Abhängen oder abarbeiten?

Einfach mal ein bisschen die Beine hochlegen und fünfe gerade sein lassen. Für die einen kein Problem, für andere unmöglich. Wir machen jetzt mal nichts, außer hören:

Wochenspruch – Lk 18, 31

Psalmgebet – Ps 31,2-6.8-9.16-17

Predigttext – Lk 10, 38-42

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Eine Geschichte, die viele Christinnen und Christen kennen. Und wahrscheinlich haben auch schon Menschen, die nicht religiös sind von diesen beiden Frauen gehört: Martha und Maria. Die beiden so unterschiedlichen Schwestern. Die eine, Martha, schafft, die andere, Maria, sitzt zu Jesu Füßen und hört ihm zu. Und hat es, zumindest in dieser Situation, richtig gemacht. Immer wieder ein Paradebeispiel dafür, dass nur arbeiten, nicht der Sinn des Lebens sein kann. daher auch die Bekanntheit der beiden.

Ich möchte heute nicht lange um den heißen Brei herumreden und gleich deutlich machen, dass in meinen Augen beides wichtig ist: schaffen und zuhören, arbeiten und beten. Warum? Ich sag es Ihnen:

Jesus war in der Bibel noch ein anderes Mal bei den beiden Schwestern. Da war es genauso: Martha versorgt und regelt die Geschäfte, Maria salbt Jesus mit teurem Öl die Füße.

Auch dort wird Maria kritisiert. – Diesmal von einem Jünger, der sagt, dass man das Öl doch besser hätte verkaufen sollen, dann hätte man Geld für die Armen.

Maria und Martha sind die Prototypen für zwei unterschiedliche Lebensstile: der vita aktiva und der vita contemplativa – dem aktiven, tätigen Leben und dem Leben, das aufs Hören, auf die Stille, die Meditation und das Gebet ausgerichtet ist.

Bis heute streiten Christen manchmal drüber, was wichtiger ist: Aktion oder Kontemplation, die Tat oder das Gebet, das Bibellesen und Hören auf Gott oder Diakonie und die Barmherzigkeit?

Vesperkirche oder Gebetswoche?

Beides ist natürlich wichtig. Ora et labora. Als ein alter Prediger mal einem anderen diese Bedeutung dieses Doppelklangs erklären wollte, sagte er: „Stellen sie sich ein Ruderboot vor. Das linke Ruder ist ora, das rechte ist labora. Wenn man nur an einem zieht, fährt man im Kreis.“

Und erst kürzlich habe ich wieder den Satz gelesen: Das Gebet ersetzt keine Tat. Aber es ist eine Tat, die durch nichts ersetzt werden kann…

Martha ist übrigens keineswegs das Heimchen am Herd als das sie oft hingestellt wurde oder wird. Indem sie Jesus einlädt überschreitet sie die damals üblichen Grenzen und Konventionen. So etwas tat man als Frau nicht.

Ein Ausleger der Geschichte beschreibt sie so: „Sie ist eine vermögende Frau, Herrin des Hauses und frei genug, dass sie einen nicht verwandten Mann nach eigenem Belieben bei sich aufnehmen kann. Trotzdem weiß sie sich der orientalischen Sitte verpflichtet, den Gast fürsorglich und nobel zu bewirten. Marta möchte dieser Verantwortung gerecht werden und ihre Aufgabe gut, vielleicht sogar perfekt, erfüllen.“

Das für mich eigentlich Interessante an dieser Geschichte ist. Warum sagt Jesus zu Martha nicht: „Setz dich doch auch her“. Das wäre doch irgendwie logisch gewesen.

Offensichtlich hält er die Spannung offen und würdigt beide.

Es heißt eben nicht: „Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles. Lass das doch sein!“

Es heißt genau das: „Du bist so besorgt und machst dir Gedanken um so vieles und das weiß ich sehr wohl.“

So ist es mit dem aktiven und tätigen Teil unseres Christseins: da ist viel Sorge und Mühe drin, Energie, Zeit und Geld. Und Jesus sagt: Das ist es auch wert.

Aber Maria ist eben genauso wichtig. Dass man lernt. Dass man sich fortbildet. Dass man Zeit zum Lesen und zum Beten hat. Zur Muße, zur Kreativität. Dass man in den Gottesdienst geht. Dass man meditiert und sich Gott zuwendet, oder einfach die Ruhe sucht.

Die vita aktiva und die vita contemplativa – beides brauchen wir und beides soll zu seinem Recht kommen.

Ob die heute so gerühmte Work-Life-Balance dasselbe ist wie die vita aktiva und die vita contemplativa. Was denken Sie? Könnte durchaus sein. Und auch da ist ja wichtig, dass beides zu seinem Recht kommt.

Ziemlich sicher ist es so, dass manchmal das eine überwiegt. Überwiegen muss. Weil es so sein muss. Arbeit muss sein. Aber die andere Seite sollte eben nicht zu kurz kommen.

Es gibt die Effizienz, die Zielstrebigkeit, die Leistungsorientierung, die Tat. Das ist wichtig. Aber ebenso die Leichtigkeit, die Muße, die Langeweile, die Kreativität, das Geschichtenerzählen und Geschichtenhören.

Ziemlich sicher ist es so, dass es unter uns unterschiedliche Typen gibt. Solche, die eher schaffen und solche, die eher die andere Seite abdecken. Technische Berufe und die Geisteswissenschaften.

Beides ist wichtig. Die Ausgewogenheit. Selbst im eigenen Leben dafür sorgen, aber auch – und da sind wir bei der Geschichte von Martha und Marie – sich gegenseitig zuzugestehen, was gerade dran ist.

Ich könnte dieser Geschichte noch viele spannende Aspekte hinzufügen. Z.B. dass ich denke, dass die USA unter Trump und Musk gerade voll auf Martha abfahren und Maria abschaffen. – Leistung, Effizienz, kürzen, alles augenscheinlich Unproduktive muss weg. Es wird Amerika unglücklich machen und viele Menschen ins Elend stürzen.

Oder es braucht die Wirtschaftspolitik. Und gute Rahmenbedingungen für Arbeit. Aber eben auch die Kultur. Das Theater. Die Musik. Die Kunst. – Kultur kann man aber nicht nach dem Leistungsprinzip abrechnen.

Oder ich denke, dass die Boomer-Generation eher Martha-Typen sind und die Generation X,Y,Z eher Maria-Typen…

Wie immer man es dreht – die Ausgewogenheit ist wichtig.

Und deshalb ist es durchaus richtig, dass Maria zugehört hat. Und Martha gearbeitet hat.

Und es hoffentlich ein anderes Mal gegeben hat, an dem es umgekehrt war.

Ich möchte beten.