Foto: erstellt durch KI, Le Chat

Halb so schlimm. Wird wieder.

Trösten kann unterschiedlich ausfallen. Wie echter Trost sein muss und warum das gerade an diesem Sonntag wichtig ist, darum geht es im kleinen gottesdienst mit Impulsgeberin Anja Kieser.

Wochenspruch  – Joh 12, 24

Psalmgebet – Ps 84, 1-13

Predigttext  – Jes 66, 10-14

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

0 Kommentare

Kommentieren

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Manuskript / Download
Halb so schlimm. Wird wieder. als Manuskript-Datei runterladen

„Eines Tages, werden wir sterben.“ Das sagt Charlie Brown zu Snoopy – in den Comics von Charles M. Schulz. Und Snoopy antwortet: „Ja, aber an all den anderen Tagen nicht.“

Ziemlich gut finde ich. Ja, es wird der Tag kommen, an dem dieses Leben hier endet. Und ja, an allen anderen Tagen bis dahin, da lebe ich.

Dieser kleine Wortwechsel passt super zu dem heutigen Sonntag. Er heißt Lätare. Der Sonntag steht für ein kleines Osterfest mitten in der Passionszeit.

Ganz genau. Wir sind mittendrin. Drei Wochen liegen hinter uns, drei Wochen liegen vor uns. Heute lässt uns das Kirchenjahr ein wenig verschnaufen. Kurze Pause. Kleines Osterfest. Passionszeit ist ja auch anstrengend. Und das nicht nur, wenn zum Beispiel auf Fleisch oder Alkohol verzichtet wird. Oder auf Süßigkeiten. Oder man sich vorgenommen hat nicht zu spät ins Bett zu gehen oder so Sachen wie ein Dankbarkeitstagebuch zu führen oder jeden Tag ganz bewusst eine gute Tat tun. Es gibt ja vieles, was in der Passions-, Fastenzeit versucht wird anders zu machen als sonst. Um den Blick zu schärfen. Freiräume zu schaffen. Bewusster zu leben und ja, vielleicht auch, um Gott dabei näher zu kommen, neu zu entdecken. Heute also Pause. Durchatmen. Leben! „Heute wird nicht gestorben.“ Sagt Snoopy. Heute ist nicht Karfreitag. Aber der Weg durchs Leben bis zu dem Tag. Bzw. die Passionszeit ist ja auch nicht gerade nur fröhlich. „Eben“, sagt Snoopy. Da braucht es immer auch Freude, freudiges Leben. Lachen. Fröhlich sein. Sorgen, Sorgen sein lassen. Doch: Geht das? Geht das mitten im Leben? Freude empfinden, wenn da Leid ist? Wenn Schmerzen, da sind. Verlust. Wenn es nicht geklappt hat mit dem Partner. Dem Kinderwunsch. Dem neuen Job. Wenn Freunde einem den Rücken kehren. Wenn da ein großes dunkles Lebensloch klafft. Einsamkeit das Leben bestimmt?

„Ach, komm. Stell dich nicht so an. Wird schon wieder. Lass den Kopf nicht hängen. Tut doch nicht so weh. Kenn ich auch. Hab ich auch schon erlebt. Weißt du, da hab ich einfach…“ – Ja, das will ich doch dann hören?! Lätare. Freu dich doch, mitten im Leid. Super Idee!

Und obendrauf setzt das Leben dann auch noch den Tod. Diesen einen Tag, der kommen wird. Charlie Brown hat schon recht. Natürlich lebe ich an all den anderen Tagen bis dahin, aber der Tod, dieses letzte Leiden, der wird schon kommen. Und erzähl mir nicht: Du hast nur Angst vor dem Sterben und nicht vor dem Tod. Das nehm‘ ich dir nicht ab. Also, ja: Ziemlich herausfordernd der heutige Tag. Freu dich doch! Mitten im Leid. Mit Blick auf den Tod.

Natürlich. Ich hör euch schon sagen: Aber Anja, da kommt doch Ostern?! Jesus wird auferstehen. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Da ist doch große Freude.

Doch: Reicht das? Ist dieser Ausblick genug? Was mache ich damit und was macht das mit mir? Billiger Trost – wie all die netten Floskeln, die wir gerade gehört haben? Zukunftsvertröstung? Beschwichtigung? Genau deshalb gibt es den heutigen Sonntag: Lätare. Kleines Osterfest. Mitten im Leben. In einem Leben, an dessen Wegende der Tod steht. Um mir die Frage zu stellen: Was tröstet dich? Wie kannst du getröstet werden, dass du im Leiden und mit Blick auf den Tod, Leben kannst, dich doch auch freuen kannst. Fröhlich sein kannst. Das Leben feiern kannst? Wie sieht Trost aus, der das möglich macht?

Ich fang mal hinten an. „Tod ohne Gott“, habe ich im Netz auf der Seite beim Humanistischen Verband gelesen. Es geht um einen Vortragsabend über Tod, Trauer und Trost. Tod ohne Gott. Mein Gott, wie trostlos. Fällt mir dazu ein. Da fehlt was. So spüre ich es. Ja, vielleicht weil ich schon lange als Christin unterwegs bin. Mich an diesem Gott festhalte. An diesem Konstrukt Gott, würden es vielleicht Humanisten nennen. Ja, vielleicht. Und doch spüre ich, auch der Tod ohne Gott braucht ein Konstrukt. Es geht nicht ohne Trost. Woher er kommt ohne Gott, weiß ich nicht. Dieses Problem haben die Humanisten zu lösen und vielleicht höre ich mir das mal bei Gelegenheit an.

Trost mit Gott, das ist mein Thema. Das ist das Thema heute an Lätare. Trost mit Gott. Damit Freude mitten im Leid entstehen kann. Wie das aussieht, das steckt im heutigen Bibeltext drin, der diesem Impuls zu Grunde liegt. Den wir gehört haben. Der im Buch des Propheten Jesaja zu finden ist. Der Prophet spricht in eine besondere Situation hinein. Das Volk Israel befindet sich nicht mehr in der Fremde. Sie sind raus aus ihrem Exil. Eigentlich könnte jetzt alles wieder gut sein. Eigentlich. Könnte. Ist es aber nicht. Jerusalem ist immer noch nicht selbständig. Immer noch Fremdherrschaft. Verschiedene Kulturen treffen auseinander. Wer sind wir? Wer bin ich? Unter den vielen Einflüssen, die es gibt. Dahinein werden die Worte gesprochen. Worte, die davon erzählen, dass Gott trösten wird. Wie eine Mutter. Schon jetzt dürft und sollt ihr euch freuen. Und diese Freude wird noch größer werden eines Tages. Ihr werdet getröstet werden, wie es nur eine Mutter kann, die beste Mutter. Dieser Ausblick, der soll euch heute schon trösten. Ob diese Worte des Propheten Jesaja beim Volk Israel verfangen haben? Sie getröstet haben? Ich weiß es nicht. Glaube aber, dass das nur geklappt hat, wenn sie damals das gemacht haben, was wir auch heute noch tun: innehalten, genau hinschauen, was Gott uns da eigentlich sagt. Lätare. Kleines Osterfest mittendrin mit Blick auf das Lebensende und mit dem Wissen, dass es Ostern werden wird.

Wie tröstet also Gott?

Es ist der Trost einer Mutter. Der besten Mutter. Nicht der, die die tollen Floskeln hat. Wird schon wieder. Halb so schlimm. Nein, nicht die. Die tröstet nicht. Es ist die, die um den Schmerz weiß, ihn anerkennt, geduldig dabeibleibt, aushält, mitträgt, mitschweigt, weil vielleicht kein einziges Wort passt, jedes Wort zu viel ist. Sie ist da. Weiß, dass Leid nicht einfach zugepflastert werden kann. Weiß, dass Ablenkung am Ende auch keine Lösung ist. Dass es Ehrlichkeit braucht. Anerkennung des Schmerzes. Des Leides. Ja, es tut dir weh. Das ist okay. Von dieser Mutter redet Gott. Er ist diese Mutter. Ich darf sie als Vorbild haben, wenn ich beim Trösten gefragt bin.

Und in all dem steckt ein ganz wichtiger Gedanke: Trost ist Beziehung. Trost entsteht nicht, durch Wegnehmen des Leids, sondern durch Begleitung. Trost geschieht da, wo es trostlos ist. In den Trümmern Jerusalems damals. In den Trümmern im Nahen Osten heute. In den Trümmern meiner Gebrechlichkeit. In den Trümmern meiner Beziehung. Trost entsteht in diesen Trümmern, wenn da jemand ist, der tröstet. Der mitgeht. Aushält. Mein Leid anerkennt.

Leid ist sinnlos. Jegliches Leiden hat keinen Sinn. Da mache ich mir nichts vor. Da ist es falsch zu sagen, es wird schon für etwas gut sein. Was gut sein kann, sind vielleicht die Erfahrungen, die ich daraus mitnehme. Aber niemals das Leiden selbst. Es sind vielmehr die Erfahrungen. Dass da jemand war, der bei mir geblieben ist. Dass eine Freundschaft das ausgehalten hat. Dass mir jemand eingekauft hat. Essen gebracht, angerufen hat. Dass es gute Ärzte gab. Dass mir jemand finanziell geholfen hat. Mir ein Dach über dem Kopf gegeben hat. Solche Erfahrungen sind gut. Denn sie sind es, die mir Hoffnung geben, wenn es mal wieder schwer wird im Leben. Das tröstet mich. Auch in Zukunft. Dieser Trost lässt mich aufblühen, so was wie Freude empfinden, mitten im Leid. Wie im Bibeltext: „14Wenn ihr das erlebt, werdet ihr euch von Herzen freuen.“ Lätare. Kleines Osterfest.

Trost ist Beziehung. Beziehung zu den Menschen, die mich trösten. Also dann doch: Tod ohne Gott? Trost ohne Gott?

Nein, denn der Trost, den Menschen geben können, ist genauso endlich, wie der Mensch selbst. Der Mensch braucht eine tiefere Anbindung. Ein Halt, der nicht endlich ist. Ein Halt, der über das letzte große Leiden hinausgeht. Einen Trost, der in die Ewigkeit hineinreicht.

Karfreitag und Ostern. Gott kennt die Erfahrung des Leidens. Er kennt Schmerz und Verachtung. Verurteilung und Tod. Gott selbst hat am Kreuz Leid erfahren und er stirbt mit diesem ganz persönlichen Schmerz und er stirbt mit dem Schmerz über das Böse, das Grausame dieser Welt. Und mit diesem schrecklichen, sinnlosen Leiden bleibt die Welt stehen. Karsamstag. Das Leid geht mit in den Tod. Doch selbst da, an diesem dunkelsten Ort, den es gibt, kommt Gottes Trost hinein. Kein Tod ohne Gott. Gott, der selbst gelitten hat, anerkennt meinen Schmerz, sogar im Tod. Selbst hier wird der Schmerz nicht kleingeredet, abgetan. Das ist das Licht, das in der Osternacht aufgeht. Alles, auch das allerletzte Leiden findet in Gott seinen Halt. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“, heißt es in der Bibel (Offenbarung 21). Das ist der Trost, der uns heute schon versprochen ist. Wir sind nicht allein. Auch nicht im Tod. Das ist der Unterschied. Trost ist Beziehung. Und wenn menschliche Beziehung aufhört, geht die Beziehung zu Gott dennoch weiter. Bleibt bestehen. Ich bin nicht allein. Niemals. Nie.

Das feiern wir. Nicht nur an Ostern, sondern in jedem Abendmahl. Wir feiern es in der Taufe. Menschen begleiten ein Kind, aber Gott hat schon längst zu diesem Kind ja gesagt, liebt es und ist mit ihm verbunden. In der Beziehung mit Gott kann der Mensch erfahren was es heißt, befreit zu werden. Von der Last einer Schuld, weil Gott liebend vergibt und Neuanfänge schenkt. In der Beziehung zu Gott kann ich erfahren, was Versöhnung heißt. Gott nimmt mich, wie ich bin, sieht mir meine Fehler nach, so dass auch ich Fehler nachsehen kann. In Liedern und Texten kann ich die Beziehung zu ihm spüren, wenn sie mein Innerstes ansprechen. Etwas in mir bewegen, das verloren schien. Sie können mir Mut machen oder Freude zurückbringen. Gott erleben kann ich in all dem und dass es da eine Beziehung gibt. Eine Beziehung, die Halt gibt. Dem Leben und dem Tod standhält. Beziehung zu Gott, das kann auf so viel verschiedene Art und Weise erlebt werden. Menschen, die mit Gott unterwegs sind, machen diese Erfahrungen. Immer wieder. Es braucht sie auch immer wieder neu, denn gerade in Zeiten des Leids, aber auch in den glücklichsten Momenten, kann es passieren, dass die Beziehung zu Gott aus dem Blickfeld verschwindet. Da ist so viel anderes… Dabei braucht es da diese Beziehung ganz besonders. Gut, wer daher immer wieder nach den wertvollen Erfahrungen im Leben sucht, danach wo Gott erlebbar und spürbar wurde. Denn genau diese Erfahrungen, sie werden mich trösten, wenn es darauf ankommt. Dann werde ich auch Trost erfahrbar. In der Beziehung mit Menschen und vor allem und hinter allem: Gott. Die Beziehung zu ihm ist die liebevolle Umarmung einer Mutter, die weiß, wie echter Trost aussieht und die an meiner Seite bleibt, selbst dann, wenn der letzte Tag anbricht. Aber bis dahin lebe ich. Mit Gott an meiner Seite. Gestärkt. Gehalten. Geliebt. So dass es auch im Leid, so etwas wie einen Grundton der Freude gibt. Ein Lätare. Ein kleines Osterfest. Halleluja. Amen.