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Bitte, zu Tisch!

Stell dir vor… Gott lädt zum Abendmahl ein, denn das ist eine Überlebensstrategie. Hört selbst.

Wochenspruch  – Eph 2, 19

Psalmgebet – Ps 107, 1-9

Predigttext   – Heb 13, 1-3

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Ein Tisch. Alles steht bereit. Das Essen ist fertig. Serviert in großen Schüsseln und Schalen. Es duftet so wunderbar – nach karamellisierten Zwiebeln und feinem Knoblauch, nach scharfem Chili und dem milden Duft von Salbei. Minze, Oregano. Thymian. Kommt, es ist alles bereit, ruft mir der Tisch zu.

Der heutige Sonntag, der 7. Sonntag nach Trinitatis, ist der Sonntag, der das Abendmahl in den Blick nimmt. Abendmahl, für Jesus war es ein Essen mit Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und Geschichte. Es waren Freunde und Weggefährten und -gefährtinnen dabei, Fremde, die er dazu gebeten hat. Es gab Überraschungsgäste und solche mit denen die anderen nicht so gerne zusammen gegessen haben. Zusammen essen – damals auf dem Boden, eher einem Gelage gleich – oder auch heute am Tisch, das ist etwas Intimes. An so einem Tisch, da kommen wir uns nah, kommen in Berührung. Wir können nicht wirklich fliehen, wenn uns etwas nicht passt. Wir sind ein stückweit ausgeliefert. Dadurch eröffnen sich aber auch neue Räume. Räume, um einander kennen zu lernen und sich selbst von einer anderen Seite.

Abendmahl. In der ev.-meth. Kirche gibt es ein offenes Abendmahl. Alle sind eingeladen. Jeder darf kommen, weil der Kirchenvater John Wesley selbst beim Abendmahl einmal ein ganz besonderes Erlebnis hatte. Eines bei dem er gespürt hat: Gott ist da. Gegenwärtig. Jetzt ist alles gut, obwohl sich an seinem Leben selbst erstmal gar nichts verändert hat. Das Abendmahl ist eine ganz besondere Chance und die sollte jeder bekommen – daher diese offene Einladung.

So lade ich euch jetzt ein – an dem Tisch Platz zu nehmen. An dem, den ich gerade beschrieben habe. An dem alles bereit steht und von dem ein so guter Duft ausgeht.

Vielleicht hast du die Möglichkeit jetzt die Augen zu schließen. Dann mach das. Schließe die Augen und nimm Platz. Herzlich willkommen.

Ich will dir nun vorstellen, wer mit dir am Tisch sitzt.

Finn ist da. Er ist 16 Jahre alt und ein echter Rebell. Schwänzt gerne mal die Schule und spielt lieber Gitarre, als dass er Physik paukt. Sein Markenzeichen ist das zerfetzte Shirt von der Punk-Rockband und die super weite Jeans, die fast in den Kniekehlen hängt. Er ist heute ein bisschen genervt. Von den anderen, die noch da sind. Er schiebt den Stuhl besser mal ein bisschen vom Tisch zurück.

Mag sein, dass das auch an Dr. Elena Vogel liegt, die neben ihm sitzt. Wir machen mal die Runde um den Tisch gegen den Uhrzeigersinn. Chirurgin, Perfektionistin im Beruf, aber auch äußerlich. Perfekt geschminkt. So perfekt wie ihr Haus in dem sie mit ihrem perfekten Mann und den drei perfekten Kindern lebt. Sie schaut ein wenig skeptisch auf den Tisch, denn mit all den Schüsseln und Schalen sieht es hier nicht ganz so korrekt aus, wie sie es liebt.

Passenderweise sitzt neben ihr Herr Bauer. Ende 50. Er war mal Lehrer. Strenger Blick. Schlank. Gepflegt. Brille. Er hat einen leicht sarkastischen Unterton und sitzt sehr aufrecht. Finn ist ganz froh, dass er zwischen dir und der Chirurgin sitzt. Herr Bauer würde ihm jetzt den Rest geben. Neben Herrn Bauer kommt El Capitano – Leo Springer. Sein Spitzname lässt erahnen: Ihn zieht es in die weite Welt. Er ist Dokumentarfilmer. Einer von der harten Sorte. Abenteuer pur. Er ist einer, von der eher lauten Sorte. Sein Lederarmband am Handgelenk lässt erahnen, dass er schon manches Abenteuer erlebt hat. Begeistert wendet Leo sich immer wieder Mira zu.

Mira sitzt neben ihm. Sie ist Künstlerin. Ein wahrer Freigeist. Nicht nur Malerei, nein auch Musik ist ihr Element. Mit ihrer sanften Stimme und ihrer verträumten Art fällt es einem fast schwer zu glauben, dass sie riesige Gemälde in starken Farbtönen malt. Kein Zufall ist es, dass neben Mira Lina sitzt. Sie ist erst 7 Jahre alt. Vielleicht ein bisschen klein für Alter, aber der Schalk sitzt ihr im Nacken. Sie lacht viel, schaut neugierig zu Finn, der sie mit seiner lässigen Art fasziniert oder auf die schön lackierten Fingernägel von Frau Dr. Vogel. Leo, der Abenteurer, der kommt Lina vor, wie der Held aus einem ihrer Kinderbücher und Herr Bauer mit seiner kritischen Art, der macht sie gar nicht unsicher. Lina hat eher ein wenig Mitleid mit ihm. Muss ja ganz schön anstrengend sein, immer so grade zu sitzen?

Zwei fehlen noch an diesem Tisch: Oma Inge und Elias. Oma Inge hat sich direkt neben Lina gesetzt. Mal zur Sicherheit. Nicht, dass Lina ein bisschen Angst hat vor so vielen Erwachsenen. Überhaupt, Oma Inge ist ne richtige Überoma. Sie war mal Krankenschwester. Notfallaufnahme. Daneben hat sie auch noch ihren Mann gepflegt, der sehr früh einen schweren Unfall hatte und ein Bein verloren hat. Drei Kinder hat sie großgezogen und 8 Enkelkinder hüpfen jetzt sonntags durch ihren großen Garten mit den vielen Obstbäumen. Oma Inge ist einfach da, wenn man sie braucht. Und Elias, der neben ihr sitzt und neben dir, denn jetzt schließt sich die Runde, der kann Oma Inge gerade ganz gut gebrauchen.  Würde er natürlich nicht zugeben. Aber es ist so, den Elias fühlt sich gerade ziemlich einsam. Mit gerade mal 50 hat er seine Frau vor ein paar Monaten durch Krebs verloren. Kann das sein? Elias ist müde.  Zwei Teenagerkinder, die jetzt ihre Mutter bräuchten und einen Vater haben, der selbst ums Weiterleben kämpft. Er vermisst seine Frau, das alte Leben. Er trauert um all das, was nie mehr sein wird. Oma Inge tut ihm gut. Allein, dass sie neben ihm sitzt.

So sieht er aus unser Abendmahlstisch. Und du gehörst dazu. Wie geht es dir mit diesen Menschen?

Wie geht es dir mit dem kritischen Blick von Herrn Bauer? Oder dem Perfektionismus von Frau Dr. Vogel? Wärst du gerne so unbeschwert wie die kleine Lina? So neugierig, unbekümmert und offen? El Capitano, Leo, der Abenteurer, weckt vielleicht deine Reiselust. Doch was wäre, wenn du jetzt einfach aufbrechen würdest? Vielleicht doch lieber wie Oma Inge einfach vor Ort bleiben, alle Fäden in der Hand halten und kümmern. Das hat auch was Gutes. Da bekomme ich Wertschätzung und muss mich gar nicht so sehr um mich selbst kümmern… Verrückt diese Tischgesellschaft! So verrückt wie diese Künstlerin, Mira, mit ihrem knallbunten Outfit. Ich würde ja niemals einfach drauflosmalen und so rumlaufen. Was würden denn da die anderen denken? Und der Finn, ja, so einer war ich auch mal. Hab geglaubt, dass die Welt noch zu retten ist, dass Gerechtigkeit erkämpft werden kann, dass die Alten alle Spießer sind. Dann kamen der Job und die Verantwortung und das war’s dann mit dem Freiheitskampf. Elias, der Trauernde, wie kommst du mit ihm klar? Ich merke, ich gehe ein bisschen in die Vermeidung, will mich von seiner Trauer nicht anstecken lassen. Das zieht ganz schön runter.

Feine Tischgesellschaft hier beim Abendmahl. Was bringst du eigentlich mit an diesen Tisch? Deine Geschichte und vielleicht etwas von all dem, was die anderen mitbringen? Manches stört dich vielleicht und manches findest du richtig gut. Von manchem hättest du ge  rne mehr: vielleicht mehr Mut zum Abenteuer oder gerne ein bisschen Zuwendung von Oma Inge, , auch nur jemanden, der dich in deiner Trauer versteht…

An diesem Tisch ist Platz für alle. Das heißt auch für alle Bedürfnisse, für alle Sehnsüchte, für alle Belastungen, für alle Ängste und Sorgen, für alle Hoffnungen, für den Schmerz und das nicht mehr aushalten können von Ungerechtigkeit, für Lebensfreude und Unbekümmertheit.

An diesem Tisch darf alles zur Sprache kommen.

In der Gastfreundschaft, da werdet ihr Gott begegnen. Das ist die Essenz des heutigen biblischen Impulstextes. Landet alle diese Menschen, ladet alle eure Gedanken und Bedürfnisse ein, an diesem Tisch Platz zu nehmen, denn Gott sitzt auch mit an diesem Tisch. Du begegnest ihm in Dr. Vogel und Finn, in El Capitano und Oma Inge, in Elias, Lina und Dr. Bauer und in der Künstlerin Mira. Sie alle reichen dir Brot und Wein, so wie beim Abendmahl üblich. Du bist eingeladen, das Mahl mit ihnen zu teilen. Sei offen und erlaube ihnen, mit dir zu feiern. Vielleicht kommst du mit ihnen ins Gespräch. Vielleicht haben sie Fragen an dich oder du hast den Mut zu fragen, was sie dir sagen möchten.

Der Schreiber im Hebräerbrief, er schreibt an eine bedrängte Gemeinde und empfiehlt ihnen Gastfreundschaft als Überlebensstrategie. Gastfreundschaft, da weitet sich die Liebe Gottes über den Tellerrand hinaus aus. Da werden Menschen an den Tisch geholt, die mich fordern und wachsen lassen. In der Gastfreundschaft kann sich Gott mir zeigen.

Und dann kann passieren, was das Abendmahl, das Jesus gefeiert hat, sein will: Ein Ort der Heilung. Ein Raum der Aussöhnung. Wir kommen zusammen, um uns untereinander und mit der Liebe Gottes zu verbinden, damit heil wird, was noch nicht heil ist, was mich beschäftigt und bedrängt, was mich abhält die Person zu sein, die Gott schon längst in mir sieht und geschaffen hat.

Auch wenn wir jetzt nicht Brot und Wein austeilen können, so sitzen wir jetzt doch zusammen an diesem Tisch und dürfen uns von Gottes Liebe heilen lassen. Du bist eingeladen – komm, es ist alles bereit.

Amen