Wenn Gott richtet
Am Ende wird Gott über uns richten – das klingt bedrohlich. Aber ist es das wirklich? Jesus zeichnet ein anderes Bild. Ein Psalmbeter auch.
Am Ende wird Gott über uns richten – das klingt bedrohlich. Aber ist es das wirklich? Jesus zeichnet ein anderes Bild. Ein Psalmbeter auch.
An trüben Novembertagen ist es gut, wenn einem mal ein Licht aufgeht. So ist es mir mit dieser Geschichte von der Witwe und dem Richter ergangen. Jesus erzählt seinen Freund:innen ja ganz gerne mal so kernige Geschichten wie diese. Der Richter hier ist ein Lump. Er ist skrupellos, beugt das Recht, wie es ihm gefällt. Er „fürchtet sich weder vor Gott noch vor den Menschen“. Trotzdem gibt er am Ende der Witwe nach, weil er Angst hat, dass sie ihm eine runterhaut bzw. weiterhin so nervt. Die Angst vor der Ohrfeige ist wohl nicht die Angst vor der Gewalt, er fürchtet ja die Menschen nicht. Er hat Angst bloßgestellt zu werden. Das Gesicht zu verlieren. Blöd dazustehen. Ein feiner Typ. Solche Geschichten erzählt Jesus gerne. Ich glaube, das macht er, damit wir beim Hören immer wieder stolpern, nochmal nachlesen. Was zum Nachdenken haben. Im Alltag manchmal wieder daran denken und überlegen, was er uns eigentlich sagen will. Jesus gibt uns mit diesen Geschichten etwas zum Kauen. Die Geschichte ist für mich nicht neu, aber ich mag sie nicht so sonderlich. Ein unsympathischer Richter und eine nervige Witwe. Doch ausgerechnet dieses Gleichnis soll heute am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr besprochen werden. An dem Sonntag, der mich in seinem Wochenspruch daran erinnert, dass ich am Ende meiner Tage vor dem Richterstuhl Christi lande. Erwartet mich da dieser ätzende Richter? Dieser selbstgefällige, aber mächtige Typ? Was für eine grausame Vorstellung!
Da geht mir nun besagtes Licht auf: Nein. Gerade den werde ich dort nicht treffen! Den treffe ich hier in meinem Alltag ständig. Der skrupellose Richter, der beugsame, der harte Hund, der hinterhältige Machtmensch, die Sorte Mensch treffe ich hier, zu Lebzeiten. Menschen, die Gott und andere Menschen nicht fürchten, die gibt es genug. Von ihnen habe ich grundsätzlich nicht viel Gutes zu erwarten. Sie werden mir hier auf Erden weder zu meinem Recht verhelfen, noch mir beistehen. Sie werden mir das Leben nur noch schwerer machen.
Volkstrauertag, Friedenssonntag ist heute. Wir denken an die vielen Menschen, die in Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen ihr Leben lassen mussten. An alle, die Gewalt und Terror erlebt haben. Der Frieden war schon immer bedroht und ist es bis heute. Wir erleben gerade einen fürchterlichen Krieg auf dem Boden der Ukraine. Wir schauen dem grausamen und zynischen Richter direkt ins Gesicht. Ja, das ist so, sagt Jesus im Gleichnis, aber genau dieser Richter wird am Ende nicht auf dich warten, sagt er seinen Freunden. Dieser Richter wird ein völlig anderer sein. Aber weil wir Menschen in dieser Welt uns kaum vorstellen können, wie absolut anders dieser Richter sein wird, sagt Jesus diesen beim ersten Hinhören so komplizierten Satz: „Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte aber Gott nicht seinen Auserwählten Recht schaffen, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.“
Selbst der ungerechte Richter gibt in der Geschichte irgendwann nach und verschafft der Frau Recht. Wenn schon heute das Unwahrscheinliche passieren kann, dass ein ungerechter Richter doch Recht spricht, dann wird bei Gott erst recht und wahrhaftig Recht gesprochen. Ganz nach dem Motto: Wenn du am Ende deiner Tage vor dem Richterstuhl Christi stehst, dann kannst du dich darauf 1000-prozentig verlassen, dass du dein Recht bekommst. Was mein Anteil an dieser Sache ist? Dranbleiben. Jesus erzählt das Gleichnis, so steht es geschrieben, dass die Freund:innen nicht nachlassen sollen im Gebet. Das ist Jesu „Durchhalteparole“: Bleib dran! Lass dich von dieser Welt nicht einschüchtern und entmutigen. Behalte Gott im Blick. Halte an ihm fest und daran, dass der Tag kommt, an dem es eine andere Wirklichkeit und Gerechtigkeit geben wird. In Gottes Sinn. Bete, indem du Gott alles sagst, was dich quält, was dich verletzt und dich behindert, zu deinem Recht zu kommen. Bleib dran! Gib nicht auf! Halte durch! Lass dich nicht unterkriegen und denke nicht, dass es eh nichts nützt. In all dem, in dem du nicht zu deinem Recht gekommen bist, wird dir bei Gott Gerechtigkeit widerfahren. Das ist kein Ausblick auf einen billigen Trost. Zum einen verschafft es all den Opfern, derer(!) wir heute Gedenken, den Sieg über ihre Gewalttäter:innen. Sie bleiben nicht Opfer. Zum anderen soll es mir heute schon helfen, dass ich dran bleibe an Gottes Gerechtigkeit. Und dann anderen zu ihrem Recht verhelfe, wenn ich sehe, dass ihnen Unrecht widerfährt. Dass ich versuche, Gottes Ansichten von Recht und Gerechtigkeit Hand und Fuß zu geben in dieser Welt. Auch darin soll ich bitte nicht nachlassen, fordert mich das Gleichnis auf. Es ist das, was an anderer Stelle der Bibel damit gemeint ist, wenn es heißt: Gottes Reich ist schon mitten unter uns. Überall dort, wo Menschen ihr Recht bekommen, da sehen wir etwas von Gottes Reich.
Der Richterstuhl Christi ist der Ort an dem Unrecht ausgelöscht wird. Hier wird das letzte Urteil gesprochen werden und es gelten andere Maßstäbe als die, die wir kennen. Der letzte Blick, der hier auf unser Leben fällt, ist ein Blick der Befreiung. Fromm gesagt, der Erlösung. Die Verstrickungen, die uns in dieser Welt das Leben schwer oder gar unlebbar gemacht haben, werden gelöst. Der Richterstuhl Christi ist der Ort, an dem heil wird, was nicht heil ist in meinem Leben. Und das bedeutet auch, dass heil wird, was ich selbst als Unheil in die Welt gebracht habe. Hier wird alles aufgelöst. Wie Gott der Richter das macht, weiß ich nicht, aber dass am Ende alles zum Heil geführt wird, das sagt schon das Wort „Richterstuhl Christi“, den Jesus Christus ist gleichzeitig auch das Heil. Am Richterstuhl Christi werden wir deshalb heil. Mit diesem Anspruch ist er in diese Welt gekommen und mit diesem Anspruch ist er von der Erde gegangen. Diesen Ausblick haben wir. Und das ist die Motivation für unser Leben: Hartnäckig dranbleiben, wenn es darum geht Gottes Gerechtigkeit sichtbar zu machen in dieser Welt. Weil Gott auch dranbleibt. An uns.
Amen
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