Wenn Jesus Briefe schreibt

Wo ist der nächste Briefkasten in ihrer Nähe? Tja, so viele gibt es gar nicht mehr. Wer schreibt noch Briefe? Doch so ein handschriftlicher Brief hat doch was. Was Persönliches. Und heute wird es bei uns sehr persönlich.

Impulsgeberin ist Dorothee Burkhardt.

Wochenspruch – Micha 6,8

Psalmgebet – Ps 119, 1-8.17-18

Predigttext – 2. Kor 3,3-6(7-9)

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Eines meiner Patenkinder wollte sich für ein Freiwillig soziales Jahr im Ausland bewerben. Dazu brauchte sie von 2 nahestehenden Personen eine Art Empfehlungsschreiben. Sie hat auch mich darum gebeten, worüber ich mich freute. Doch was schreiben?

Also überlegte ich: wie habe ich sie erlebt, welche Stärken sehe ich, welche Herausforderungen. Ich fragte sie nach ihren Zielen fürs nächste Jahr. Daraus hat sich dann ein Bild ergeben, das ich zu Papier gebracht habe.

Für meine Patentochter war es, glaube ich, schön, auf diesem Weg eine Wertschätzung zu bekommen. Und für mich eine gute Gelegenheit, sie auszudrücken.

 

Paulus, der schreibfreudige Prediger aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, hat uns so manche Briefe hinterlassen, die in der Bibel nachzulesen sind. In einem dieser Briefe, hier an die Gemeinde in Korinth spricht er auch von einem Empfehlungsschreiben. Aber nicht eines auf Papier, sondern ein personifiziertes, ein lebendiges, lebensechtes, erlebbares Empfehlungsschreiben. Und zwar eines für sich selbst.

Nein, er wollte kein FSJ machen, sondern er hatte ein Autoritätsproblem.

Er fühlte sich für die christliche Gemeinde in Korinth, einer Stadt im heutigen Griechenland, verantwortlich. Er hatte sie ja selbst gegründet auf einer seiner Missionsreisen.

Viele Gemeinden waren durch seine Predigten entstanden und er betreute sie, obwohl er oft viele hunderte von Kilometern entfernt war. So mal kurz mit dem Flugzeug hinjetten oder mit dem ICE 3 hinrasen gab‘s nicht. Es gab Briefe und es gab Gesandte, die seine Botschaften vermittelten, ansonsten war Warten angesagt: auf den nächst möglichen Besuch.

Jetzt hat es Probleme gegeben. Im Laufe der Zeit machten sich in Korinth auch andere Prediger und damit andere Theorien und Glaubenssätze breit.

Wanderprediger gab es viele. Und sie ließen sich ihre Arbeit entsprechend bezahlen, ist ja verständlich, oder? Wir wollen ja auch unser Gehalt für die Mühe der Arbeit haben.

Paulus fand beides nicht gut: sowohl diese anderen Glaubenstheorien als auch die Bezahlung der Prediger. Vielleicht befürchtete er, durch die Bezahlung würden die Prediger nur noch das sagen, was die Leute hören wollen. Und, na ja, ganz so unrecht hatte er mit dieser Vermutung vielleicht nicht.

Zudem traten manche Prediger in Korinth ganz anders auf als Paulus! Er hatte wohl keinen athletischen Body, war kränklich und in Sachen Redegewandtheit nicht so ganz vorne dran.

Womit konnte er also punkten?

Mit einem handschriftlichen Empfehlungsschreiben? Klingt gut, aber Paulus setzte auf etwas anderes. Ein genialer Schachzug. Er sagte den Korinthern, dass er kein Empfehlungsschreiben auf Papier brauche, weil… ja weil die Christen in Korinth selbst dieser Empfehlungsbrief seien.

Ihr Glaubensweg. So wie sich jede und jeder mit Jesus verbunden habe. Das sei doch Referenz genug! Und all das, weil es Paulus (gewesen) war, der sich mit seiner Leidenschaft ganz reingegeben hatte.

Er hatte ihnen von Anfang an in Korinth gepredigt:

Jesus ist die Rettung für die ganze Menschheit, er macht frei von religiösen Gesetzen und Zwängen, und Jesus hat den Tod besiegt. Gott hat einen Liebesbund mit den Menschen geschlossen.

Und weil Paulus seinen Auftrag zum Predigen so ganz direkt von Jesus bekommen hatte, war er zum Apostel geworden, zu einem dieser ganz besonderen Gesandten.

Auf diese Autorität berief er sich. Das sollte unterstreichen, dass seine Glaubenslehre auf einem wirklich guten Fundament steht.

Die Menschen sind also selbst ein ganz persönliches Empfehlungsschreiben. Moment mal, die lassen sich doch gerade von anderen Thesen und Lehrern beeindrucken…?!  Und:

Wie kam das eigentlich bei den Korinthern an, von Paulus als „Brief Christi“ (wie es Luther übersetzt hat) bezeichnet zu werden? Wir wissen es nicht wirklich.

 

Wie würde das auf mich wirken, würde ich so bezeichnet werden?

Ein Brief Christi? Und was für einer? Ein sachlich-informativer Brief? Ein Mahnbrief? Ein Liebesbrief? Eine Kampfschrift? Ein „Das Wetter-ist-schön-Brief? Ein Versöhnungsbrief? Ein „Das –muss-ich unbedingt-weitererzählen-Brief?

Ein Brief von Jesus? Müsste ich da nicht perfekt sein?

Da bin ich raus.

An meinem Leben sollen andere sehen können, was Jesus in einem Leben wirken kann.

So toll bin ich nicht, ich kämpfe mit alten Verletzungen, die mich manchmal steuern, bin oft neidisch, unsicher, rechthaberisch… Natürlich bin ich nicht nur das, ich hab‘ auch Begabungen mitbekommen, kann gut zuhören, mich in andere einfühlen, sie ermutigen…. Auch diese Liste wäre noch länger.

Doch: Ich ein Brief Christi?

 

Paulus hat die Christen in der Gemeinde Korinth als Brief Christi bezeichnet, diese konfliktbeladene Meute.

Wahrscheinlich hat er das ganz bewusst getan.

Sein Credo war nämlich: Ihr SEID ein Brief Christi. Nicht: Strengt euch mal an, dass ihr es werdet. Wenn es mir und Gott gefällt.

Nein, ihr SEID ein Brief, ein besonderer Brief.

Der Geist Gottes selbst hat euch geschrieben. Er hat in euren Herzen etwas bewegt, er hat euch glauben lassen, dass Jesus von Gott geschickt und stärker als der Tod war, dass ihr durch Gottes neues Angebot sogar seine Kinder sein dürft. Mit seiner Liebe beschenkt, mit seiner Kraft und seinem Geist gefüllt.

So sah Paulus die Korinther, denke ich. Und ich glaube sogar, dass er uns auch heute dasselbe sagen würde.

Er würde sich wünschen, dass wir uns vom Heiligen Geist leiten lassen, indem wir nach Gottes Willen fragen, mit ihm sprechen, uns gegenseitig stärken und begleiten, uns umeinander kümmern und Jesu Leben studieren, um daraus abzulesen, wie wir in dieser Welt handeln sollen. Nämlich Gottes Gebote halten und Liebe üben und demütig sein vor Gott. So sagt es auch der Wochenspruch, den wir anfangs gehört haben.

Also doch wieder eine Überforderung, oder? Wo bitte steht in der Bibel, wen man wählen soll, um wen man sich kümmern soll, welche Aufgaben man in der Kirchengemeinde oder Ortsgemeinde annehmen soll? Oder, wie man zu ganz konkreten Fragen des gesellschaftlichen Lebens steht.

Leider nirgends.

Für mich weiß ich aber, wenn der Geist Gottes in mir schreibt und wenn ich im Liebesbund mit Jesus lebe, dann tut mir Freiheit von Gesetzen gut. Dann möchte ich glauben, dass diese Liebe mir Grenzen und Möglichkeiten aufzeigt für mein Handeln, dass ich nicht perfekt sein muss, aber mich in Gelassenheit üben kann, Gott wirken zu lassen und dennoch anzupacken.

 

Meinetwegen soll ich dann ein Brief sein.

Keiner in der Schublade, der nützt niemandem was. Sondern ein offener Brief, der niemandem aufgezwungen wird, den aber lesen kann, wer will.

Wenn schon Jesus mir zutraut ein Brief von ihm zu sein, dann will ich auch ihm- Jesus- zutrauen, dass er aus meinen Stärken und Marotten irgendwas machen kann, was dem Leben dient, was den Menschen dient.

 

Vielleicht tue ich ja jemandem Gutes, indem ich tatsächlich wieder mal einen richtigen Brief schreibe – auf schönem Papier, mit meiner schönst möglichen Schrift, mit ermutigenden Worten….

Am 9.Oktober war Weltposttag. Es ist nie zu spät ein paar liebe Zeilen zu schreiben.

Amen