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Das ist jetzt dran!

Dinge lassen, um andere zu tun. Klingt gar nicht schwer. Ist es aber. Impulsgeber ist heute Dominc Kirchner-Schmidt.

Wochenspruch   – Eph 2, 8

Psalmgebet – Ps 73, 1–3.8–10.23–26

Predigttext  – Mt 9,35–10,1(2–4)5–10

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Jesus zieht durch Städte und Dörfer. Er predigt, heilt, begegnet Menschen mitten im Alltag. Und dann, heißt es: „Als er die Menschen sah, jammerte ihn ihrer; denn sie waren erschöpft und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Mt 9,36)

 

Was für ein Bild. Erschöpft und zerstreut.

 

Ich denke beispielsweise an eine junge Mutter die sich zwischen Kita, Homeoffice und ständigem Zeitdruck aufreibt. Ihr Tag beginnt im Halbschlaf und endet mit einem schlechten Gewissen, weil sie das Gefühl hat, weder den Kindern, noch der Arbeit noch sich selbst wirklich gerecht zu werden.

 

Ich denke an einen älteren Mann. Früher war sein Alltag geprägt von Kollegen, Gesprächen und dem Gefühl, gebraucht zu werden. Heute füllen Fernseher und Medikamentenboxen seine Tage. Die Einsamkeit tut weh.

 

Und ich denke an einen Jugendlichen, der sich fragt, ob er in dieser Welt überhaupt eine Rolle spielt. Zwischen Klimakrise, Leistungsdruck und ständiger Online-Vergleichbarkeit fühlt sich das Leben oft an wie ein Kampf gegen Windmühlen.

 

„Erschöpft und zerstreut“ – so sieht Jesus die Menschen. Und das Erstaunliche: Er bleibt nicht auf Distanz.

Ihn „jammert“ ihrer, so steht es in den Versen. Das griechische Wort,das im Urtext  hier steht, bedeutet viel mehr als Mitleid. Es ist eine Bewegung aus der Tiefe, ein inneres Erbarmen, das zum Handeln drängt.

 

Jesus sieht nicht nur die Not, er tut etwas. Er heilt. Er predigt. Und dann ruft er seine Jünger zusammen. Zwölf Menschen. Ganz gewöhnliche Leute: Fischer, Zöllner, Zweifler. Und er sagt: „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter.“ Und: „Geht!“

 

Das ist der Moment, in dem aus Zuschauern Beteiligte werden. Aus Hörenden Gesandte. Aus Mitfühlenden Helfende. Dahin will Jesus bis heute die Menschen bewegen: Von der Not zur Sendung. Von der Erschöpfung zur Hoffnung.

 

Und wie ist es bei mir?

 

Ich erlebe ein Land mit einer starken Wirtschaft, aber auch mit wachsender sozialer Kälte. Menschen vereinsamen, trotz voller Straßenbahnen. Kinder spüren Leistungsdruck vor dem ersten Diktat. Pflegekräfte schuften bis zur Erschöpfung. Der äußere Wohlstand verdeckt oft den inneren Mangel.

 

Die Frage ist: Sehe ich das? Oder scrolle ich weiter?

Auch ich muss mich da immer wieder sensibilisieren und reflektieren.

 

Denn ich glaube, der erste Schritt, Jesu Auftrag zu folgen, ist der, sich berühren zu lassen. Nicht gleich Lösungen haben zu müssen, sondern mit-leiden, mit-fühlen – im besten Sinne.

 

Vielleicht bedeutet das, im Supermarkt nicht nur auf das eigene Handy zu schauen, sondern der älteren Dame mit dem nervösen Blick, ein freundliches Wort zu schenken. Vielleicht bedeutet das, sich Zeit zu nehmen für ein Gespräch mit dem Kollegen, der immer öfter fehlt. Vielleicht heißt es auch, nicht wegzusehen, wenn jemand unter dem Druck der Erwartungen zusammenbricht.

 

Jesus sendet keine Superhelden. Er sendet ganz normale Menschen. Menschen mit Schwächen, Zweifel und einer Vergangenheit. Er stattet sie aus – mit Vollmacht, ja, aber auch mit dem Auftrag, sich verletzlich und offen auf den Weg zu machen.

 

„Nehmt kein Gold, kein Silber, kein Kupfer in euren Gürtel“, sagt Jesus. Kein Sicherheitsnetz. Kein doppelter Boden. Das klingt erstmal riskant. Aber es meint: Vertraut auf Gott. Geht nicht mit Macht, sondern mit Menschlichkeit.

 

Was wäre, wenn ich das in meinen Alltag mitnehmen würde?

 

Ich denke an eine Frau, die jede Woche ehrenamtlich Deutschunterricht für Geflüchtete gibt. Nicht, weil sie perfekt wäre oder alle Antworten hätte. Sondern weil sie glaubt, dass jedes freundliche Wort zählt.

 

Ich denke an einen jungen Mann aus dem Bekanntenkreis, der sich entschieden hat, seine Geburtstagsgeschenke zu spenden – für Kinder, die nichts haben. Kein großer Akt vielleicht. Aber ein Samen, der Frucht tragen kann.

 

Jesus sendet auch uns. Nicht, weil wir perfekt sind. Sondern weil wir mitfühlen können. Weil wir bereit sind, uns auf den Weg zu machen. In unsere Nachbarschaft, in unsere Gemeinde, in unsere Welt.

 

Jesus spricht in dem Bibeltext von einer Ernte. Das ist ein hoffnungsvolles Bild. Da wächst etwas. Da ist Leben. Da hat jemand schon gesät – vielleicht lange vor uns. Und jetzt dürfen wir mithelfen.

 

Aber ist es auch ein realistisches Bild?

Eine Ernte braucht Arbeit. Zeit. Geduld. Und: Viele Helfende.

 

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass Jesus nicht sagt: „Betet um mehr Zuschauer!“, sondern: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter sende.“

 

Wir sind eingeladen, Teil von etwas Größerem zu sein. Und wir dürfen dabei auf Gott vertrauen. Nicht alles liegt an uns. Aber wir dürfen tun, was in unserer Kraft steht.

 

Das kann heißen, in unserer Gemeinde einen neuen Kreis von Interessierten zu gründen. Oder die Tafel zu unterstützen. Oder Jugendlichen Raum und Vertrauen zu schenken. Oder einfach für jemanden zu beten – im Stillen, aber mit offenem Herzen.

 

Jesus sieht die Not der Menschen. Auch heute. Auch bei uns. Und er ruft uns. Nicht zu heldenhaften Taten, sondern zu einem mitfühlenden, offenen Leben. Er sendet uns – in unsere Familien, in unseren Freundeskreis, an unseren Arbeitsplatz, in die Straßen und Häuser dieser Welt.

 

Und er sagt: Die Ernte ist groß. Es lohnt sich.

 

Amen.