Wo ist Norden?

Völlig planlos, aber Volldampf voraus. So fühlt sich das Leben im Hamsterrad oder der Moment vor der totalen Erschöpfung an. Orienteriung verloren? Wir helfen weiter und beten voll Vertrauen.

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„Jetzt mach halt mal halblang …“ Immer mal wieder kommt es dazu, dass mich jemand versucht, „runterzuholen“. Im Eifer des Gefechts, der Worte und Dinge, die alle meist zeitgleich erledigt sein wollen, kommt es vor, dass man planlos wird. Hektisch, ein bisschen konfus. Man hat dann das Gefühl, dass man die Orientierung verloren hat, seine Ausrichtung. Manchmal sehen das die Leute von außen, manchmal merkt man das auch rechtzeitig selbst und sagt es sich selbst: „Jetzt komm mal runter!“ Oder „Beruhig dich mal!“ „Konzentrier dich!“

Und dann hilft es in der Tat, mal innezuhalten. Mal wieder zu schauen, wo ist oben und unten, wo ist rechts und links und in welche Richtung geht es weiter. Und in welchem Tempo.

Das geht nicht nur mir so. Das geht allen so. Ist vielleicht auch ein bisschen Veranlagung oder auch eine Frage des Alters und der Erfahrung.

Diese Gedanken gehen mir durch den Sinn, wenn ich die Zeilen aus dem ersten Petrusbrief lese und auf mich wirken lasse.

Da erinnert einer an die Grundlagen. An die Orientierung. An das, was im Eifer des Lebens mitunter aus den Augen verloren wird.

Dazu klingt der ganze Text eher nicht wie mit dem erhobenen Zeigefinger geschrieben, sondern mit Bedacht. „Hört mal, so schwierig ist das doch nicht …“ Oder „Im Grunde ist das doch eher einfach, schaut mal …“

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Mir tut ein solcher Ton und eine solche Erinnerung gut. Sie begegnet mir in einer Zeit, die sehr überhitzt scheint. In der sich Katastrophen, Krisen und Kriege türmen. Die Zeitungen und Messengerdienste sind voll von schlimmen „Hast-du-schon-gehört-Nachrichten“. Weltuntergangsstimmung, Aggression, Wut, aber auch endlose Müdigkeit und ein sich ergebender Fatalismus – all das begegnet mir. Es ist laut und schrill.

Und dann – wenn sich der Pulverdampf etwas verzogen hat, sagt einer: jetzt kommt mal runter und besinnt euch. Lebt ein ordentliches Leben, das den allgemeinen Maßstäben genügt. Seid nett und macht euch bewusst, dass euer Leben das kostbarste ist, was es auf dieser Welt gibt. Euer Leben und das Leben von allen anderen auch. Vor allem macht euch bewusst, dass dieses, euer Leben, letztlich nicht an weltlichen Dingen hängt. Gold, Silber, Aktien, Sicherheit und Wohlstand, so schön das ist, können es nicht aufwiegen. Die ewig gültige Gnade und Liebe Gottes hält euer Leben in der Hand. Dort ist es geborgen.

Also schreit nicht rum und tut nicht so, als ob ihr ständig und nur die Opfer wärt. Und als ob man einfach nur alles richtig machen müsste, nämlich so wie ihr euch das vorstellt, und dann wird das schon laufen. Nein, entspannt euch. Tut das eure und macht euch bewusst, dass ihr und euer Leben in Gott geborgen seid. So sollt ihr auch leben. Das soll man euch ansehen und abspüren. Ihr seid Befreite, Begnadigte, zu Gott gehörende Menschen. Die das Leben lieben. Und den Frieden und die Gerechtigkeit.

Ich meine, das täte uns gut. Wenn wir uns darauf besinnen. Wo wir herkommen und wo wir hingehören.

Ich denke, das hilft auch, wenn wir zu denen gehören, die auf die chaotischen Zustände unserer Welt mit Rückzug reagiert haben. Die gar nicht mehr können und sich fragen, wie sie jemals wieder auf die Beine kommen sollen. Wenn Müdigkeit, Krankheit oder anderes uns fast zum Stillstand gebracht haben.

Wenn wir uns bewusst machen, wer diese Welt geschaffen hat. Und wer unser Leben geschaffen hat. Und dass es wichtig ist, dass uns das orientiert, uns ausrichtet. Oder nordet. Wie Segler in den Stürmen der See und des Lebens immer wieder diese Ausrichtung brauchen. Wo ist Norden? Aber nicht nur in den Stürmen, auch in der Flaute des Lebens ist das wichtig. Im Stillstand.

Übertragen auf mein Leben würde ich mir sagen:

Ja, du weißt gerade nicht wie es weitergehen wird. Die Tage sind dunkel, es gibt wenig Kraft und wenig, was einem hilft.

Oder: Ja, du hast viel Arbeit und es ist gerade etwas chaotisch. Vieles ist im Umbruch, neu und es ist noch nicht klar, wie alles werden wird.

Ja, die Welt steht vor einer großen Klimakrise und wir können das vermutlich nicht aufhalten, sondern nur lernen, mit den großen klimatischen Veränderungen zu leben.

Ja, die Kriege der Welt rücken deutlich näher an uns heran als in der Vergangenheit. Die Angst, die Sorgen und die Kälte nehmen zu.

Ja, der Radikalismus hat Aufwind und die Populisten, die das Blaue vom Himmel versprechen und nicht halten können, auch. Selbst vor der Kirche macht der Radikalismus, die Aggressivität und vermeintliche Rechtgläubigkeit nicht Halt.

Ja, das stimmt alles.

Aber das andere stimmt auch: Gott hat diese Welt geschaffen. Er hat mein Leben geschaffen. Er liebt mich und tut alles, aber auch wirklich alles dafür, dass mein Leben gehalten ist, Erfüllung findet, glücklich und heil wird. Wenn ich mich an ihm orientiere und mich letztlich in seine Hände fallen lasse, wird mein Leben gehalten und geborgen sein. Hier und jetzt und bis in alle Ewigkeit.

Und das wird mir auch helfen, mich in meiner und unserer chaotischen und unruhigen Welt zurechtzufinden. Ruhe bewahren hilft. Und aufrecht, mit offenen Augen und mit Bedacht weitergehen. Schritt für Schritt und Tag für Tag. Mutig sich dem Bösen widersetzen. Ausgerichtet bleiben auf Gott.

Dass ihnen und mir das gelingt – dazu segne uns Gott. Amen