Foto: radio m, Anja Kieser

Fang an zu träumen

Das Leben braucht Träume. Tagträume, Träume vom Fliegen und Lachen, Lebensträume, Menschheitsträume und Gottesträume. Impulsgeber ist Frederik Ehmke.

Wochenspruch   – Ps 103, 2

Psalmgebet –Ps 146

Predigttext  – 1. Mose 28, 10-19a

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

 

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„Mit 17 hat man noch Träume“, hat dereinst Peggy March gesungen. Ein noch heute so populärer Schlager, dass selbst ich mit meinen zarten Ü30, den noch ab und an vor mir hersumme. Mit 17 hat man noch Träume, also als Jugendlicher. Die hatte ich auch. Inspiriert von den „Top Gun“- Filmen mit dem Schauspieler Tom Cruise in der Hauptrolle, wollte ich lange Zeit Pilot werden. Heute bin ich dankbar Pastor im beschaulichen Schwabenländle zu sein und nicht Kampfpilot auf einem Eliten-Stützpunkt in den USA.

In Jugendträumen werden störende Details bei Träumen gerne ausgeblendet – es scheint einem das Leben, ja die ganze Welt offen zu stehen. Da mögen Eltern einwenden „Wunschträume, Luftschlösser, bleib besser auf dem Boden der Realität.“ Und doch muss das zukünftige Leben nicht einfach an den Orten und in den Bahnen geschehen, die Eltern vorherzusehen wissen. Wer einen Lebenstraum hat, will etwas für sich erreichen, was nicht offensichtlich ist; man sucht für sein eigenes Leben das Besondere, das nicht einfach zu erwarten ist. Und so manche Lebensträume sind tatsächlich auch Menschheitsträume.

Vor über 50 Jahren, am 28. August 1963 hatte der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King vor 250.000 Menschen am Lincoln Memorial in Washington D.C. einen besonderen Traum zur Sprache gebracht: „I have a dream – Ich habe einen Traum“. Sein Traum galt der gemeinsamen Zukunft von Afroamerikanern und Weißen – Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe in einer gemeinsamen Nation, den USA: (Auszüge)

 

„Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: … Alle Menschen sind gleich erschaffen.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

…..

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.

Ich habe heute einen Traum!“

 

Martin Luther Kings Zukunftstraum hat immer noch Bestand, auch nachdem King im April 1968 bei einem Attentat ermordet wurde. Schließlich war sein Traum mehr als nur ein persönlicher Lebenstraum, der irgendwann im eigenen Leben ausgeträumt ist. Was wir für uns selbst zu träumen wissen, hat keinen Bestand auf Ewigkeit. Wie das Leben, so müssen auch persönliche Lebensträume mit dem Tod begraben werden. Anders ein Menschheitstraum, der das jeweilige Leben überdauern kann. Aber worin können Menschheitsträume auf Dauer bestehen? Was mir inneres Bild ist, was ich mir selbst für uns alle erträumen und vorstellen kann, ist ja oft sehr weit weg von der Realität. Sind Menschheitsträume nicht doch Luftschlösser? Diese Frage führt uns in der Bibel zu einem besonderen Traum, der auf dem harten Boden stattgefunden hat. In unserem heutigen Bibeltext lesen wir von einer Begebenheit, die Jakob widerfahren ist. Wir bekommen seinen Traum geschildert. Ausgerechnet von Jakob!

Jakob, Mutterkind und Trickbetrüger, hat den Erstgeburtssegen von seinem Vater Isaak in den Kleidern seines älteren Zwillingsbruders Esau erschlichen. Der Familienfriede ist zerstört, Esau sinnt nach Rache. So muss Jakob auf Geheiß seiner Mutter in die Ferne nach Haran entfliehen. Mutterseelenallein unterwegs auf der Flucht gibt es kein Zurück. Was Jakob im Traum nie eingefallen wäre, setzt ihm zu: Die eigene Kindheit ist ausgeträumt! Wer fliehen muss, hat doch sowieso erstmal ausgeträumt…

Die Nacht auf nacktem Boden, einen Stein unter den Nacken gelegt – in der ungewissen

Zukunft ist man alles andere als samtweich gebettet. Irgendwann fallen Jakob dennoch die

Augen zu. Wo er dem Nachthimmel zu Füßen liegt, erhebt sich im Traum eine Leiter in den Himmel hinauf, Gottesboten steigen darauf auf und ab. Jakobs Blick richtet sich nach oben aus, immer weiter hinauf in eine Höhe, die kein menschliches Auge wirklich sehen kann. Unerreichbar für menschliche Wege und doch gegenwärtig an diesem Ort – Himmel und Erde miteinander verbunden. Dort oben, ganz oben öffnet sich der Himmel; Gott zeigt sich im Traum, meldet sich gar zu Wort: „Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. …Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe“

Gotteswort macht zukunftsgewiss: Der Boden, auf dem sich Jakob krümmt, wird zur Heimaterde, seine Nachkommen werden zahlreich sein wie der Staub auf Erden. Der Weg, der Jakob in Zukunft bevorsteht, wird schlussendlich ein segensreicher Heimweg.

Das wünscht man sich in seinen Lebensträumen. Ein Aufbruch ins Ungewisse, der nicht im Unglück endet, Dinge schaffen, Ziele erreichen, die über das eigene Leben hinausgehen. Aber Jakob hat zu träumen, was er sich nicht selbst erträumt hat, kein Lebenstraum, sondern ein Gottestraum. Nicht Selbstverwirklichung zählt, sondern göttliche Gegenwart.

Wenn Gott ins Spiel kommt, dann haben Träume nichts mehr mit Tagträumen, Wunschdenken oder Einbildung zu tun. Wo Gott ins Spiel kommt, können Lebensträume und Menschheitsträume wahr werden.

Gott und Mensch auch im Traum verbunden: Das sind Träume, die in das eigene Leben hineinwirken und weit darüber hinaus.

Ich darf Gott im Gebet darum bitten, dass er mir begegnet, auch wenn ich schlafe. Und wer weiß- vielleicht lässt er mich von etwas träumen, das ich in Gemeinschaft mit anderen auch nicht nur für mich, sondern für viele zu einer neuen Realität machen kann.

„Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen (I’ve been to the Mountaintop)”,++ die letzten

Worte Martin Luther Kings, gesprochen am 3. April 1968 im Mason Temple in Memphis, Tennessee, am Vorabend des tödlichen Attentats. Da waren für King die Todesdrohungen ebenso Wirklichkeit, wie der Traum, der ihn überlebte und noch heute geträumt wird.

Hören auch wir nicht auf zu träumen und vertrauen wir darauf, dass Menschheitsträume als Gottesträume, auch durch unser Schaffen, Wirklichkeit werden können.

Amen