Filter drüber

Wo kommt er her, der Antrieb im Leben? Dass ich was schaffe? Dass ich mich auf jemanden einlasse? Dass ich auch mal unliebsame Wege gehe? Oder vielleicht versuche zu verzeihen? Was treibt mein Handeln an? Mich an? Aber vor allem: Was bringt es, wenn Gott mein Antrieb ist und wie macht er das?

Wochenspruch – Ps 103,2

Psalmgebet – Ps 146

Predigttext – Röm 8, 14-17

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Samstagmorgen. Ich laufe durch die Fußgängerzone. Viele Menschen sind unterwegs. Vor einem Geschäft liegt ein Mann. Mit verdrecktem Schlafsack, ein paar Tüten mit seinem Besitz. Mit nackten Füßen, zerzaustem Haar, ausdrucklosem Gesicht liegt er da und schaut ins Leere. Vor ihm ein kleines Schälchen mit einem Schild, auf dem „Habe Hunger“ zu lesen ist.

 

Die Menschen laufen an ihm vorbei, als wäre er schlichtweg nicht da.

Ich halte vor ihm an. Schaue ihn an und frage ihn, ob ich ihm etwas zu essen kaufen darf. Vielleicht noch eine Tasse Kaffee oder ein anderes Getränk? Erstaunt sieht mich der Mann an. Er scheint verwirrt, dass ihn jemand wahrnimmt und anspricht.

Dann sagt er: „Ja bitte ein süßes Stückchen, mit Apfel. Und einen Kaffee, aber bitte mit viel Zucker“.

 

Ich gehe also zum Bäcker und kaufe ihm das, was er mir gerade gesagt hat. Dann bringe ich es ihm und er bedankt sich mehrmals. Ich erwidere, dass er sich nicht zu bedanken braucht und, dass ich ihm einen schönen und gesegneten Tag wünsche.

Mit gebrochener Stimme sagt er noch einmal danke und auf Wiedersehen. Seine Augen füllen sich mit Tränen.

 

Das klingt nach einem rührseligen Kitschfilm, aber ich erlebe genau das immer wieder. Seit ich damit angefangen habe, die Welt um mich herum mit anderen Augen zu sehen. Seit ich für mich verstanden habe, was Paulus mit seinen Worten an die Gemeinde in Rom meint, wenn er sagt:

 

„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ oder wie die BasisBibel übersetzt:

„Alle, die sich von diesem Geist führen lassen, sind Kinder Gottes.“

 

Lange habe ich mir schwer getan zu verstehen, wie Paulus das meint.

Bis ich irgendwann verstanden habe, dass ich in dem Moment, wo ich mich entschieden habe mit Jesus durchs Leben zu gehen, ich auch den Geist Gottes geschenkt bekomme.

Der Geist Gottes. Große Worte. Die mich lange auch unter Druck gesetzt haben.

Dabei meint Geist Gottes an sich nichts anderes, als dass ich einen neuen Blick auf die Welt bekomme. Meine Augen lernen mit Gottes Augen zu sehen.

 

Der Geist Gottes legt sich wie ein Filter vor Augen und lässt mich meine Umgebung anders wahrnehmen. Schärfer. Empathischer. Liebender. Wertschätzender. Respektvoller.

 

Der Geist Gottes schenkt mir auch einen anderen Blick auf das, was damals am Kreuz mit Jesus geschehen ist.

Jesus hat mir durch seinen Tod am Kreuz Freiheit geschenkt. Freiheit, dass ich mir ganz gewiss sein kann, dass egal was ich im Leben auch für Fehler mache, dass Gott mich dennoch am Ende meines Lebens in der Ewigkeit willkommen heißen wird.

Allein, dass ich diese Erkenntnis immer wieder neu fassen kann, ist ein Geschenk dieses Geist Gottes.

 

Und noch mehr vermag dieser Geist Gottes:

Wenn anscheinend alles hoffnungslos ist, dann bekomme ich durch Gottes Geist  neue Hoffnung geschenkt. Sein Geist lässt mich wissen, dass Gott immer noch größer ist, als meine eingeschränkte Sicht auf die Dinge und die Situation.

Sein Geist lässt mich wissen, dass alle Geschöpfe, egal wie groß, klein, dick oder dünn, ob es Menschen oder Tiere sind, dass sie alle von Gott gewollt sind. Sie zu achten und zu respektieren, dazu fordert mich Gottes Geist auf und manchmal auch heraus. Sie sind genauso geliebte Wesen wie ich auch.

Geist Gottes. Er lässt mich meine Fehlerhaftigkeit erkennen und versöhnt mich mit ihr. Und er hilft mir die Fehler anderer wohlwollender zu betrachten. Ja, er hilft mir dabei, dass ich vergeben kann, wenn ich verletzt werde, weil ich vielleicht sehe, dass das Handeln des anderen eine Folge eigener Verletzungen oder Enttäuschungen ist. Der Geist Gottes hilft mir mich einzulassen, nicht den Weg der Rache zu gehen, sondern den Weg der Versöhnung einzuschlagen.

 

Ja, das anzunehmen ist wahrlich eine herausfordernde Aufgabe. Sie fordert mich jeden Tag heraus. Von Gottes Geist treiben lassen oder führen lassen. Das heißt ja zweierlei.

Erstens: Gottes Geist ist da. Wer Jesus aufnimmt in sein Leben, der bekommt Gottes Geist. Diese verändernde Kraft, diesen neuen Blick auf die Welt. Ich merke, wo es falsch läuft. Wo ich anders handeln muss, weil Jesus es anders gemacht hätte. Wo ich verzeihen müsste. Wo ich helfen müsste. Wo ich lieben sollte.

Und zweitens: In wieweit lasse ich mich treiben und führen von diesem Geist Gottes? Das ist dann ja das Herausfordernde. Und das, das gelingt mir nicht immer. Denn Glauben und Nachfolge bedeutet auch lernen, immer wieder neu. Lernen und wachsen im Glauben.

 

Der Geist Gottes will die Menschen antreiben, führen, die Gott als ihren Herrn im Leben angenommen haben. Lass ich es zu? Versuche ich mich  von göttlichen Maßstäben leiten zu lassen und handle nicht nach menschlichen Maßstäben?

 

Diese Aufgabe ist ein manches Mal vielleicht einfach zu übergroß, überfordernd.

Die Chance besteht jedoch jeden Tag neu, dies in meinem Alltag einzuüben, bis es eben zur guten Gewohnheit wird so zu handeln.

 

Bummeln, Eis essen. Auf mich und meine Familie achtend. So bin ich früher durch die Fußgängerzone gelaufen.

Heute nehme ich meistens viel mehr Menschen um mich herum wahr, die von der Gesellschaft oft eben nicht mehr wahrgenommen werden, wie dieser Mann von dem ich anfangs erzählte.

 

Es scheint, als sei er mittlerweile daran gewöhnt, nicht gesehen zu werden. Er passt nicht in eine Leistungsgesellschaft, zu der er auf den ersten Blick, nichts beizutragen hat. Er erwirtschaftet nichts, er kostet nur.

 

Der erste Blick auf ihn. Doch oft ist es nicht so, wie es auf den ersten Blick erscheint.  Zum einen weiß ich nicht, warum er so geworden ist, wie er heute ist. Er wollte als Kind sicher nicht Obdachloser werden, sondern vielleicht Polizist, Feuerwehrmann oder was auch immer – vielleicht war er das ja auch.

Dieser Mann hatte Träume, Wünsche und Hoffnungen, die sich aus irgendwelchen Gründen nicht erfüllt haben. Doch im Gegensatz zu anderen Menschen, bei denen auch Träume platzen, konnte er vielleicht nicht damit umgehen. Ich weiß es nicht.

Dieser Mann war vermutlich so Vieles, konnte und kann so Vieles und hat bestimmt auch viel zu erzählen und zu geben. Für das Auge ist es vorborgen, wenn ich einfach so an ihm vorübergehe.

 

Früher hätte auch ich ihn nicht gesehen – mittlerweile sehe ich ihn. Mit anderen Augen. Die ins Verborgene schauen.

Er ist für mich nicht nur der Obdachlose, der er zweifelsohne ist. Vielmehr ist er genau so ein geliebtes Geschöpf Gottes wie ich auch. Er hat es verdient, dass ich ihn unterstütze und ihn vor allem respektiere und wertschätze.

 

 

Paulus sagt:

„Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

 

Gott lädt uns ein, den Geist Gottes in unserem Leben wirken zu lassen. Wenn wir uns darauf einlassen, dann werden wir die Welt nicht nur mit anderen Augen sehen, sondern uns auch zeigen lassen, was zu tun ist. Wie Gottes Geist in diese Welt hineinwirken kann. Durch mich. Durch jeden einzelnen.

Durch all diese Erlebnisse, Erkenntnisse und Erfahrungen werden wir als Nachfolgende Christi mehr und mehr im Glauben wachsen und somit Zeuginnen und Zeugen Gottes in dieser Welt. Menschen die Hoffnung bringen können, dort wo manches so hoffnungslos erscheint.

 

 

Amen