Träum mich weg

Es ist Ewigkeitssonntag. Gott verspricht seinen Menschen ein Leben hier und jetzt und in Ewigkeit. Was auch immer das heißen mag, was auch immer das in Bezug auf uns liebe Menschen heißt, die schon verstorben sind, dazu lädt der heutige Sonntag ein, darüber nachzudenken.

Wochenspruch –Lk 12,35

Psalmgebet – Predigttext – Ps 146

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Träumen ist erlaubt. Träumen kann wunderschön sein. Und ich würde sogar sagen, dass träumen überlebenswichtig ist.

Jeder von uns hat Träume. Manches Mal in der Nacht, manches Mal am Tag. Und dennoch haben gute Träume eines gemeinsam – sie helfen uns über so manche schwierige Zeit im Leben hinweg. Wenn man sich einfach mal wegträumen kann aus dem Alltag, aus der jetzigen Lebenssituation.

Träumen in eine bessere Zukunft, träumen, um sich selbst Frieden zu gönnen. Einfach träumen.

 

Der heutige Psalm erzählt in kurzer Weise, wie sich das Volk Israel gefühlt hat, als es davon träumte, aus dem Exil aus Babylon wieder in ein neues Leben starten zu können.

 

In den meisten Träumen wird die Zukunft gut; vielleicht sogar zu schön um wahr zu sein.

Und so schreibt der Beter in diesem Wallfahrtslied auch von der Erlösung des Volkes Israel durch Gott aus der Gefangenschaft. Wunderschön wird es sein, wenn es einmal vorbei ist mit dem Exil.

 

Und wie wir heute wissen, ist es auch genauso eingetroffen.

 

Gott sagte seinem Volk zu, dass er sie aus dieser Situation befreien wird und es traf ein.

Aus einem Traum wurde Wirklichkeit.

 

Alles, was so schwer war, so erdrückend war hat ein Ende gefunden.  Es ist wie im Traum.

 

Aus Träumen können Wirklichkeiten werden.

So wie in unserem Psalm.

 

Diese Hommage an unseren Gott, wie hier vom Beter im Psalm beschrieben, ist nicht nur nette Prosa, die über schlechte Zeiten hinweghelfen soll.

 

Nein, sie erzählt von einem Gott der seinem Volk treu ist. Der mitgeht im Leben. Der auffängt, der neue Perspektiven eröffnet und der vorangeht und den Weg ebnet.

 

Gott hat seinem Volk von Beginn der Geschichte an immer zugesagt, dass er mit ihnen gehen wird und bei ihnen ist, wenn sie auf ihn vertrauen. Diese Zusagen finden wir in vielen biblischen Geschichten. Und immer, ja immer, hat Gott Wort gehalten.

 

Auch in Babylon, wo es dem Volk Israel wirklich sehr schlecht ergangen ist. Ausbeutung, Erniedrigung bestimmten den Alltag. Und dennoch: Weiterhin Gott vertrauen? An ihm festhalten? Immer noch darauf hoffen, dass es irgendwann mal besser wird? Hier nicht an Gottes Versprechen zu zweifeln ist fast unmenschlich. Aber das Volk Israel blieb dran an Gott.

Das Ergebnis: Aufgrund eines Erlasses des persischen Königs Kyros aus dem Land Babylon durften sie ihren Glauben an Gott leben und sogar ausziehen. In die Freiheit.

Aus Traum wurde Wirklichkeit.

Wirklichkeit, weil sie geglaubt haben, das Gott seine Treue auch dieses Mal zeigen wird.

 

 

Gottes Versprechen, dass es gut wird. Dass aus Tränen, Freude werden wird, dieses Versprechen gibt er nicht nur dem Volk Israel, er gibt es auch uns. Denn die Zusagen in der Bibel, die Gott an sein Volk gibt, die gelten dem ganzen Gottesvolk. Dazu gehören auch wir Christen.

 

Gerade an diesem Sonntag, dem Ewigkeitssonntag, wird der Menschen gedacht, von denen wir im vergangenen Jahr, aber auch darüber hinaus, Abschied genommen haben.

 

Menschen, die wir vielleicht sehr vermissen. Menschen, die eine Lücke hinterlassen haben, die kaum geschlossen werden kann. Menschen, die uns sehr geprägt haben, uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben und die jetzt fehlen.

Der Ewigkeitssonntag markiert im Kirchenkalender auch das Ende des Kirchenjahres. Ein Jahr endet. Ein Zyklus ist geschlossen. Mit dem ersten Adventssonntag beginnt ein neuer.

 

Der Ewigkeitssonntag erinnert an die Endlichkeit des Menschen. Das ist mitunter sehr schmerzhaft.

 

Ich werde nie vergessen, wie mich an einem Ewigkeitssonntag die Trauer regelrecht einholte. Ein Onkel von mir war zuvor verstorben. Eigentlich hatte ich wenig Kontakt zu diesem Onkel. Doch wenn wir uns begegneten, dann waren diese wenigen Begegnungen für mich immer sehr wertvoll und prägend gewesen. Völlig überraschend ist er recht jung gestorben. Das hat mich geschockt. Ich war traurig und verletzt.

 

Und ich werde nie vergessen, wie ich mich am Ewigkeitssonntag in jenem Jahr, die Trauer mich nochmal so richtig eingeholt hat.

Erlebnisse aus vergangenen Zeiten haben sich nach vorne gedrängt. Ich habe mich an Begegnungen mit ihm erinnert und innerlich gelacht und geweint. Und ich habe geträumt.

Was wäre gewesen, wenn wir noch mehr Zeit miteinander hätten verbringen können?

 

Dieser Traum wird so niemals Realität werden.  Dennoch hat mir das Träumen gut getan an diesem Sonntagmorgen.

Und auch wenn der Traum vom „was wäre gewesen wenn“ nicht wahr werden kann, darf ich doch den Traum vom Wiedersehen träumen.

 

Der Ewigkeitssonntag heißt ja bewusst Ewigkeitssonntag, weil das Leben, auch wenn es auf Erden zu Ende geht, dennoch nicht das Ende ist. Wie damals im Exil zu Babylon, als Gott seinem Volk zusagte, dass er sie aus dieser misslichen Lage herausführen würde, so sagt er auch zu: Du darfst auf ein Wiedersehen hoffen.

 

In allen Schmerz und in alle Trauer hinein will Gott uns Hoffnung schenken.

Hoffnung, weil Gott an ganz vielen Stellen im alten aber auch neuen Testament zusagt, dass der Tod auf Erden nicht das Ende darstellt. Das Ende auf dieser menschlichen Welt: das ja. Aber nicht das Ende als Kind und Geschöpf Gottes.

 

Wenn ein Mensch verstirbt und sich von dieser Welt verabschiedet, auf welche Weise auch immer, dann wird er in die Ewigkeit zu Gott eingehen.

 

Das schützt uns nicht vor dem Schmerz, den der Tod eines Menschen für uns bedeutet. Das lindert auch nicht unsere Fragen, die wir an Gott haben, warum dieser Mensch gerade jetzt von uns gehen musste.

 

Aber da darf der Traum des Wiedersehens geträumt werden. Ein Traum der Hoffnung schenkt. Und hoffentlich irgendwann zu einem inneren Frieden führen kann. Zu wissen, egal warum dieser Mensch verstorben ist, das Leben auf Erden ist zwar zu Ende, nicht jedoch das Leben als Geschöpf Gottes. Dieses wird weitergehen – an anderer Stelle. Wie auch immer das aussehen mag.

 

Psalm 126 erzählt den Traum von einem Versprechen und einer Hoffnung. Und wir wissen um seine Erfüllung.

 

Gott verspricht ewiges Leben. Das ist sein Versprechen. Deshalb darf auch ich träumen und hoffen.

Und das tut gut. Gerade an so einem Ewigkeitssonntag, wenn die Endlichkeit des irdischen Lebens so im Mittelpunkt steht, wenn Erinnerungen aufkommen und vielleicht längst vergangene Trauer nochmal neu aufkommt. Gerade dann, darf geträumt werden.  Der Traum von den Tränen, die sich in Freudentränen wandeln.

 

Möge uns diese Zuversicht inneren Frieden schenken.