Die Pflicht ruft

Die Aufgabenlisten können manchmal groß sein. Das Pflichtbewusstsein auch. Das erzeugt Druck. Oft vor allem inneren Druck, wenn auch noch innere Einreden dazukommen: Immer alles für alle tun. Immer die Pflicht erfüllen. Druck rausnehmen. Manchmal gar nicht so einfach. Wir versuchen es. Der Impuls kommt heute von Nicole Marten.

Wochenspruch – Lk 9, 62

Psalmgebet – Ps 34, 16-23

Predigttext – Jer 20,7-11a(11b-13)

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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„Wat mutt, dat mutt“, der Satz stammt aus Norddeutschland und lautet übersetzt: „Was muss, das muss.“

Es gibt Redewendungen und Sätze, die habe ich in meiner Kindheit und Jugend oft gehört. So häufig, dass sie sich mir eingebrannt haben – nicht nur ins Gedächtnis, sondern in mein Verhalten. Oft merke ich es gar nicht, dass ich diese Sätze befolge. Manchmal merke ich es aber schon – hinterher. Es ist gar nicht so einfach, diese Redewendungen und Sätze aus dem Kopf zu bekommen, geschweige denn, aus meinem Verhalten.

„Wat mutt, dat mutt“, ist so ein Satz. Ich kenne ihn aus den vielen Urlauben in Norddeutschland in meiner Kindheit und Jugend. Und ich habe ihn verinnerlicht. Vor allem in der Bedeutung: Was man tun muss, das soll, das muss man auch tun. In dieselbe Richtung weist ein Spruch aus dem Poesie-Album: „Sage nie, das kann ich nicht. Vieles kannst du, will’s die Pflicht. Vieles kannst du, will’s die Liebe. Darum dich im Schwersten übe. Sei getreu, tu deine Pflicht – und sage nie: Das kann ich nicht!“ Seit Jahrzehnten habe ich nicht mehr in das Poesie-Album geschaut. Aber den Spruch, den kann ich auswendig. Und meistens handele ich auch danach. Oft bin ich auf Autopilot und erfülle die Aufgaben, die vor mir liegen. Egal, ob das ein Ehrenamt ist in der Gemeinde oder im Verein. Egal, ob das heißt, unendlich viele Überstunden zu machen. Ganz gleich, ob mir die Gesellschaft anderer Menschen gerade gar nicht gut tut, weil ich Ruhe brauche und ein bisschen allein sein muss. Und meist auch ganz egal, wie viel Zeit das alles kostet.

Ich gebe es zu: Nein sagen fällt mir sehr schwer. Immer und immer wieder habe ich damit zu kämpfen, dass ich doch eigentlich noch zu dieser Gemeindeveranstaltung müsste, oder dort aushelfen sollte. Und manchmal bin ich auch ziemlich stolz darauf, was ich alles hinbekomme, was ich alles schaffe. Schaffen bis zum Umfallen. Wirklich?

Bei mir wurde es einmal so zuviel, dass ich plötzlich krank im Bett lag und gar nichts mehr machen konnte. Und da lag ich dann – mit einem schlechten Gewissen. Und mit Wut im Bauch. Warum muss mir diese Krankheit jetzt in die Quere kommen? Ich werde doch gebraucht! Ein Alptraum. Andern nicht zu helfen: Geht gar nicht.

Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich nicht alle Wünsche erfüllen kann. Dass die Welt nicht untergeht, wenn ich nicht alles schaffe. Und, dass ich auch gar nicht alles schaffen kann, weil auch meine Zeit begrenzt ist und ich – wie alle anderen auch – am Tag 24 Stunden habe. Die ich unter anderem auch mit ausruhen und schlafen, mit essen und spazieren gehen verbringe. Weil die Akkus schließlich auch Zeit brauchen, um wieder aufgeladen zu werden. Und so lerne ich, nein zu sagen, Stück für Stück. Manchmal sage ich auch zuerst ja, und dann doch wieder nein. Das ist eine große Herausforderung für mich. Denn was man zugesagt hat, das soll man doch auch tun! Aber nein. Manchmal habe ich nämlich nur ja gesagt, um in Ruhe gelassen zu werden. Oder, weil ich überrumpelt wurde. Von meinem Gegenüber, oder von meinem Wunsch zu helfen. Wenn mir das auffällt, korrigiere ich und sage nein, obwohl ich zuerst zugesagt habe.

Es gibt allerdings auch Situationen, in denen kann man nicht einfach so nein sagen. Wenn das Kleinkind oder Baby die Eltern die ganze Nacht auf Trab hält, krank ist oder einfach keinen Schlaf findet. Wenn die alten Eltern pflegebedürftig sind und die Kinder in den besten Lebensjahren alles organisieren müssen, damit es Vater oder Mutter gut geht. Wenn es Arbeiten gibt, die sich nicht aufschieben lassen. Dann muss man da irgendwie durch. Manchmal gelingt es ja, zumindest kurzfristig eine Pause einzulegen. Manchmal aber auch nicht. Und die Gefühle, die kann man ohnehin nicht abstellen.

Ganz ähnlich ging es dem Propheten Jeremia. Gott hatte ihn damit beauftragt, den Menschen im alten Israel Unheil vorherzusagen. „Frevel und Gewalt“ muss er schreien, er muss sagen, dass Gottes Volk nicht mehr nach Gott fragt. Dass die Menschen lügen. Die Vergleiche, die Jeremia im Auftrag Gottes aussprechen muss, sind hart. Wie eine Hure habe sich Gottes Volk benommen, hat sich auf falsche Verbündete und auf falsche Götter eingelassen. Immer und immer wieder muss er darauf hinweisen, dass die Menschen sich nicht um die Armen kümmern. Und er muss ankündigen, dass Gott das strafen wird, dass großes Unheil über das Volk kommt. Die Menschen glauben ihm nicht. Sie sind der Meinung, Jeremia hat sich das ausgedacht. Und sie ärgern sich darüber, dass Jeremia ihren Lebensstil verurteilt. Dass er das dann auch noch im Namen Gottes tut, bringt die Menschen in Rage. Sie sperren ihn ins Gefängnis. Jeremia schwebt in Lebensgefahr: Die Menschen wollen den Propheten umbringen. Das macht Jeremia Angst. Aber er kann gar nichts anderes machen oder sagen, als das, was Gott ihm aufgetragen hat. Deshalb ist er verzweifelt. Er schreit zu Gott, macht ihm harte Vorwürfe. „Herr, du hast mich überredet“ heißt es im Predigttext für heute. Man könnte das auch anders übersetzen. „Gott, du hast mich verführt!“ Oder „Du hast mich überwältigt!“ Manche übersetzen gar „Du hast mich vergewaltigt!“ Jeremia kann einfach nicht mehr. Immerhin geht das jetzt schon seit Jahren so. Er ist am Ende und muss doch tun, was Gott sagt. Er klagt Gott an mit harschen Worten. Er ist dabei ganz ehrlich vor seinem Gott, schreit seine Verzweiflung hinaus.

Mich erstaunt es immer wieder, wie hart Jeremia mit Gott spricht.

Alles kommt auf den Tisch: Dass er einen Auftrag hat von Gott, dass er das sieht und umsetzen will, es auch tut, dass es ihm aber über die Jahre auch zu viel wird. Er kennt sich selbst nicht mehr. Er schafft es nicht, ein gutes Maß zu finden. Zwischen dem, was zu tun ist, was Gott von ihm will, was „mutt“ und dem, wo er selbst immer weitergeht, sich in die Aufgabe verrennt und es mit ihm immer schlimmer wird. Und dann denkt er nach, mitten in dieser Anklage: Da ist noch was. Und das bringt die Wende. Jeremia erkennt, dass Gott in diesem ganzen Elend bei ihm ist. Und Jeremia legt seine Verzweiflung in Gottes Hände: „Ich habe dir meine Sache befohlen.“ Jeremia lässt los.

 

Das tröstet mich: Gott hält unsere Klagen und unsere Anklagen aus – egal wie hart unsere Vorwürfe sind. Er geht mit. Und er zeigt uns neue Wege inmitten unseres Leids.

 

Amen.