Duckmäuser?

Nur noch wenige Tage, dann wird in den USA gewählt. Trump oder Harris? Was wird es bedeuten, wenn der eine oder die andere an die Macht kommt? Und sollten Christen hier ihre Meinung äußern? Überhaupt: Wie halten es Christen mit der Politik? Mit der Staatsmacht?

Wochenspruch  – 1. Tim 6, 15b.16a.c

Psalmgebet – Ps 33, 13-22

Predigttext – Röm 13, 1-7

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

Hören Sie auch unseren Beitrag unter der Rubrik nachgefragt zum Thema US-Wahlen.

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„Stell dir die Person einfach nackt vor!“, „Oder wie sie auf dem Klo sitzt!“, schlagen wir unserer Freundin beim Abendessen vor. Sie fängt einen neuen Job an. Neuer Job. Neue Leute. Da kommen Zweifel auf. Werde ich das schaffen? Werde ich dem gerecht werden, was man von mir verlangt? Natürlich. Wird sie. Aber jetzt so kurz vor dem Start, fühlt sie sich ziemlich ausgeliefert. Werden die da oben, die neuen Chefs und Chefinnen zufrieden sein? Die da oben. Stell sie dir nackt vor oder auf dem Klo hockend.

Das ist ja nicht respektlos gemeint. Das ist so gemeint: Es sind auch Menschen, wie du und ich. Ihr Amt, ihre Stellung in der Hierarchie machen sie nicht zum Unmenschen. Sie haben Gefühle, sie haben Ängste und Sorge wie du. Sie müssen gekleidet werden wie du, haben Hunger und Durst. Kennen Schmerz und Verlust. Glück vielleicht auch.

 

Und damit bin ich beim Predigttext. Ja, wirklich. Denn da geht es auch um die da oben. Um die, die den Ton angeben, die sagen, wo es lang geht, den Rahmen vorgeben, in dem unser Leben stattfindet.

Zumindest klingt es erstmal so.

Der Text aus dem Römerbrief ist keine leichte Kost. Wie so viele Texte des Apostel Paulus. Aber dieser hat es in sich. In mir sträubt sich erstmal alles, wenn ich diese Zeilen höre. Obrigkeitsgehorsam. Plädoyer der Unterwürfigkeit. Theologie des Duckmäusertums. Das schießt mir durch den Kopf.

Jeder Mensch soll sich

den staatlichen Behörden unterordnen.

Heißt es da gleich im ersten Vers in der Übersetzung der Basisbibel. Und gleich im Anschluss:

Wer sich gegen die staatliche Ordnung auflehnt,

lehnt sich damit gegen die Anordnung Gottes auf.

 

Kann es das sein? Soll es so sein?

 

Der heutige Predigttext ist das beste Beispiel dafür, dass biblische Texte ausgelegt werden müssen. Sie müssen hinterfragt werden im besten Sinn.

Wann und wo hat Paulus den Brief geschrieben? An wen? Warum? Was war seine Absicht?

Was veranlasst ihn das so zu schreiben?

 

Wahrscheinlich hat Paulus den Brief im Jahr 56 nach Christus geschrieben. Aus Korinth. Einer reichen, bunten, vielfältigen Stadt. Nach Rom wollte er. Aber die Reise verzögert sich. Wahrscheinlich gab es in dieser Zeit mehrere Gemeinden in Rom. Nicht von Paulus gegründet. Er war den meisten Lesern also fremd. Die Leserschaft, waren Nichtjuden, die in der Mitte des römischen Imperiums lebten. In Rom. Der ganze Brief hat einen sehr sachlichen, theologischen Grundton. Nicht verwunderlich, Paulus hat die Leute ja nicht wirklich gekannt. Der ganze Römerbrief ist ein bisschen trocken. Paulus schreibt, wie er die Dinge sieht. Wie er das mit Jesus sieht. Wie das Evangelium zu deuten ist.  Wie er das mit dem Verhältnis Nichtjuden und Juden sieht. Und wie er es sieht, was das für das Verhalten der Christen und der christlichen Gemeinden bedeutet.  Kurz: Ein ganzer Abriss seiner Theologie.

Und da wir uns nur wenige Tage nach dem Reformationstag befinden: Es ist der Römerbrief den die Reformatoren, allen voran Martin Luther, als Grundlage für ihren Veränderungswillen sehen. Paulus Ausführungen dazu, dass der Mensch nicht aus der Gesetzeserfüllung heraus Rechtfertigung gegenüber Gott erfährt, sondern allein aus Glauben, das ist für die Reformatoren Dreh- und Angelpunkt. Deshalb kommt auch Paulus zu dem Schluss: Jude oder Nichtjude, die Errettung durch den Glauben an Jesus kommt allen gleichermaßen zu. Der Glaube ist es. Das ist Paulus Botschaft und die der Reformatoren.

 

Doch zurück zum eigentlichen Text. Im Römerbrief legt Paulus also einerseits sein Verständnis des Evangeliums dar und anderseits seine Ansichten über die Verhaltensformen der Christen. Zu letzterem gehört unser heutiger Text.

Denkt Paulus wirklich, dass Christen sich komplett dem Staat unterordnen müssen? Was würde das denn heißen? Gerade evangelische Christen sparen nicht an politischem Diskurs. Hat die Auseinandersetzung mit Politik nichts in den Gemeinden zu suchen?

 

Es ist weiter zu forschen.

Paulus setzt, wie zu seiner Zeit üblich und auch in Rom gewohnt, voraus, dass es weltliche Herrschaft gibt. Das liegt sozusagen in der Natur der Sache. In seinen Ausführungen geht es ihm auch gar nicht darum über Herrschaft, Macht und Staat als solche zu diskutieren, sondern zwei Dinge zu vermitteln:

  1. Sei angstfrei gegenüber der staatlichen Gewalt.

Und 2. Wie verhältst du dich als Christin/ Christ. Es geht ihm um eine bestimmte Ethik. Zum Teil speziell in Sachen Ökonomie. Thema Steuer.

 

Die Basisbibel spricht von staatlicher Behörde. Luther oft von Obrigkeit. Das entspricht nicht ganz dem, was Paulus meinte bzw. wie er es schrieb. Es geht ihm um eine allgemeine staatliche Gewalt. Ganz bewusst und im Gegensatz zu anderen Bibelstellen (1.Petrus) geht es ihm nicht um die Deutung des Herrschaftsbegriffs. Seine Ausführungen beziehen sich vielmehr darauf zu unterstreichen, dass auch staatliche Gewalt unter Gott steht. Das heißt nicht, dass sie von ihm eingesetzt ist, sondern, dass Gott die höchste Macht ist. Eben nicht der Staat, die Behörde, die Verwaltung. Über allem steht Gott. Deshalb kommt er auch zu dem Schluss: Christinnen und Christen brauchen keine Angst haben. Nein, brauchen sie nicht, den Gott ist die letzte Instanz. Auch die Machthaber dieser Welt sind letztendlich ihm unterworfen.

 

Die Verhaltensmaßnahmen, die Paulus daraus ableitet, sind sicherlich nicht Obrigkeitsgehorsam um jeden Preis. Paulus betont im Text immer wieder: Es geht um das Gute. Der staatlichen Gewalt muss es um das Gute gehen, denn auch sie ist Gott unterworfen und den Christen und Christinnen auch. Gott ist der Maßstab. Und das Gute? Das beschreibt Paulus auch. Im vorangehenden Kapitel 12. Lesen Sie es – es lohnt sich. Kurz geht es darum:

  • Aufrichtige Liebe
  • Wertschätzung
  • Kein Egoismus und keine Selbstsucht
  • Seid hoffnungsvoll
  • Helft anderen in Not
  • Gastfreundschaft
  • Liebt, liebt, liebt – so dass euere Feinde durch die Liebe überwunden werden
  • Trauert mit Trauernden und feiert mit den Fröhlichen
  • Sucht die Gemeinsamkeit und nicht was euch trennt
  • Sucht den Frieden

 

Stell dir vor: Der andere ist ein Mensch wie du. Mit Bedürfnissen wie du. Gefühlen und Hoffnungen und Wünschen. Kommt nackt zur Welt und wird sterben wie du.

 

Tu das Gute. Das ist es, was Paulus den Menschen Rom in schreibt. Die Macht der staatlichen Gewalt ist begrenzt in Gott und sie ist deshalb auch dem Ziel, das Gute zu leben unterworfen. Auch die politische Gewalt ist daran zu messen, ob sie Gutes tut. Und das darf, muss meiner Meinung nach auch, diskutiert werden. Und ziviler Ungehorsam? Ja, wenn es nicht anders geht. Wo ist die Grenze? Auch das müssen Christen ausloten, immer unter der Überschrift: Gutes tun im Sinne Gottes. Glaube darf, ja muss politisch sein. Gerade und aufgrund dieses Paulusbriefes. Der Gehorsam liegt aber darin, dass es staatliche Gewalt braucht, um ein Zusammenleben vieler möglich zu machen. Dafür braucht es den Willen zum Mitmachen, zum manchmal Unterordnen der eigenen Interessen, zum Hinschauen, zum aktiven Gestalten. Denn es soll um das Gute gehen! Lasst uns darüber reden und dafür beten.

 

Amen

 

Gebet

 

Wir beten:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute

und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern,

und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Amen.