Foto: mit KI erstellt, Vibe

Raus aus der Bubble

Komfortzone verlassen. Neues erleben. Auseinanersetzungen aushalten. Menschen nicht ausgrenzen. Mich selbst bitte auch nicht. Heute wird es vielleicht unbequem. Impulsgeber ist Pastor Wilfried Röcker.

Wochenspruch  – Ps 103,2

Psalmgebet – Ps 146

Predigttext   – Lk 19, 1-10

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Ich bin im Schwarzwald aufgewachsen und habe schon als Kind mit meinem Großvater Pilze gesammelt. Kein Wunder also, dass ich jetzt – Anfang September immer wieder in den Wald gehe, um zu schauen, ob die lang ersehnten Pfifferlinge, Steinpilze und Co endlich zu finden sind. Aber die Trockenheit in diesem Sommer hemmt auch das Wachstum der Fruchtkörper dieser schmackhaften Pilze.

Weil ich immer mal wieder auf Instagram andere Pilzsucher:innen und deren Pilzfunde „geliked“ habe, weiß Instagram wohl von meiner Sehnsucht und schickt mir in den letzten Tagen vermehrt kurze Beiträge von anderen, die ihre ersten Pilzfunde geteilt haben. Steinpilze ohne Ende in der Schweiz – zum Beispiel.

Heutzutage spricht man davon, dass wir in solch unterschiedlichen Blasen oder Bubbles leben, und die Algorithmen uns mit den Themen aus unserer Blase versorgen.
Neben dem Effekt, dass man zu einer Blase gehört gibt es auch den Effekt, dass es andere gibt, die nicht dazugehören, und von denen in der Blase sogar als Gegner erlebt werden.

Das ist aber nicht erst so seit es Instagram gibt. Dass sich Menschen in Gruppen finden, die dieselbe Meinung haben, gehört irgendwie zu uns Menschen dazu. Auch zur Zeit Jesu gab es solche Bubbles. In der Bibel lesen wir von den Pharisäern, Sadduzäern oder den Zeloten und es gab die „Zöllner und Sünder“. Die waren auf jeden Fall draußen. Sie gehörten nicht dazu. Sie waren als Gegner des Glaubens identifiziert. Die Zöllner auch deswegen, weil sie als Juden für die Besatzungsmacht der Römer Geschäfte machten und Geld eintrieben. Sie hatten den Römern schon im Voraus Pauschalbeträge zu übergeben. Wie sie an das Geld kamen und wie sie sich selbst versorgten, war dann ihre Sache. Nicht selten führte dies zu Korruption und Ausbeutung und ließ die Zöllner reich werden. Gleichzeitig grenzten sie sich damit aber aus der Gemeinschaft des Volkes aus.

Die Geschichte von Jesus und Zachäus ist für mich ein Lehrstück, dass es für Jesus diese Aufteilung in „Du gehörst dazu“ und „Du nicht“ nicht gibt. Das zeigt die Reaktion derer, die Jesus verehrten. Sie dachten, dass er mit seinem Kommen sie in ihrer Stadt beehrt. Und er tut genau das Gegenteil: Er beehrt den, den sie verachten und ausgrenzen, dem sie nicht einmal die Chance geben, mit ihnen gemeinsam am Straßenrand zu stehen. Die Jesusfans werden von ihrem Idol total enttäuscht. Sie ärgern sich darüber, dass er sich von ihnen abwendet und sich dieser Bubble der Zöllner und Sünder zuwendet.

Wenn er dem Zachäus wenigstens eine Moralpredigt gehalten hätte oder wenn er ihm wenigstens die Verdammnis angedroht hätte, dann wäre es ja noch einigermaßen zu ertragen. Aber er lädt sich einfach bei ihm zum Abendessen ein. Was Jesus hier tut ist für die, die Gastfreundschaft als ein hohes Gut verstehen, wie ein Schlag ins Gesicht. Ein Trost ist, dass dieser Zachäus sein Leben wohl ändern will – so kündigt er es zumindest an. Doch Jesus wollte schon vorher mit ihm einen netten Abend verbringen. Nicht deshalb. Jesu Zuwendung geschieht im Voraus. Ohne Absicht. Das ist das Lehrstück für alle, die diese Geschichte lesen und hören.

So ist Jesus. Er ist nicht Teil deiner Bubble und findet dieseleben Leute blöd, die du auch blöd findest. Jesus denkt nicht in Freund und Feind und er passt in keine Bubble dieser Welt. Jesus ist vielmehr der, der gerade für die anderen da ist, Zeit hat, sich einladen lässt und du stehst daneben.

Bei diesem Satz müssen nicht nur die Frommen von damals schlucken, sondern auch ich. Viel zu schnell haben wir in unseren Auslegungstraditionen die Frommen von damals zu unserer gegnerischen Bubble gemacht. Die haben es nicht begriffen. Die bekommen von Jesus eine Lektion erteilt. Die müssen erst mal lernen, was glauben wirklich heißt, wo hingegen ich doch zu denen gehöre, die das wissen.

Als Christ, glaube ich zu der Blase zu gehören, die zu Jesus gehört und die alles richtig macht. Und wenn sich die Sünder von heute bekehren, dann nehme ich sie gerne in meine Blase auf.

Ich überlege mir: Womit will mich Jesus heute konfrontieren? Welches Lehrstück mutet er mir zu? Wo konfrontiert er mich mit dem Irrtum, dass ich meine, ich könnte Jesus für mich „verbuchen“?

Dietrich Bonhoeffer hat diese Frage sehr beschäftigt. Und er stellt fest, dass eine Kirche, die sich als Kirche Jesu Christi versteht, nur dann eine solche ist, wenn sie eine „Kirche für andere“ ist. Wenn sie es also selbst schafft, nicht in ihrer Blase zu verharren, sondern diese überwindet. Wenn sie es schafft, vielfältig, bunt, unterschiedlich zu bleiben und dieses offene Interesse am Anderen lebt, wie Jesus es getan hat.

Und zwar so, dass sie am Ende nicht doch mit der Moralpredigtkeule daherkommt und erwartet, dass sich alle bekehren, sondern mit der Liebe Gottes, die einfach da ist. Schon im Voraus. Bedingungslos.

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Im Zusammenhang mit der Erzählung von Zachäus bekommt diese Aufforderung nochmals eine andere Dimension. Kann ich meine Blase verlassen? Habe ich den Mut für ein offenes, freundliches Gespräch mit dem, der mir eigentlich gestohlen bleiben kann?

Ich spüre die Herausforderung beim Formulieren der Frage und fürchte, ich bleibe doch lieber in meinen Bubbles. Und darum hüte ich mich davor, den Finger zu heben und unseren Gemeinden vorzuwerfen, dass wir genau das in unseren Tagen versäumen. Vielleicht brauche ich zuallererst doch die Erfahrung, dass Jesus sagt: Hey Wilfried, du der du in deiner Blase steckst. – Bei dir will ich heute einkehren.

Schön wärs! Doch darauf kann ich lange warten. Jesus hat sich schon bei den Anderen eingeladen und ist dort zu finden. Wo bleibt der ermutigende Schluss? Das 19. Kapitel im Lukasevangelium hat für die Frommen keine Ermutigung vorgesehen. Es bleibt eine Zumutung für uns. Die sollten wir nicht wegpredigen. Aber allein diese Geschichte mal so zu hören und auf mich wirken zu lassen, führt zu Rissen in meiner Bubble. Vielleicht kommt so Jesus doch auch zu mir und hilft mir neu zu denken. Vielleicht ist das die Ermutigung zu einem ersten Schritt. Die Zumutung mich aus meiner Bubble zu lösen bleibt dennoch.

Beten wir gemeinsam, dass uns die Zumutungen Jesu weiterbringen und wir uns öffnen. Neugierig, zugewandt und wertschätzend. In winzig kleinen Schritten.