Wo kommt’s her?

Schon toll, was der Mensch so schafft: Häuser bauen, die Meere bereisen und Kontinente entdecken, zum Mond fliegen! Manchmal da schaffe ich es aber nicht mal, morgens dem Bäcker ein Lächeln zu zuwerfen oder dem Auto neben mir den Vortritt zu lassen. Schwach! Echt schwach! Geistlich betrachtet das heute Paulus und unser Beter spricht von der Stärke Gottes. Impulsgeberin ist Nicole Marten.

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Wann hast du zum letzten Mal einen Schatz entdeckt? Einen richtigen, einen echten Schatz? Das hat mich mein Patenkind gefragt. Ich finde darauf so schnell keine Antwort. Lass mal überlegen, sage ich vage. Aber es fällt mir wenig dazu ein. Viele Jahre war ein Schatz für mich kein Thema, das Wort spielte einfach keine Rolle. In meiner Kindheit war das ganz anders. Ich war fasziniert. Ich stellte mir eine große Truhe vor, voller wertvoller Dinge. Die vielen Bücher, in denen Geschichten über die Suche nach dem versteckten oder verlorenen Schatz zu lesen waren: Sie haben meine Phantasie beflügelt. Ich konnte davon gar nicht genug bekommen. Die spannende Suche nach der Schatzkarte. Die Abenteuer, die die Hauptpersonen zu bestehen hatten, bis sie den Schatz endlich gefunden haben. Ich wollte immer mehr davon hören, später auch selbst lesen. Natürlich hatte ich auch selbst eine Schatzkiste. Sie war nicht riesig, aber aus stabilem Holz. Man konnte sie nicht so schnell zerstören. Sie hatte ein Schloss, und sie passte gut in ein Versteck in meinem Zimmer, schließlich sollte keiner die Kiste finden. Darin hütete ich alles, was mir wertvoll war, ein paar selbst gebastelte Schmuckstücke, einen besonders schönen Kieselstein, den mir eine Freundin gegeben hatte. Der Inhalt wandelte sich mit dem Alter. Irgendwann war es dann mein Tagebuch, das natürlich keiner sehen durfte außer mir, und vieles andere, was ich beisammen haben wollte. Auch eine Postkarte der Oma war dabei. Heute weiß ich gar nicht mehr so genau, welche weiteren Schätze ich damals hatte. Und die Kiste gibt es schon längst nicht mehr.

Das Wort Schatz aus dem Predigttext für heute erinnert mich wieder an die alte Kiste . Doch der Text macht mich stutzig. Denn der Schatz ist eben nicht in einer stabilen Kiste, sondern in zerbrechlichen, in irdenenen, in tönernen Gefäßen aufbewahrt. Das passt ja überhaupt nicht zusammen! Ein unscheinbares Gefäß, vielleicht ein Tonkrug, in dem man in der Antike Lebensmittel aufbewahrt hat. Das soll die Schatzkiste sein? Das ist ja paradox. Komplett unverständlich und widersinnig.

Der Autor Paulus schreibt immer wieder über solche vermeintlich unvereinbaren Gegensätze. In diesem Text klingt das beispielsweise so: Wir stehen unter Druck, ohne erdrückt zu werden. Wir sind ratlos, aber verzweifeln nicht, wir werden verfolgt, aber sind nicht im Stich gelassen. Wir sind zu Boden geworfen, aber wir gehen nicht zugrunde. Der Clou an der Sache ist, dass Menschen das nicht selbst machen können. Dass nicht ich es bin, die das bewirkt. Sondern es ist Jesus Christus. Das ist der Schatz, so schreibt es Paulus. Damit wendet er sich gegen Menschen in Korinth, die einen Super-Apostel, einen Super-Prediger, ein perfektes Vorbild erwartet haben. Die Gemeinde in der aufstrebenden Handelsstadt hat nicht nur Besuch vom Reiseprediger Paulus bekommen. Sondern auch von anderen Missionaren. Die stellen Paulus und seine Tätigkeit infrage, weil er den Ansprüchen an einen perfekten Prediger nicht erfüllt. Weil er eben nicht mit großem Szenario, mit Glanz und Gloria, mit viel Tamtam und Brimborium antritt. Paulus ist in Misskredit geraten. Deshalb schreibt er an die Korinther. Er bezeichnet sich selbst als ein zerbrechliches Gefäß. Er ist kein Superheld. Er ist ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Der durchaus auch im Streit lebt mit seinen Mitmenschen. Trotzdem hat ihn Gott zum Wanderprediger, zum Apostel, berufen. Dabei geht es eben gerade nicht um den schönen Schein, um Glanz und Gloria. Denn genau deshalb, weil Paulus nicht perfekt ist, weil auch manches schief läuft, genau deshalb, so schreibt er es, wird deutlich, dass die übergroße Kraft nicht von ihm selbst sondern von Gott kommt.

Paulus hat das immer und immer wieder erfahren. Mit der Gemeinde in Korinth ist es nicht sehr glatt gelaufen. Bei einem Besuch dort ist es zum großen Crash gekommen, zum Streit. Paulus ist abgereist, um den Bruch mit der Gemeinde zu vermeiden. Nach seiner Abreise hat er erneut an die Gemeinde geschrieben im Versuch, Versöhnung zu stiften, schickt seinen Mitarbeiter Titus als Vertrauensmann nach Korinth, um das Schreiben zu übergeben. Paulus selbst reist zur selben Zeit in andere Orte, um dort zu predigen. Nach einer Weile trifft er sich mit Titus. Der berichtet ihm, dass es in der Gemeinde keine Vorbehalte mehr gegen ihn gibt. Die Gemeinde und Paulus haben sich miteinander versöhnt. Aber Paulus ist bewusst, dass das auch hätte anders ausgehen können. Dass die Versöhnung nicht von ihm kommt, sondern von Gott.

Wenn ich darüber nachdenke, komme ich mitten in meinem Alltag an. Wie oft kritisiere ich mich selbst, weil ich die Aufgaben, die sich mir stellen, nicht perfekt schaffe, manchmal auch versage. Wie häufig wünsche ich mir, alles richtig zu machen, und mache doch alles falsch. Verletze eine Freundin mit einer zu harschen Reaktion. Schaffe es selbst nicht, jemandem zu verzeihen, der mich verletzt hat. Bin voller Groll. Oder auch voller Angst angesichts der Weltlage.

In solchen Situationen macht mir das Beispiel von Paulus Mut. Ich muss mich nicht abmühen, um Perfektion zu erreichen. Es muss nicht alles schick und hip sein in meinem Leben. Ich muss nicht zur Super-Christin oder zur Super-Mitarbeiterin oder zur Super-Freundin werden. Ich darf erst einmal sein, wie ich bin, mit meinen Fehlern, mit meinen Schwächen, auch mit Krankheiten. Denn gerade darin liegt das Geheimnis, dass Gott durch die Schwächen der Menschen hindurch wirkt. Dass das Licht von Gottes Liebe durch die Menschen hindurch scheint. Das Licht, das durch Weihnachten, durch die Geburt eines Kindes, in die Welt gekommen ist. Das ist der Schatz, der auch in mir ist. Die Herrlichkeit Gottes, die uns in Jesus Christus begegnet. Und die mich aufrichtet, die mich tröstet, die mir Kraft schenkt und in mir und durch mich wirkt. Obwohl ich keine stabile Schatzkiste bin, sondern eher ein zerbrechliches Gefäß. Daran will ich mich erinnern, wenn ich mal wieder versagt habe. Daran will ich glauben, wenn es mal wieder nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe. Wenn ich mich mal wieder ohnmächtig oder schwach fühle oder es bin. Und nichts dagegen tun kann. Amen.