. Klänge bilden den Grund meines Vertrauens und Worte, die mich gesungen begleiten, lassen mich aufbrechen und anders ins Leben gehen: Mutig, stark, beherzt.

 

Darum wird es endlich Zeit, dass wir heute am Sonntag Cantate singen. Nehmt euch doch nachher noch Zeit dafür! Singt, was Euch in den Sinn kommt. Vielleicht ist es ein Lied aus Taize. Vielleicht packst Du die Gitarre mal wieder aus oder Du setzt Dich sich selbst ans Klavier und spielst alte und neue Lieder. Wir haben Euch heute einen Link auf unsere Seite gestellt, die führt zu der Gruppe Berlin Psalm Project. Eine Musikgruppe aus Berlin. Sie beschreiben so, was sie machen:

Die Psalmen sprechen die tiefste, innere Sehnsucht jedes Menschen an. Klagelieder, Lieder der Freude, Lieder der Anbetung. Seit Jahrtausenden werden sie vertont. Über Zeit, Kultur und Raum hinweg. Die Sängerin Ali Maegraith überträgt ihre eigenen, originellen Vertonungen dieser alten und zeitlosen Lieder in den modernen Jazz. Improvisation, Emotion und das Wesen des Augenblicks zeichnen ihre Musik aus. Der perfekte Rahmen, um sich in den zeitlosen Liedern der Psalmen von Gott berühren zu lassen.

Hört doch da mal rein, wenn Ihr nicht selbst singen wollt.

Und mir kommen gerade noch diese Liedworte in den Sinn…:

 

Die Güte des Herrn hat kein Ende. Seine Gnade hört niemals auf. Sie ist neu jeden Morgen, neu jeden Morgen – groß ist deine Treue, oh Herr, groß ist deine Treue.

 

Es ist lange her, dass ich diese Liedzeilen gesungen habe. Ich habe mich an sie erinnert, als ich mich mit dem Predigttext beschäftigt habe. Es war mir gar nicht bewusst, dass sie den Höhepunkt dieser Szene aufgreifen, wenn es heißt: Sie vereinten Trompeten, Zimbeln und alle Instrumente zu einem Lobgesang für den Herrn: „Ja, er ist gut! Für immer bleibt seine Güte bestehen“. Im gleichen Moment erfüllte eine Wolke das Haus, das Haus des HERRN. (2. Chronik 5, 13)

 

Beten wir miteinander, dass unser Glaube das Leben lebt. Das Leben mit seinen Sorgen, seinem Schmerz und aller Angst. Nehmen wir sie mit in das Gebet, das Jesus uns gelehrt hat.