Foto: radio m, Anja Kieser

Wie im Paradies

Paradiesische Zustände. Ein frommer Wunsch. Dass es im Paradies aber durchaus was zu tun gab, das ist kein Widerspruch!

Wochenspruch  – 1. Petr 5, 7

Psalmgebet  – Ps 127

Predigttext   – 1. Mos 2, 4-25

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Manchmal wünsche ich mir, ich wäre im Paradies. Kein Streit, kein Krieg, einfach Menschen, die sich übereinander freuen, im Einklang leben mit Gott und der Natur. Keine Sorgen um Kleidung und Essen. Keine Sorge, allein zu sein, oder krank. Ach, was wäre das schön! Paradiesisch eben.

Unser Bibeltext für heute sagt uns, dass selbst das Paradies anfangs so gar nicht nach Paradies aussah. Es gab noch keine Sträucher, keine Pflanzen. „Denn Gott hatte noch keinen Regen auf die Erde fallen lassen.“ Das finde ich bemerkenswert. In der Erde ist alles vorhanden. Was fehlt, ist der Regen. Erst mit ihm können die Pflanzen wachsen. Wir haben das in diesem Sommer besonders eindrucksvoll erlebt. Gras ist verdorrt, Nutzpflanzen sind kleiner gewachsen als sonst. Der Regen blieb aus. Die Erde enthält alles, was wir brauchen, aber es muss Wasser hinzukommen, sonst bleibt die Erde, was sie ist: Staub.

Staub, der alles enthält, was es braucht. Aus diesem besonderen Stoff hat Gott noch etwas anderes geformt, wie der Töpfer den Ton: Den Menschen. Der braucht für sein Leben ebenfalls Wasser – und das nicht zu knapp. Doch um lebendig zu werden, braucht es noch etwas anderes: Gottes Atem. Den bläst Gott dem Menschen in die Nase. Da sitzt er nun, der Mensch, und wartet. Denn das Paradies ist immer noch keins; Gott legt erst jetzt einen Garten an, lässt Bäume wachsen und Pflanzen. Dann setzt er den Menschen in diesen Garten hinein – und Gott sieht, dass der Mensch einsam ist. Obwohl er eine innige Beziehung zu Gott hat. Ich finde die Erzählung großartig. Da ist Gott, der den Menschen schafft und für ihn einen Garten anlegt, in dem er etwas zu essen findet und in dem er gut leben kann. Gott ist so besorgt um sein Geschöpf, dass er sieht, wie es ihm geht: Der Mensch fühlt sich allein. Und Gott handelt. Experimentiert, probiert aus, lässt seiner Kreativität freien Lauf. Formt Vögel und Tiere aus demselben Staub wie den Menschen, führt sie zu ihm. Aber der Mensch ist immer noch einsam. Jetzt erst entnimmt Gott dem Menschen eine Rippe und formt daraus einen anderen Menschen. Der Mensch selbst schläft, er hat an der Schaffung des zweiten Menschen keinen Anteil. Aber als er erwacht und den neuen Menschen sieht, ist er komplett aus dem Häuschen: Endlich jemand, mit dem ich reden kann! Der mit mir spricht! Der mir entspricht! Der Mensch, der Mann, hebräisch Isch, nennt sein Gegenüber Ischa, Frau. Martin Luther hat das wiedergegeben mit Mann und Männin. Da wird deutlich, dass die beiden zusammengehören. Sie gehören übrigens zusammen ohne Unter- oder Überordnung: Gott wolle dem Menschen eine Hilfe machen, die um ihn sei, heißt es in der Bibel. Im hebräischen Text steht Ezer, Hilfe. Damit ist nicht die Hilfe gemeint, die ein Sklave oder Diener verrichtet. Sondern Ezer ist die Hilfe, die durch Gott kommt. So wertvoll ist Ischa, die Frau.

Menschen brauchen andere Menschen, sonst geht es ihnen schlecht. Was wir in unserer Gesellschaft beobachten, entspricht einer tiefen biblischen Einsicht. Wir sind auf Gemeinschaft mit anderen Menschen angelegt. Wir brauchen einander, und wir brauchen nicht nur Menschen um uns herum, die uns freundlich grüßen. Sondern wir brauchen Menschen, die uns eine Hilfe sind. Die zuhören, die Anteil nehmen, die uns auch ganz praktisch unterstützen. Das müssen nicht viele sein, und es muss auch nicht ein Lebenspartner oder eine Lebenspartnerin sein. Es kann auch die Freundin sein, die ich mitten in der Nacht anrufen kann, wenn etwas ist. Jemand, mit dem ich vertraut bin, den ich trage, wenn es ihm oder ihr schlecht geht. Und der mich trägt, wenn ich kein Land mehr sehe. Menschen, die solche Menschen in ihrem Umfeld haben, können sich glücklich schätzen.

Ein Zweites wird an der Paradiesgeschichte deutlich: Menschen brauchen nicht nur echte, tiefe Gemeinschaft, sondern auch eine Aufgabe. Wer glaubt, im Paradies gäbe es nichts zu tun, der irrt. Denn die Menschen haben im Paradies einen Job: Sie sollen den Garten bebauen und bewahren. Bebauen heißt auch, umgestalten, heißt auch, verändern, heißt, kreativ werden und eigene Vorstellungen nicht nur entwickeln, sondern auch umsetzen. Bewahren heißt: So zu handeln, dass die gute Schöpfung Gottes nicht zerstört wird. Hier kommen wir an einen wunden Punkt. Spätestens dieser Sommer hat gezeigt, wie weit der menschengemachte Klimawandel inzwischen schon vorangeschritten ist. Viele Politikerinnen und Politiker halten immer noch fest an alten Konzepten, wollen fossile Brennstoffe weiter fördern, obwohl diese den Klimawandel weiter anheizen. Selbst Waldbrände mitten in Europa scheinen an ihrer Sicht der Dinge nichts zu ändern. Und obwohl die Dürre dazu führt, dass selbst der Rhein zu wenig Wasser führte, um darauf Güter zu transportieren, fällt manchen nur ein, dass man die Fahrrinne vertiefen müsste. Eine tiefere Fahrrinne sorgt dafür, dass das Wasser schneller fließt, wenn es denn da ist. Was erhebliche Auswirkungen auf die Ökosysteme hat. Und wenn kein Wasser da ist? Dann nützt auch die tiefere Fahrrinne nichts.

Es ist zum Verzweifeln! Manchmal fühle ich mich ganz schön machtlos. Denn ich bin ja nicht diejenige, die diese politischen Entscheidungen trifft. Da könnte man verzweifeln, doch das führt mich ja auch nicht weiter. Was also tun? Zum Glück leben wir in einer Demokratie, in der jeder und jede seine Meinung frei äußern darf. Dieses Recht darf ich nutzen, um aufzuklären beispielsweise. Ich kann auch den Bundes- und Landtagsabgeordneten in meinem Wahlkreis Mails schreiben. Oder Petitionen unterstützen. Ich kann mich informieren, welche Partei welche Ziele verfolgt und anhand dessen eine bewusste Entscheidung treffen bei Wahlen. Und ich kann mit meinem Leben einen Kontrapunkt setzen und im Kleinen einen winzigen Beitrag leisten. Einen Garten anlegen, dessen Pflanzen mit Dürre gut zurechtkommen. Das Wasser auffangen, mit dem ich das Gemüse wasche und damit dann die Zimmerpflanzen gießen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Bebauen und bewahren. Vielleicht zusammen mit anderen tätig werden, Gemeinschaft leben, gemeinsam Projekte zum Schutz der Umwelt anstoßen. Und so dem Auftrag gemäß handeln, den Gott uns gegeben hat.

Amen.