Lieben ist nicht lieben

Das Kirchenjahr neigt sich dem Ende zu und es wird merklich unangenehmer. Die Stichworte sind: Tod, urteilen, verantworten, Richter und so weiter. Klingt nicht verlockend. Doch wer sich diese Themen heute zumutet, der wird belohnt. Also reinhören, wenn unser früherer Redaktionsleiter, Gerrit Mathis, heute unser Gastimpulsgeber ist. Ja, der Text aus dem Matthäusevangelium ist hartes Brot und das Psalmgebet auch, aber so lohnend!

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Da liest man jahrelang täglich die Bibel, betet, fragt nach Gott, hält Augen und Ohren offen für sein Reden und dann: Kickt Jesus einen raus. Zack. Weg. Warum?

Hat Gott nicht ein ganzes Testament lang genau das verlangt und rumgemäkelt, wenn das Volk Israel darauf keinen Bock hatte? Was hat den lieben Jesus denn da geritten?

Jesus, der Menschensohn setzt sich auf den Thron und gibt den Richter wechselt die Funktion, aber bleibt Menschensohn. Mensch. Einer von uns. Deshalb ist das Urteil des Menschensohns nicht das eines abgehobenen Weltenrichters. Es ist fest verwurzelt. Ich könnte es selbst fällen. Über mich. Vor diesem Richter begegne ich mir selbst. Das ist erheblich, denn dann kann ich mich nicht gleichzeitig rausreden: „Wusste ich ja nicht!“ Es konfrontiert mich mit mir selbst und ich muss mir vielleicht mitteilen: „Du bist raus.“ Ich, der ich nach Gott frage. Es gibt also ernsthaften Glauben, der rausfliegt? Warum?

Die Menschen der ersten Gruppe in unserer Geschichte wissen gar nicht, dass sie Gott gegenüber irgendetwas richtig gemacht haben. Gott hatten sie so nicht auf dem Schirm.

Die anderen dagegen absolut. Gott war ihr Dreh- und Angelpunkt, deshalb ja ihre Gegenfrage: „Was soll das, wir hätten dir nicht geholfen? Wir hätten doch! Aber du hast dich nicht gezeigt!“

Beide Gruppen haben Gott nicht bemerkt, aber unterschiedlich gehandelt. Was haben sie gesehen? Und was hat es für sie bedeutet?

Die Menschen aus Gruppe 1 haben Menschen gesehen, hilfebedürftige Menschen. Im Hilfebedürftigen haben sie kein „Geschöpf Gottes“ gesehen und deshalb geholfen, sondern: Jemand braucht Hilfe. Kleidung, Freiheit, Essen, Trinken.

Die anderen haben nach Gott gefragt, geschaut, ihn nicht entdeckt, also auch nichts gemacht. Klar hätten sie geholfen, hätte Gott ihnen gesagt: „Da! Hilf!“ Sie haben den Glauben ja nicht auf die leichte Schulter genommen, im Gegenteil! Offenbar bin ich noch lange nicht auf der richtigen Bahn, bloß weil ich Gott ins Spiel bringe. Hat die Schlange im Paradies nämlich auch gemacht. Und aus war’s. Nach Gott zu fragen allein, hilft nicht. Die Frage ist, wozu wir fragen? Weil wir es Gott recht machen wollen? Weil wir uns besser mal an seine Regeln halten sollten? Weil wir uns gottesfürchtig an die Bibel halten wollen? Mit diesen Fragen drehen wir uns um: uns. Will ich mich an die Bibel, an Gott halten, wer hält dann wen? Ich mich. Da ist Gott schon in der Frage raus. Ich will halt heil aus der Sache rauskommen. Mich retten. Wenn ich dem anderen helfe, weil Gott das will oder der andere „ja auch Gottes Geschöpf ist“, befasse ich mich gar nicht mit dem anderen, sondern verzwecke ihn, um zu zeigen, wie gottesfürchtig, bibeltreu oder sonstwie fromm ich bin; schiebe eine religiöse Funktion zwischen mich und den anderen. Aber diese Funktion funktioniert nicht.

Jesus macht es ganz anders. Für ihn ist der Mensch wertvoll, als Person. Allein deshalb. Du bist wertvoll, weil du du bist. Das ist simpel. Und wer es verkompliziert, macht es kaputt. Wertvoll zu sein, weil ich bin, das ist Liebe. Also genau das, was Gott will. Aber Lieben MUSS sich von Gott lösen, wenn es tatsächlich Lieben sein will. Hier scheitert die zweite Gruppe, weil sie Lieben an Gott bindet.

Man stelle sich vor, SIE fragt ihn: „Schatz, warum liebst du mich?“ Antwortet ER: „Weil mein Papa das gesagt hat.“ Grenzdebil blöde, oder? Wo wir Zuwendung zum anderen mit etwas anderem als dem anderen begründen, und sei es noch so fromm, sind wir vom Lieben Lichtjahre entfernt. Im Gegenteil ist das menschenverachtend zynisch, weil wir den anderen zum Gegenstand unseres Glaubens degradieren, statt ihn als Gegenüber zu lieben.

Und mit ihrer Frage, „wo haben wir dich denn hilfebedürftig gesehen?“, schieben diese Menschen ihre Verantwortung auch noch feige auf Gott. „Wir haben ernsthaft nach dir gefragt, aber du hast dich ja nicht gemeldet!“ Es gibt ernsthaften, nach Gott fragenden Glauben, der ist gelebte Verantwortungslosigkeit und die nimmt sogar noch zu, je intensiver er fragt, weil er „Gott“ sagt, aber sich selbst meint und sich unmündig wegduckt vor der eigenen Verantwortung, eigenen Entscheidungen, dem Aufrechtgehen und Einstehen, wovon ich überzeugt bin. So kommt zu zynisch und menschenverachtend noch verantwortungslos hinzu. Dafür kann man schon mal rausfliegen und das ist keine Strafe, sondern die konsequente Weiterführung meiner Haltung, mit der ich mich aufs Spiel setze.

Wenn Gott mich als Gegenüber geschaffen hat, ich mich aber zum gehorsam Hörenden göttlichen Redens umfunktioniere, verabschiede ich mich aus dem Gegenüber-Sein ins Untendrunter, schmeiße ich mich selbst raus aus dem Leben, das Gott mir geschenkt hat. Kicke mich in den Tod. Und schlimm ist nicht der Tod, den wir sterben, sondern der, den wir leben, weil wir unser Leben verfehlen.

Gegenüber sein, auf Augenhöhe begegnen, bedeutet: eigene Überzeugungen zu haben, ohne darauf zu verweisen, dass irgendjemand gesagt hat, dass. Selbst hinzuschauen und zu entscheiden, statt auf das „Go!“ eines anderen zu warten. Den anderen anzuschauen und ihm zu helfen, weil er Hilfe braucht. Weil ich fühle, wie zerbrechlich er ist. Weil ich spüre, dass sie ein Zuhause braucht.

Weil ich will, was Gott will, aber eben nicht, weil er es will, sondern weil ich selbst sehe, spüre, erkenne, wie wertvoll der andere ist. Das ist erwachsener Glaube, der in Gottes Lieben beginnt und sich daraus dem anderen zuwendet, der allein deshalb wertvoll ist, weil er ist. Erst so losgelöst ist es Lieben. Denn Liebe, die den anderen nicht um seiner selbst willen liebt, ist überhaupt keine.

Diese Eigenverantwortung zu übernehmen, den anderen zu lieben, ihm zu helfen, weil ich mit ihm fühle und das jetzt für richtig halte, bedeutet vielleicht einen großen Sprung über meinen bisherigen großen Glaubensschatten. Geht aber. Beleuchte ich mein Gegenüber von einer anderen Seite als von meiner, nämlich von seiner, fällt der große Schatten vor mir sofort hinter mich. Und genau das ist ja Lieben: Ich schaue mit seinen Augen, verstehe ihn, fühle mit ihr. Weine mit ihm, lache mit ihr. Höre zu und frage nach. Lasse mich los, falle und verliere mich im anderen und spüre sprachlos: Genau dort, wo ich mich aus Liebe im anderen verliere, gewinne ich mich, werde erst dort ganz und ganz ich. Und für den anderen, „ein Mensch, der mich sieht“.

So schaue ich auf sudanesische, iranische und ukrainische Flüchtlinge, auf israelische und palästinensische Opfer, auf die alleinerziehende Nachbarin am Ende ihrer Kräfte, den pubertierenden 15-Jährigen, der gemobbt wird, die Kollegin, die im Job unter die Räder kommt, den Vereinskollegen, der einfach nicht mehr kann, den Vater, der seine Kinder nicht mehr sieht, weil seine Frau ihn vor die Tür gesetzt hat, die stumm weinende Nachbarin, die ihren Mann an eine gut aussehende Mittzwanzigerin verloren hat. Warten wir nicht ab, bis Gott uns losschickt, das hat er zweite Testamente lang längst gemacht. Gehen wir endlich, weil andere uns brauchen. Begegnen wir ihnen, weil sie es wert sind. Und wenn dann irgendwann alles vorbei ist, wo ich war, soll dann Liebe sein. Das ist alles.