Kaputt gemacht

Silvester! Für die einen eine riesen Party. Für andere ein Tag wie Abschiedsschmerz. Das war’s also: 2023. Wie wird 2024? Der Jahreswechsel ist eine Zäsur. Vergangenes ist vergangen. Neues steht bevor. Schönes? Trauriges? Schwieriges? Wunderbares? Auch im neuen Jahr wird wieder alles seine Zeit haben. Gut, wenn einer bei mir ist, wenn die neue Zeit anbricht. Ruth Dipper nimmt uns heute mit zum Basteln und das hat ganz viel mit dem Alten und dem Neuen zu tun.

0 Kommentare

Kommentieren

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Manuskript / Download
Kaputt gemacht als Manuskript-Datei runterladen

 

Hast du heute schon etwas kaputt gemacht?

Ich muss ziemlich verwirrt hochgeschaut haben, nachdem ich das gefragt worden bin. Die Situation war folgende:

Ich sitze mit einer lieben Freundin um ihren Küchentisch. Auf dem Tisch lauter Scherben. Grüne Scherben, blaue Scherben, farblose Scherben, braune Scherben, vereinzelt sogar ein paar rote.

Diese Scherben hatten schon eine längere Reise hinter sich. Sie kamen aus einem Bach, aus dem die Freundin diese Scherben im Sommer gesammelt hatte.

Frisch aus dem Wasser haben sie wohl noch ein bisschen nach Fisch gerochen, waren schlammig und zum Teil veralgt. Also hat sie diese Scherben zunächst gründlich einzeln gereinigt und danach bereits ein wenig nach der Krümmung sortiert. Der Plan ist nun, daraus eine Lichtinstallation zu basteln. Die Scherben sollen auf alte Bilderrahmenscheiben geklebt werden. Den passenden Kleber hat sie da. Ein paar fertig gestaltete Scheiben liegen bereits gestapelt auf ihrem Küchentisch. Dort kann ich sehen, wie das Ergebnis aussehen soll. Denn, sind die Scherben geklebt und getrocknet, soll noch eine weiße Füllmasse die Zwischenräume schließen. Das erhöht den Kontrast. Hinter diese so beklebten und aufgefüllten Scheiben wird dann ein Leuchtmittel kommen. Ein Licht wird so das Scheibenmosaik stimmungsvoll beleuchten und das Wohnzimmer wunderbar verzaubern.

Jetzt sitzen wir da.  An ihrem Küchentisch. Wir trinken Tee und legen diese Scherben auf die Bilderrahmenscheiben. Muster entstehen. So wie es uns gerade passt. Wie es uns stimmig scheint. Wie es sich ergibt.  Jede mit ihrem ganz eigenen Stil.

Draußen wird es dunkel, dabei ist es noch gar nicht so spät. Wir haben ein paar Kerzen aufgestellt. Auf dem Tisch. Dem Fensterbrett. Um uns herum stehen viele Pflanzen. Meine Freundin liebt Pflanzen. Morgen sollen noch mehr geliefert werden. Ein richtiger Urwald.

Auf dem Tisch glitzern und schimmern die Scherben. Manche waren wohl länger im Bach gewesen. Sie sind matt. Eine schon fast so matt wie eine Fliese. Erst, wenn ich sie bewusst gegen das Deckenlicht halte, sehe ich, dass sie wirklich durchsichtig ist. Auch sie findet ihren Platz im Mosaik, und sie wird später für einen etwas anderen Effekt sorgen. Aus der Schüssel klimpert es leise, wenn ich nach einer Scherbe für eine bestimmte Stelle suche oder eine, ganz wörtlich, verwerfe. Vielleicht suche ich sie später für eine andere Stelle bewusst wieder heraus. Vielleicht wird sie auf einem anderen Mosaik landen. An einem anderen Tag.

Und so sitzen wir da. Vor Schüsseln voller Scherben aus dem Müll anderer Leute, den sie unachtsam weggeworfen haben. Wir sitzen gemeinsam um den Tisch, unterhalten uns über dies und das, was uns eben in den Sinn kommt. Wir erschaffen etwas Neues aus diesen Scherben. Etwas Schönes, etwas, das auf lange Sicht Freude bringt.

Wir erschaffen aber auch etwas anderes: Im Tun lernen wir uns besser kennen, vertiefen unsere Beziehung, finden heraus, was uns zum Lachen bringt, kratzen gelegentlich an den Themen, die uns zum Weinen bringen. Und dann gibt es da die Momente der Stille. Mit Menschen lachen können ist toll, aber mit Menschen schweigen können? Das fällt mir immer wieder schwer. Doch es gelingt uns. Ich fühle mich nicht unwohl dabei. Wir reden über sehr persönliche Dinge, ebenso wie darüber , welche der Scherben denn wohl an genau diesen Fleck gehört.

Und darüber: Ob ich denn heute, wo ich hier etwas Neues schaffe, schon etwas anderes kaputt gemacht habe. Nein, habe ich nicht. Ich habe auch keine der Scherben klein gehauen. Manche der Scherben sind zu groß, zu geschwungen, um sie schön flach auf die Trägerscheibe zu kleben. Aber den dann frischen Scherben hätte ja die Reise durch den Bach gefehlt? Die Reise, bei der sich die Ecken und Kanten ein bisschen abstoßen, bei jedem Kontakt mit einem Wassermolekül oder einem Stein ein bisschen mehr. Oder auch viel mehr. Natürlich können wir die großen Scherben in ein Tuch packen, darauf hauen, und lauter kleine und sehr kleine Scherben würden herauskommen, aber es hätte unser Tun gestört. Das ist einfach nicht dran.

Die Scherben bräuchten dann Zeit, um wieder zu etwas Neuem werden zu können, mit dem wir hier entspannt sitzen, entspannt wühlen können.

Wir machen an diesem Tag nichts kaputt. Sondern kleben, mal still, mal nicht so still die Scherben auf alte Bilderrahmen. Scherben, die schon einen langen Weg hinter sich haben, die selbst schon so viel Zerstörung erlebt haben, bevor sie bei uns angekommen sind. Dabei haben wir über unsere eigene Vergangenheit geredet, über Pläne in der Zukunft, kleine und große.

Unser Zusammensein:

Abbrechen und bauen, weinen und lachen, suchen, verlieren, behalten und wegwerfen, schweigen und reden. Ich spüre ein Stück Ewigkeit in diesen Worten. Sehe die Vergänglichkeit und gleichzeitig glitzert mein Mosaik in den schönsten Farben.

Alles hat seine Zeit. Auch diese Worte erscheinen mir in einem neuen, farbenfrohen Licht.