Hurra!

Riesen Mütze, dicker Schal, eingemummelt bis oben hin! Und doch erkenne ich, wer unter der Winterkleidung steckt. Die glänzenden Augen, das ansteckende Lachen, die ausgebreiteten Arme, nur die eine kann das sein! Woher weiß ich, wer wer ist? Und ob der oder die, auch der oder die ist? Das fragte sich schon Johannes in der Bibel und da hat es noch keine Probleme mit KI und so gegeben. Auch der Beter bittet: Zeig dich doch!

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Kinder können sich so richtig freuen. Wenn sie hören, dass die geliebte Oma, der geliebte Onkel nächste Woche kommen, dann können sie es kaum erwarten. Ständig fragen sie: Wann kommt sie? Wann ist er endlich da? Wie lange müssen wir noch warten? Irgendwann ist es dann tatsächlich soweit. Die Oma kommt. Der Onkel steht vor der Tür. Und schon haben sie ein Kind in den Armen. Oder alle Kinder auf einmal. Die Wiedersehensfreude ist groß.

Fragt man Kinder, woran sie den Onkel oder die Oma erkennen, dann sind das meist keine Beschreibungen, die sich für ein Phantombild eignen würden. Der Onkel liest immer vor, mit der Oma machen die Kinder Faxen. Die Oma hat kurze Haare und eine Brille, der Onkel eine Glatze. Sicher wissen Kinder, wie Oma und Onkel aussehen, sie können es aber nicht so genau beschreiben. Doch sie erkennen sie wieder.

Manchmal, besonders wenn Kinder noch recht klein sind, braucht es allerdings eine Weile, bis sie Oma oder Onkel wiedererkennen. Sie fremdeln, sagen wir. Müssen erst einmal verstehen, wer da gekommen ist. Dass es sich tatsächlich um die Oma handelt und nicht um die Tante. Dass der Onkel zu Besuch kommt und nicht ein Freund der Eltern. An ihren immer wiederkehrenden Handlungen sind sie auf jeden Fall zu erkennen. An den Faxen die Oma, am Vorlesen der Onkel. Eigentlich ganz einfach.

Bei Johannes dem Täufer ist es irgendwie anders. Er müsste Jesus ja kennen, sogar ziemlich gut. Sie sind verwandt miteinander. Außerdem hat Johannes Jesus getauft. Hat sich sogar geziert, das zu tun, indem er zu Jesus sagte „Ich hätte es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?“ Nach der Taufe gab es dann auch noch großes Kino: Der Himmel tut sich auf, der Geist Gottes kommt herab in Gestalt einer Taube und eine Stimme aus dem Himmel spricht: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“. Johannes müsste also ziemlich gut wissen, wer Jesus ist.

Und doch, als Johannes im Gefängnis sitzt und hört, was Jesus alles für Wunder tut, da schickt er seine Jünger und lässt sie Jesus befragen. „Bist du es, der da kommen soll oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Dahinter steckt die Frage, ob Jesus wirklich der Messias ist, der Erlöser. Doch nach all dem, was Johannes mit Jesus erlebt hat, sind diese Fragen ziemlich seltsam. Johannes hätte das eigentlich ganz genau wissen müssen. Wie hätte ich in so einem Falle reagiert? Vielleicht mit „Hey, was ist denn mit dir los? Du solltest mich doch kennen!“ Vielleicht würde ich alles aufzählen, was wir miteinander erlebt haben, um Johannes daran zu erinnern. Möglicherweise wäre ich aber auch ärgerlich, enttäuscht, vielleicht sogar eingeschnappt. Dass er mich fragt, wer ich bin! Fehlt’s noch? Un-ver-schämt-heit.

Jesus reagiert ganz anders. Er nimmt die Fragen von Johannes sehr ernst, macht ihm keinerlei Vorwürfe. Aber er antwortet auch nicht einfach nur mit „Ja, ich bin’s“. Im Gegenteil. Er fordert Johannes indirekt zum Nachdenken auf. Seine Jünger sollen ihm ausrichten, was sie erleben: Blinde sehen. Lahme gehen. Aussätzige werden rein. Taube hören und Tote werden auferweckt. Johannes kann daraus seine Schlüsse ziehen. Hellwach sein, eins und eins zusammenzählen. Was für eine Antwort. Ich bin nicht sicher, ob ich sie wirklich gut finde. Einerseits ist sie nicht einfach und klar, sondern nebulös, eben kein einfaches Ja oder Nein. Andererseits beschreibt sie genau die Handlungen, die der Messias tut. Und ist damit schon wieder sehr eindeutig. Kein anderer würde all das tun oder überhaupt tun können. Wer Augen hat, wird sehen – und verstehen. Ja, er ist’s. Jesus ist der Messias, der Retter, der Erlöser.

Doch was ist das eigentlich für eine Nachricht? Hat sie überhaupt Bedeutung? 19 Prozent der Bevölkerung in Deutschland glaubt an einen Gott, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat. Das heißt aber auch: 81 Prozent der Menschen in Deutschland glauben das nicht. Das ist eins der Ergebnisse einer neuen Studie, die von der Evangelischen Kirche in Deutschland in Auftrag gegeben worden war. Was hat Jesus also mit meinem Leben zu tun? Mit meinen Nachbarn, mit meinen Arbeitskolleginnen, mit meiner Familie, mit den Leuten in meinem Verein, die nichts mit Kirche am Hut haben?

Vielleicht interessiert sich mein Umfeld gar nicht dafür, weil die Menschen von Kirche nichts wissen wollen und von einem persönlichen Glauben schon gleich dreimal nichts. Aber sie wissen dennoch, dass ich an Jesus glaube. Nicht, weil ich ständig davon spreche. Sondern weil sie wissen: Sonntagmorgens brauchen sie mich nicht zum Brunch einladen, da bin ich im Gottesdienst. Weil sie mitbekommen, dass da eine Bibel bei mir liegt, manchmal sogar aufgeschlagen. Weil sie spüren, dass bei mir etwas anders ist. Eine Hoffnung trotz aussichtsloser Lage. Eine Kraft, die gar nicht von mir kommen kann, weil ich selbst so schwach bin. Eine Art „Vergesslichkeit“, die sich einstellt, wenn sich jemand bei mir entschuldigt hat. Manchmal hat das alles eine überraschende Wirkung. Manchmal nämlich fragen mich Menschen nach meinem Glauben, von denen ich es nicht erwartet hätte. Weil sie gar nicht glauben, dass es Gott überhaupt gibt.

Wenn wir glauben, dass Jesus Christus der Retter ist, dann ändert sich etwas in unserem Leben. Wir sind frei. Frei von Schuld, weil uns vergeben ist. Frei aber auch von dem Zwang, alles richtig zu machen. Frei davon, alle Erwartungen erfüllen zu müssen. Wir sind geliebt, so wie wir sind. Wir sind befreit. Wir dürfen Frieden haben – mit uns, mit unseren Mitmenschen, mit Gott. Das gibt Kraft, das macht Mut, das gibt Hoffnung – aller niederschmetternden Nachrichten zum Trotz.

Der Advent ist die Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Da müssen noch viele Geschenke besorgt werden, das Festessen und Besuche geplant, Plätzchen gebacken und die Wohnung dekoriert werden. Für viele eine hektische Zeit. Aber das ist mit Advent im christlichen Sinne gar nicht gemeint. Es geht vielmehr darum, sich innerlich auf das Weihnachtsfest einzustellen. Darauf, dass wir feiern: Gott kam in einem Kind zu uns Menschen um uns zu befreien. Auch von dem Stress vor Weihnachten. Auch von der Mutlosigkeit angesichts der vielen schlechten Nachrichten aus aller Welt. Gott kommt als Mensch mitten hinein in unseren Trubel, in die Sorgen, in Frohes und Trauriges. Gott kommt – so oder so. Das Einzige, was wir tun können ist, dem Besucher die Tür zu öffnen, ihn hereinlassen. Dass wir den Weg frei machen, damit Gott in unser Leben kommen kann, in unser Herz. Und wenn wir ihm dann begegnen, werden wir uns freuen wie die Kinder, die Besuch bekommen.

Amen.