Trotzdem hoffen

Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, wer will da schon hören: „Ach, am Ende, da wird alles gut. Viel besser, als du es dir jetzt vorstellen kannst.“? Niemand will das hören. Paulus sieht das anders. Warum? Darum geht es heute und natürlich wird uns auch heute ein Psalmbeter in diesem kleinen gottesdienst seine Worte leihen.

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Wow, das war mein erster Gedanke, als ich den Bibeltext zu dieser Predigt las. Steile Sätze, die Paulus da von sich gibt. Und das vor dem Hintergrund, dass in diesen Zeiten viele Menschen leiden. An ganz unterschiedlichen Situationen. Fluchtängste, Zukunftsangst, Perspektivlosigkeit, an Krieg und Vertreibung… und so vielem mehr. Und dann sagt Paulus: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“

Ja, ich kann Paulus auf der einen Seite verstehen. Er möchte nicht das Leid relativieren oder gar damit ausdrücken, dass wir uns, salopp gesagt „mal nicht so anstellen sollen“. Das gewiss nicht. Doch er stellt heraus, dass das, was wir an Schmerz erfahren, nichts ist gegenüber dem, was uns in der Begegnung mit Gott und spätestens in der Ewigkeit bei Gott Wohltuendes wiederfahren wird.

Doch, ganz ehrlich: Ich tu mich schwer mit dieser Aussage. Ich schau in den Fernseher, sehe die Bilder aus Israel und dem Gaza Streifen, sehe die Bilder aus anderen Kriegsteilen dieser Welt, sehe Menschen, die vor Hunger weinen und kaum mehr als noch Gerippe sind. Ich erlebe Eltern in meiner Nachbarschaft, die sich den Buckel krumm arbeiten und dennoch jeden Monat rechnen müssen, wie sie überleben können. Ich erlebe traurige Kinder, die nicht wie ihre Schulkameraden mit zum Schulausflug können, einfach weil ihre Eltern es finanziell nicht mehr schaffen und und und.

Und Paulus Rat an mich und all diejenigen, die ich gerade aufgezählt habe, lautet: „Schau nach vorn. Da wird’s besser“. Da sträubt sich was in mir. Ich merke, wie ich verärgert werde von diesen Worten. Sie bauen mich nicht auf. Nein, sie verärgern mich eher.

Vielleicht geht es da dem einen oder der anderen wie mir.

Ich will bei meiner Verärgerung aber nicht stehen bleiben. Im Nachdenken kommen mir auch andere Gedanken.

Paulus hat diese Worte weder arrogant gemeint, noch kommt er wie ein Oberlehrer daher, um mir zu sagen, dass ich mich nicht so anstellen soll.  Nein, das denke ich nicht. Paulus selbst hat sehr viel Leid ertragen müssen. Viele Menschen haben ihn verachtet, andere haben ihn im Gefängnis bald verrotten lassen, und wieder andere, auch in den Gemeinden, haben ihn nicht ernst genommen. Das tut ebenso sehr weh.

Ich glaube, Paulus hat mit diesen Worten ebenso sich selbst ermuntern wollen. Man predigt sich ja auch immer selbst.

Paulus stellt dem zum Teil unermesslichen Leid, dem Schmerz, der Verletzungen, dem Elend, eine Aussicht gegenüber die so viel erträglicher und besser ist, als all das, was wir uns an Gutem vorstellen können.

Sicher, für manch einen von uns ist das ein schwacher Trost. Und dennoch hat es Gott uns an vielen Stellen in Neuen Testament durch Jesus zugesagt:

Wer an diesen Gott glaubt, der wird bei all dem, was er oder sie in der vergänglichen Welt an Schmerz ertragen muss, umso mehr belohnt werden mit einer Geborgenheit in Gottes Gegenwart in der Ewigkeit oder auch in Momenten in dieser Welt.

Das spricht uns Paulus zu. Und sich selbst eben auch.

 

Am Ende seiner Ausführungen in diesem Abschnitt nimmt Paulus selbst nochmal Stellung zu den auch von mir kritischen Gedanken zu Anfang. Er bezieht sich darauf, dass der Glaube natürlich allein auf Hoffnung beruht. Glaube ist nichts Nachweisbares.

Die Hoffnung, die Gott uns in der Heiligen Schrift zusagt, ist eben eine Hoffnung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ist es ein schwacher Trost? Wusste es Paulus auch nicht besser?

 

 

Ich denke doch. Hoffnung im Glauben an Gott ist mehr als nur ein eingebildetes Hirngespinst. Unsere Hoffnung im Glauben baut auf dem, wie und wo wir Gott im Leben schon erlebt haben – im Kleinen wie im Großen. Einzelne fragen sich nun, „ja wo habe ich denn diesen Gott schon erlebt, was meine Hoffnung in Gottes Handeln in meinem Leben rechtfertigt?“+ Nun, ich denke da gibt es viele Beispiele. Erlebnisse, wo wir gebetet haben und wo sich Lösungen aufgetan haben, die wir so nicht im Blick hatten; Menschen, die an unserer Seite waren und uns durch schwierige Zeiten unseres Lebens getragen haben; Lieder und Worte, die in uns einen Frieden ausgelöst haben, wo wir bis heute nicht sicher sind, was da geschah. All diese Moment, das sind Momente wo Gott durch den Heiligen Geist göttliche Momente in unserem Leben schuf und schafft, die die Hoffnung auf ihn und seine Botschaft an uns und unseren Glauben an ihn stärken.

 

Doch selbst wenn wir auf die Hoffnung im Glauben vertrauen, so bittet uns Paulus dennoch daran zu denken, dass wir Geduld haben mögen.

Das, was Gott uns zugesagt hat, das ist eine feste Zusage. Auch wenn es Geduld braucht bis diese Zusagen eintreten mögen. Gottes Zeitrechnung ist eine andere als die unsere. Bei all dem, was wir hoffen und worauf wir manches Mal auch sehnlichst warten und ungeduldig werden, bittet uns Paulus darum, nicht unsere Hoffnung auf diese Zusagen Gottes zu verlieren, sondern ihnen Zeit zu geben. Im Glauben an ihn.

 

Paulus fordert mich persönlich mit seinen Worten in diesem Abschnitt des Römerbriefes enorm heraus. Ich muss beim Denken und Glauben über meinen menschlich gewohnten Schatten springen. Dennoch denk ich, es lohnt sich. Es lohnt sich bei all dem Schmerz, den wir vielleicht ertragen müssen, auf Gott zu vertrauen. Nicht zu verbittern, wütend zu werden und Gott zur Seite zu legen, sondern auf seine Zusagen zu hoffen.

Auch wenn es uns Überwindung kostet. Amen