Ist doch längst da!

Das Reich Gottes ist der Himmel auf Erden. Oder auch nicht? Alles nur rosarote Wunschvorstellung? Jesus selbst hat sich dazu geäußert. Das gibt es zu hören, außerdem ein Psalmgebet, das Mut machen kann.

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Also – wo ist jetzt das Reich Gottes? Das haben die Leute damals in ihrer Situation gefragt. Das haben die Christinnen und Christen zur Zeit des Lukas gefragt, als er sein Evangelium geschrieben hat. Und das fragen wir uns heute. Wo ist es? Wann kommt es?

Ich verstehe diese Frage damals und heute so, dass sie einen Zwiespalt beschreibt oder – wie es einer meiner Lieblingskabarettisten, Erwin Pelzig, sagt: eine kognitive Dissonanz. Die Dissonanz besteht darin, dass wir gerade sehr viel Krise erleben. Den Krieg, das Böse, das uns große Sorgen macht, die steigenden Preise, Corona, Streit und Konflikte, Flucht, Not, Angst.

Wir wünschen uns etwas anderes: das Gute. Das Schöne. Frieden. Heimat. Ausruhen. Im Grunde das Reich Gottes, so wie ich es verstehe. Den Ort der Sehnsucht. Der Gerechtigkeit. Das Reich Gottes ist der Ort, an dem ein guter Gott dafür sorgt, dass dieses Gute die Oberhand hat.

Wenn man sich das bewusst macht, dann ist die Antwort Jesu eine unglaubliche Ansage. Eine kognitive Dissonanz. Wie passt das zusammen?

Jesus sagt: Das Reich Gottes, das Himmelreich, ist schon da – mitten unter euch. Gegenwart. Jetzt. Heute. Also mitten unter denen damals. Und mitten unter uns heute. Jetzt. In Stuttgart. In Berlin. Ja, sogar in England, in Russland oder der Ukraine.

Dieses „mitten unter euch“ ist nicht nur geografisch gemeint. Sondern auch zeitlich, inhaltlich. Z.B. mitten in der gegenwärtigen Zeit. In der Krise. In Zeiten des Krieges. In Zeiten von Flucht und Zerstörung. In Zeiten von Krankheit. Im Alten- und Pflegeheim. Oder in Zeiten von zu viel Arbeit und Überforderung. In Zeiten von Feierabend. In der Nacht. Überall, wo wir sind und leben.

Was Jesus meint mit dem Reich Gottes, kann man ungefähr so zusammenfassen:

Dort gelten Werte und Vorstellungen, die Gott wichtig sind, die er verkörpert:

Gerechtigkeit z.B., Liebe, Gnade, Barmherzigkeit. Dort ist das Leben, dort ist Frieden, Heimat. Die Welt ist heil. Der Mensch ist heil. Und bestimmte Werte gelten dort nicht – und sie sind dort auch nicht anzutreffen: Hass, Wut, Egoismus, Lieblosigkeit, Gewalt, Unheil, Tod.

Wo Menschen auf diese Weise miteinander leben, wird ein Stück von Gottes Reich sichtbar und erlebbar. Das Reich Gottes kommt auf diese Weise nicht von außen. Wird uns nicht übergestülpt, sondern es kommt von innen. Von unten. Aus uns heraus. Oder von anderen Menschen. Oder durch Gottes Geist. Dort wo Menschen auf die Weise Gottes miteinander leben, ist das Reich Gottes, das Himmelreich gegenwärtig.

Interessant ist, dass es fürs Reich Gottes immer mehrere braucht. Es wird erst in der Interaktion spürbar, erkennbar. Im Miteinander. Das Himmelreich, das Reich Gottes ist ein Beziehungsbegriff. Es beschreibt Aktionen und Verhalten von Menschen und von Gott. Gerecht, liebevoll, friedlich, barmherzig, gnädig.

Die spannende Frage ist jetzt: Hat Jesus recht? Wenn ja, dann müsste dieses Reich Gottes ja auch wirklich da sein. Mitten unter uns. Zwischen dir und mir. Zwischen euch in den Familien. In den Gemeinden. Am Arbeitsplatz. Unter Nachbarn. In Stuttgart. In Berlin. In der Ukraine, in Russland. Sogar in China. Es müsste dann also überall so zugehen, dass Gott, dass Jesus im Himmel sagt: „Ja, das ist gut. Genauso haben wir uns das vorgestellt. Macht weiter so. Wenn ihr so miteinander lebt, ist das gut.“

Und, ist es so? Erleben wir das? Erleben Sie es? Erkennen Sie es? Können Sie es beschreiben?

Jesus warnt zwar im gleichen Absatz davor, das Reich Gottes genau zu benennen, er sagt, man kann gerade nicht sagen: Schau her, hier ist es. Oder „dort ist es“. Es bleibt ein Geheimnis.

Trotzdem – woran würden wir es festmachen? Ich überlege, was Sie und ich auf diese Frage antworten würden.

Vielleicht so: Himmelreich ist auf dieser Erde überall dort, wo Jesus auch mit dabei sein könnte und es auch gerne wäre. Vielleicht im Gottesdienst. Oder wo wir beten. Wo wir in seinem Namen zusammen sind. Wo wir ihn loben und ihm danken. Oder bei einem Fest – wie der Hochzeit zu Kana. Oder wo Menschen geheilt werden und ihnen Gutes geschieht. Wo man sich um Gerechtigkeit müht. Oder wo Reichtum geteilt wird und Menschen das bekommen, was sie zum Leben brauchen. Oder wo seine Erde geschont wird und man eher im Einklang mit ihr lebt, als sie zu zerstören. Wo wir in guten, liebevollen Beziehungen leben und Leben gelingt, statt kaputt zu gehen.

Oder überall dort, wo geholfen wird, wo Tod verhindert wird, wo Menschen neue Hoffnung schöpfen, wo Kraftwerke nicht zerstört werden und der Krieg zurückgedrängt wird. Dabei denke ich an die Ukraine.

Und dann sind mir in diesen Tagen, in denen alles voll ist mit schlechten Nachrichten, auch Nachrichten begegnet, die mich an das Reich Gottes erinnern. Zumindest habe ich für mich diesen Zusammenhang hergestellt. Weil es gute Nachrichten sind. Ich kann mir tatsächlich vorstellen, dass Jesus im Himmel sitzt und sagt: „Ja, das ist gut. Weiter so. So wollen wir es haben.“

Gefunden habe ich sie ganz einfach: Ihr müsst nur den Begriff „gute Nachrichten“ ins Internet eingeben, dann findet ihr hunderte, tausende. Z.B., dass seit 2000 Wälder in der Größe von Frankreich nachgewachsen sind. 59 Millionen Hektar. Die können mehr CO2 speichern, als die USA in einem Jahr verbrauchen.

Oder dass seit 2000 die Lebenserwartung in Gesamtafrika von 46 Jahren auf 56 Jahren gestiegen ist. Oder: Die WHO meldete 2020 den geringsten Level von Malaria-Fällen aller Zeiten, ein Rückgang von 60 Prozent in 20 Jahren. Zwischen 2000 und 2019 wurden so 1,5 Milliarden Erkrankungen und siebeneinhalb Millionen Tote vermieden.

Mir zeigen diese Nachrichten nicht nur, dass wir sehr oft nur auf das Schlechte schauen, sondern auch, dass Gott handelt und Menschen als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger in seinem Sinn unterwegs sind. Vielleicht nicht immer in seinem Namen, aber in seinem Sinn. Oder, um es mit seinen Worten zu sagen: das Reich Gottes ist mitten unter uns.

Ich will mich davor hüten, mich hier klar festzulegen. Das Reich Gottes ist kein weltliches Reich. Es bleibt oft ein Geheimnis und wir können es auch nicht einfach so aufrichten. Wir sowieso nicht. Und vieles entdecken wir erst im Zurückschauen.

Aber es gibt Zeichen, die uns Mut machen. Die Hoffnung wecken. Die uns motivieren, uns selbst zu beteiligen. Seien wir Gott dankbar für alles, was in seinem Sinn geschieht. Und legen wir unseren Teil dazu. Damit wir öfter erkennen und dankbar sagen: das Reich Gottes ist tatsächlich da – mitten unter uns. Mitten in mir.