Verschossen

Das Ziel kann ja mal leicht verfehlt werden. Aber immer und immer wieder? Trotz Übung? Ganz schön frustrierend. Gegen den Frust gibt es heute einen Impuls von Pastor Wilfried Röcker.

Wochenspruch    – Ps 130, 4

Psalmgebet  – Ps 143, 1-9

Predigttext    – Röm 7, 14-25a

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Ist mein Leben fremd oder selbstbestimmt?

Paulus findet: fremdbestimmt.
In der Neurologie weiß man: Das Leben ist so sehr unbewusst selbstbestimmt, dass der eigene Verstand das wenigste im Leben selbst steuert.
Und die Psychotherapie warnt: Persönlichkeitsspaltung ist ungesund.

Drei Fachmeinungen. Eine Erfahrung. Mir ist sie sehr bekannt: was ich mir vornehme, meine Ideale und Ziele, meine Sonntagsreden und mein wirkliches, alltägliches Leben liegen weit auseinander. Woran liegt das? Das fragt sich Paulus und beim Antworten feilt er weiter an seiner Theorie der Rechtfertigung allein aus Gnade.

Wenn Paulus so seine Gedanken sortiert, steht ein Wort im Mittelpunkt, das im Laufe der Geschichte ganz unterschiedlich verwendet und verstanden wurde. Daher will ich erstmal klären, was Paulus meint, wenn er von „Sünde“ spricht:
Es ist nicht die Tafel Schokolade, die ich esse, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, abends auf Süßes zu verzichten. Es ist auch etwas Anderes als moralisches Fehlverhalten. „Sünde“ meint: Das Leben verfehlt sein Ziel, seinen Sinn.

Wenn damals in Griechenland auf dem Bogenschießplatz ein Schütze seinen Pfeil abgeschossen hatte, konnte es sein, dass der Kontrolleur vor der Zielscheibe stand und „Hamartia“ rief. Was so viel heißt, wie „daneben“, „Ziel verfehlt“. Also das Gegenteil von „Volltreffer“.

Paulus sagt also: So sehr ich mich auch anstrenge und der Bestimmung meines Lebens folgen will, die Sache geht daneben. Es ist keine Frage des Wollens, auch keine Frage von Übung. Der Grund liegt tiefer. Ich hab keine Chance.

Es ist nicht Paulus, der dieses unbedeutende griechische Wort „Hamartia“ so zum ersten Mal verwendet. Es waren die 72 Gelehrten, die die hebräischen Schriften, der Thora, der Propheten und Schriften ins Griechische übersetzt hatten. (Darum heißt die Übersetzung des AT ins Griechische „Septuaginta“.) Sie hatten für die Übersetzung des hebräischen Begriffs „Chattat“ regelmäßig dieses griechische Wort „Hamartia“ verwendet. „Chattat“ meint die Verfehlung des von Gott gesetzten Lebensziels: Ein Leben, das auf Gott bezogen ist. Chatatt ist ein Begriff aus der Bundestheologie des Alten Testaments: Gott hat alles getan und mit den Menschen einen Bund geschlossen, und die Menschen leben diesen Bund nicht. Sie leben nicht in dieser Beziehung mit Gott. Damit ist gestört, was Gott geschaffen hat. Der Mensch verfehlt den Sinn seines Menschseins, nämlich als Ebenbild Gottes mit ihm in Beziehung zu stehen.

„Sünde“ ist bei Paulus also nicht ein strafrechtlich relevanter Begriff. Es gibt keine Liste von Taten, die eine Strafe verdienen. Paulus arbeitet mit einem Beziehungsbegriff. Ich, Mensch, bin auf Beziehung angelegt. Doch ich kann tun, was ich will, ich lebe nicht das Gute – nämlich mit Gott, sondern ich lebe das Böse, was so viel meint wie: Mein Leben dreht sich um mich, um meine Themen. Es geht, darum, dass es mir gut geht. Und schon der Impuls: „das stimmt doch gar nicht“, beschreibt für Paulus einmal mehr das Bemühen, mein Leben, meine Existenz zu rechtfertigen. Und schon lieg ich mit meinem Leben voll daneben. Was für ein Mist. Was für ein Unglück. Gibt es denn keine Lösung? Bin ich so in mir und meinem Unvermögen gefangen?

„Doch!“, sagt Paulus: „Es gibt eine Lösung: lass einfach los. Hör einfach auf mit dem Zwang zur Selbstoptimierung. Du musst nicht noch einen Ratgeber lesen, wie Du Dein Leben leichter, gesünder, wirkungsvoller oder achtsamer gestaltest. Die Lösung liegt nicht in dir, Du findest sie nur außerhalb von Dir. Du findest sie bei Gott, bei Jesus: Gott kommt auf Dich zu. Es gibt einen neuen Bund. Wenn das mit dem alten nicht geklappt hat, dann mit einem neuen. Und der heißt: Du bist von Gott geliebt, gehalten, getragen. Komme, was wolle. Unabhängig von dem, wie du bist und was du tust. Dein Leben kann, auch wenn Du scheiterst, nicht schief gehen. Gott sei Dank!

Wenn man die Theologie des Paulus bis zum Ende durchdenkt, was zugegeben ziemlich kompliziert und theoretisch klingt, dann spüre ich am Ende diese Erleichterung. Dieses „Gott sei Dank“, in Vers 25.
Gott sei Dank! Mein Leben steht nicht mehr auf der „Ich-Muss-Zielscheibe“, die ich nicht treffe. Nicht mehr ich muss Gutes tun, ich muss mich engagieren. Nicht mehr: ich muss mehr in der Bibel lesen, ich muss mehr beten, ich muss mein Leben ändern. Die neue Freiheit ist gesetzt. Sie beginnt mit der Entdeckung: Ich bin. Ich bin geliebt. Ich bin gewollt. Ich bin Geschöpf Gottes.

Ich scheitere sicher weiterhin oft. Ich werde andere enttäuschen, ich werde mir selbst im Weg stehen. Hamartia – das ging voll daneben, werden andere oder auch ich selbst immer wieder feststellen müssen, ABER: Das ändert nichts daran, dass Gott mich liebt und mich will.

Ist mein Leben also fremd oder selbstbestimmt?

Paulus bleibt bei seiner Meinung: Mein Leben ist fremdbestimmt. Es ist von Gottes Liebe bestimmt auch wenn ich voll daneben lange. Das ist das neue Setting.

 

In diesem Sinne kann ich Paulus zustimmen. Denn das macht nicht krank, sondern frei. Ich kann zu mir stehen. Zu dem, was ich tue, zu dem was schiefgeht. Ich muss mich nicht länger schlecht fühlen. Gottes Liebe wird auf mich abfärben und auf andere. Es heißt nicht mehr: Ich muss mein Leben ändern. Sondern: Ich darf mein Ändern leben.

Diese Wiederentdeckung der Liebe, die alles verändert, wurde gestern am Reformationstag gefeiert. Und sie klingt heute an Allerheiligen nach. Ein heiliger bin ich nicht, weil ich so gut bin, sondern weil Gott in mir wirkt.

Bitten wir Gott, dass wir lernen mit den Widersprüchen in unserem Leben gelassener umzugehen. Bitten wir ihn, dass er uns hilft, mit Enttäuschung und Frustration über unser Leben, zurecht zu kommen. Bitten wir ihn, dass wir fröhlich und frei in unserem Alltag unterwegs sein können und danken wir Gott für seine Liebe mit dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat.