radio m, Anja Kieser

Bei Anruf Diskussion

Wir hören heute die eine Seite eines Telefonats. Was wird die Person am andere Ende gesagt haben? Pastor Wilfried Röcker versucht das Jahrtausende alte Gespräch nachzuzeichnen.

Wochenspruch  – Ps 33, 12 

Psalmgebet  – Ps 122

Predigttext   – Röm 11, 25-32

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Paulus zieht ein Fazit seiner Überlegungen zu der Frage: Was wird aus Israel? Was wird aus dem Volk, mit dem Gott seinen Bund geschlossen hat?

Er stellt diese Frage als Jude. Er stellt sie also mit einer ganz anderen Perspektive als ich sie heute knapp 2000 Jahre später lese. Ich habe dazu schon viele Diskussionen geführt, die leider oft in einen Streit geführt hatten und eher Spaltung zurückließen als Einigung. In letzter Zeit werden diese Diskussionen vermischt mit einer Beurteilung des Handelns der derzeitigen israelischen Regierung.

Wir wissen nicht in welcher Art die Diskussionen über Israel damals lief. Doch wer die Kapitel 9-11 im Römerbrief liest, gewinnt den Eindruck, dass Paulus hier seine Argumente in diese Diskussion einbringt. Die andere Position kennen wir nicht. Es ist, als würden wir Paulus beim Telefonieren zuhören. Wir hören seine Antworten. Argumente, die gespickt sind mit alttestamentlichen Zitaten und Bildern, wie dem wilden aufgepfropften Zweig am ursprünglichen Olivenbaum. Die Argumente von der anderen Seite können wir nicht mithören. Aber es gibt sie wohl.

Manchmal hat man auch das Gefühl, Paulus führt sogar eher ein Selbstgespräch. Er muss seine Argumentation in den Kapiteln zwei und drei im Römerbrief sortieren und endgültig einordnen. Dort bestreitet er den jüdischen Anspruch auf Privilegien. Alle sind Sünder. Niemand hat kann irgendeinen Grund vorbringen, auf den er bauen kann, „sich rühmen kann“, sagt Paulus. Niemand kann sich selbst rechtfertigen. Allein die Einsicht, dass wir uns nicht selbst aus dem Sumpf ziehen können. Allein das Vertrauen in Christus. Nichts anderes als Gottes große versöhnende Liebe rettet uns. Das gilt für alle. Es gibt kein jüdisches Privileg.

Man könnte daraus schließen, dass Gott sich von seinem Volk abgewandt und den Völkern zugewandt hat, und dass dies das Ende einer Sonderposition des jüdischen Volkes sei. Gottesbeziehung hat sich individualisiert. Es hat nichts mehr mit Abstammung zu tun. Dieser Gedanke, den Paulus im Römerbrief ausführlich entfaltet, ist zu seiner Zeit revolutionär. Religion war in allen Völkern bedeutender Teil von nationaler Identität. Das hat Paulus aufgebrochen. Gottes Anspruch, seine Liebe ist international, die Versöhnung in Christus: Sie gilt allen und macht keinen Unterschied.

Das zu betonen ist auch in unserer Zeit wichtig, wo Machthaber ihre nationalen und geopolitischen Interessen wieder religiös unterfüttern. Als könnte man mit Hass und Gewalt, den eigenen Glauben schützen. Schon beim Schreiben merke ich, wie absurd dieser Satz aus christlicher Perspektive klingt. Jesus hat uns einen anderen Umgang mit denen gelehrt, die uns feindlich gesinnt sind. Die Liebe ist der Maßstab und diese Liebe taugt nicht für nationale Machtinteressen. Auch dort nicht, wo andere Religion für ihre politischen Ziele missbrauchen.

Als Deutsche blicken wir auf eine gewaltvolle Geschichte zurück. Ein Antisemitismus, der immer wieder in brutale Gewalt mündete und in der Schoa zum Völkermord führte.

Bischof Dr. Walter Klaiber schreibt dazu in seinem Kommentar zum Römerbrief: „Hätte man Römer 9-11 nur mit ein wenig Aufmerksamkeit gelesen, wäre das nicht möglich gewesen. Die Haltung einer stolzen und über andere triumphierende Kirche hat der christlichen Kirche und ihrem Auftrag, für andere Menschen da zu sein, nie gutgetan.“

Paulus fordert uns in diesem Abschnitt im Römerbrief also dazu auf, respektvoll zu sein. Paulus schreibt: „Brüder und Schwestern, ich will euch über folgendes Geheimnis nicht in Unkenntnis lassen. Denn ihr sollt euch nicht selbst einen Reim auf die Sache machen.“ Es gibt also noch etwas anderes als die eigene Grundüberzeugung. Gottes Güte geht viel weiter als wir es uns vorstellen können. Sie reicht weiter, als unsere logische Argumentation. Paulus fordert die Leser:innen seines Briefs zu einem Perspektivwechsel auf. Wir werden Ohrenzeugen seines Telefongespräches. Und man hört die anderen zustimmenden oder ablehnenden Argumente nicht. Ich lass darum mal beim Lesen eine Pause. Er sagt: „Betrachtet man es von der Guten Nachricht her, dann sind sie Feinde geworden. … Betrachtet man es aber von daher, dass Gott sie erwählt hat, dann bleiben sie von Gott geliebt. … Was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht weg.“

Die Argumente des Paulus fordern mich in seinem Telefonat heraus. Ich merke, dass in unserer schnellen Informationswelt ein ebenso schnelles Urteil erwartet wird. Dafür oder dagegen? Schwarz oder weiß. Es gibt nur eines, was stimmt. Entscheide Dich schnell. Und mit Deiner Entscheidung klärt sich auch, ob Du mein Freund bist oder mein Feind: Bist Du für Israel, musst du gegen die Palästinenser sein. Bist Du für die Palästinenser musst Du gegen Israel sein. Dazwischen gibt es nichts.

Mich setzt das enorm unter Druck und ich spüre bei allen eigenen politischen Perspektiven, die ich natürlich auch habe, dass ich dennoch so nicht denken will und dass ich mich nicht in eine dieser Ecken drängen lassen will.

Da bin ich ganz bei Paulus, der uns zu einem respektvollen Perspektivwechsel auffordert. Das Leben bietet mehr als Freund-Feind. Aus der Perspektive Gottes steht das Leben unter der großen Überschrift seines Erbarmens.

Erbarmen sortiert das Leben nicht in richtig oder falsch. Erbarmen durchbricht das Freund-Feind denken. Erbarmen eröffnet Zukunft. Weil ich ja selbst vom Erbarmen Gottes lebe, darf ich alle Zwietracht, alle Gewalt, alle Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit seinem Erbarmen anbefehlen.

Herr erbarme Dich, Christus erbarme Dich, Herr erbarme Dich.

Mit dieser Bitte beginnen vielerorts sonntags unsere Gottesdienste. Sie sind zunächst unsere ganz persönliche Bitte und unser Eintritt in das gottesdienstliche Geschehen. Aber sie zeigen uns auch: Unter dieser Überschrift wird nun in diesem Gottesdienst gedacht, gesungen, gebetet. Und es soll auch die Überschrift sein, mit der wir in die neue Woche starten.

Bitten wir darum, dass wir Gottes Sicht auf das Leben mit in unseren Alltag nehmen. Eine für uns unklare Sicht, eine geheimnisvolle. Aber eine, die Zukunft eröffnet, Begegnung schafft und uns Respekt schenkt.