Was für ein Esel?!

1. Advent. Neues Kirchenjahr. Alles auf Anfang. Vier Adventssonntage, die darauf einstimmen sollen: Alles auf Anfang, denn mit Gottes Kommen in diese Welt soll sich was ändern. Was? Zum Beispiel, dass ein König ganz bescheiden sein kann und dennoch mächtig. Impulsgeber ist heute Pastor Wilfried Röcker.

Wochenspruch – Sach 9, 9a
Psalmgebet – Ps 24
Predigttext – Mt 21, 1-11

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Flashmob in Jerusalem!
Zwei Männer kommen mit einer geklauten Eselin und mit ihrem Jungen zum Stadttor. Andere legen ihre Kleider auf das Tier. Einer setzt sich drauf. Inmitten einer Stadt voller Trubel, fangen ein paar mit dieser eher stillen Aktion an, aber dann reagieren die Passanten, machen mit, ziehen ebenfalls Kleidungsstücke aus und legen sie wie einen Teppich auf den Boden. Andere schneiden ganze Zweige von den Palmen ab und legen sie dazu. In Jerusalem wird kurzerhand ein improvisierter „roter Teppich“ ausgerollt. Jubelschreie sind von weitem zu hören. „Hosianna“ – „Gesegnet sei, wer im Namen des Herrn kommt“. Das Stadtgespräch kommt in Gang. Wer ist denn das, fragen die einen. Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth, entgegnen die anderen.
Der Flashmob mit dem Esel hat also geklappt.
Angekommen in Jerusalem. – Anspruch deutlich gemacht. – Prophetie als Streetart.
Es ist selten, dass Jesus sich so offen zu alttestamentlichen Messiaserwartungen positioniert. Das macht diese Geschichte so besonders. Sie findet sich in allen vier Evangelien – freilich mit unterschiedlichen Betonungen. Aber darin sind sie sich einig: wenn sich Jesus eine Messiaserwartung zu eigen gemacht hat, dann die aus dem Propheten Sacharja. Auch wenn nur hier im Matthäusevangelium die Stelle sogar zitiert wird. Da heißt es:
So ging in Erfüllung, was Gott durch den Propheten gesagt hat: »Sagt zu der Tochter Zion: ›Sieh doch: Dein König kommt zu dir! Er ist freundlich und reitet auf einem Esel, einem jungen Esel – geboren von einer Eselin.‹«
Was für eine Inszenierung! In der liturgischen Tradition der Kirchen ist diese Geschichte so bedeutungsvoll geworden, dass sie nicht nur die Adventszeit einläutet, sondern am Palmsonntag ebenso die Passionszeit.
Es gibt nur wenige Jesusgeschichten, die sich in allen vier Evangelien finden und mit so viel Brimborium erzählt werden. Was hat die Autoren der vier Evangelien so beeindruckt?
Schauen wir uns die einzelnen Stationen des Flashmobs genauer an:

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?
Jesus braucht für den Einzug nach Jerusalem eine Eselin und ihr Junges. Scheinbar hatte der Jüngerkreis keine eigenen Transportmittel. Jesus hat darum zwei seiner Jünger zu einem Diebstahl angestiftet. Naja – sagen wir – er leiht sie sich aus, aber es gab wohl damals keine „Eselvermietung“. Darum ist die Legitimation für diesen Coop: „Der Herr braucht sie!“ Interessant, dass dies so ausführlich beschrieben wird. Bei Markus und Lukas werden die beiden Jünger tatsächlich auch ertappt, aber mit der Aussage „der Herr braucht sie“, samt der Tiere laufen gelassen.
Ob ich mich das wohl getraut hätte? Für Jesus einen Esel zu stehlen? Jesus hat sich auf seine Jünger verlassen können. Eine großartige Freundschaft. Sie waren es auch, die dann wohl maßgeblich zur weiteren Inszenierung beigetragen haben: Sie zogen ihre Mäntel aus und legten sie über die Tiere.
Jüngerinnen und Jünger. Freundinnen und Freunde Jesu sein? Als Christen ist es uns auch heute ein Anliegen, dass die Menschen erfahren, was wir glauben und im Advent feiern: Jesus kommt wieder. Er ist der Messias auf den wir warten. Damit die Welt sich ändert. Damit Frieden wird. Wie wäre es, auf einem Weihnachtsmarkt ebenso einen Flashmob zu organisieren? Jesus in einem ganz positiven Sinn zum Stadtgespräch machen?

Das Besondere an der Inszenierung in Jerusalem war, dass Jesus mit der Darstellung vom Propheten Sacharja deutlich machte: Der Messias, der an die Glanzzeit der Königszeit Davids anknüpfen wird, wird nicht wie die Herrscher sonst auf einem prächtigen Pferd einziehen, sondern auf einem Esel.
Vermutlich sind in Jerusalem viele mit einem bepackten Esel unterwegs, wollen in die Stadt, vielleicht auf den Markt. „Dein König kommt zu Dir. Er ist freundlich. Er ist wie Du. Er will niemandem mit einem Schlachtross das Fürchten lehren.“ Das will Jesus deutlich machen. Und die Menschen scheinen das verstanden zu haben. Sie heißen den, der da kommt im Namen des Herrn herzlich willkommen. Sie bejubeln ihren König im von den Römern besetzten Jerusalem und improvisieren kurzer Hand. Rollen ihm mit Kleidern und Palmzweigen einen „roten Teppich“ aus.
Auch heute noch wird den Mächtigen ein roter Teppich ausgerollt. Ich erinnere mich an jüngste Bilder vom G20-Gipfel in Rio de Janeiro. Den Staatschefs dieser Welt wurde der rote Teppich ausgerollt. Manche Menschen damals in Jerusalem hätten sich vielleicht eher einen mächtigen gewünscht, einen, der mit seinem Schlachtross einem mächtigen Heer vorausreitet und die Römer verjagt. Einer, der ein Machtwort spricht und alles ändert sich.
In unserer Zeit, wo Autokraten scheinbar das Geschehen in der Welt bestimmen, merke ich, wie ich mir manchmal auch eine starke Hand wünsche. Ich wünsche mir, dass Gott eingreift, dass die Kriegstreiber dieser Welt entmachtet werden und nicht einfach so weiter machen können. Aber das passiert nicht. Gott ist so nicht unterwegs. Beim Einzug in Jerusalem inszeniert sich Jesus eher als Antiheld. Gott kommt – aber als der, der freundlich und zugewandt ist. Als einer, der selbst schwach und wehrlos erscheint und wenige Tage später selbst ein Opfer der Mächtigen wird, gefangen und ermordet wird.

Was für ein Zeichen, das Jesus hier setzt!
Gott stellt mit seinem Sohn das Denken und Handeln der Mächtigen auf den Kopf. Das war der jungen Kirche ganz wichtig. Paulus schreibt im ersten Korintherbrief davon: Was der Welt als dumm erscheint, das hat Gott ausgewählt, um die Weisen zu demütigen. Und was der Welt schwach erscheint, das hat Gott ausgewählt, um ihre Stärke zu beschämen. Was für die Welt keine Bedeutung hat und von ihr verachtet wird, das hat Gott ausgewählt. Er hat also gerade das ausgewählt, was nichts zählt. So setzt er das außer Kraft, was etwas zählt.
Bei Gott gilt eine andere Aufmerksamkeit als im üblichen Denken: nicht die Superschlauen, die Superreichen, die Mächtigen und Bedeutungsvollen erhalten alle Aufmerksamkeit. Er selbst stellt dieses System von Macht und Einfluss auf den Kopf und kommt als Antiheld in diese Welt.
Was bedeutet das für meinen Glauben, für mein Denken?
Ich will zum Beispiel in meinem Alltag versuchen, nicht die „Machtkarte“ zu ziehen, um meine Interessen zu verfolgen. Freundlichkeit, Rücksicht, Entgegenkommen, das zählt. So entsteht die Möglichkeit eines anderen Zusammenlebens und -arbeitens.
Jetzt im Advent ist eine gute Möglichkeit, sich in dieser anderen Lebenshaltung zu üben. Anderen an der Kasse den Vortritt lassen, auch wenn ich eigentlich im Recht wäre. Das Gespräch mit einem Kollegen oder einem Nachbarn suchen, mit dem ich überhaupt nicht klarkomme. Vielleicht eine Einladung auf eine Tasse Tee aussprechen? Für Frieden in der Welt beten. Dass die Waffen zum Schweigen kommen und Tod und Zerstörung ein Ende finden. Für mich alleine – oder auf dem Marktplatz mit einer Kerze. Das wäre ein ganz stiller Flashmob. Ob sich Leute dazugesellen? Ein Versuch wäre es wert.
Vielleicht wird die Adventszeit so zu einer Besonderen. Eine, an die Sie sich noch lange erinnern und eine, die Ihnen Mut macht, und eine in der Sie anderen Mut machen, denn:
›Sieh doch: Dein König kommt zu dir! Er ist freundlich und reitet auf einem Esel, einem jungen Esel – geboren von einer Eselin.‹