Tiefste Tiefe

Ostern ist pure Freude! Wahre Freude wird aus der Tiefe geboren. Diesen Weg gehen wir heute und wir werden sehen: Nicht erst, wenn alles gut ist, ist Gott da. Er ist dabei, wenn es im Leben ganz weit nach unten geht. Hören wir von Hanna und beten wir mit dem Psalmisten.

Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig aufersanden. Halleluja!

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Die Frevler gehen in die Finsternis, die Treuen sind behütet, die Hungrigen werden satt, die Armen und Geringen sind wieder wer, die Schwachen kommen zu neuen Kräften, Tote stehen wieder auf! Wow! Frohe Ostern! Gott ist groß. Gott ist stark. Gott ist Herr. Ab zur Auferstehungsparty!

Obwohl … Was ist eigentlich passiert, dass Hanna so ein Loblied schreibt? Kam gerade Wolke 7 vorbei und sie ist hübsch draufgehüpft? Leider nein. Hanna hat etwas Fieses und Fürchterliches erlebt. Eine Geschichte, die niemand erleben will, weil doppelt, dreifach fies: Hanna ist mit Elkana verheiratet. Gut. Peninna auch. Nicht gut. Peninna hat von Elkana Kinder, Hanna nicht. In „damals“ gelesen: Peninna hat Elkana Kinder geschenkt, Hanna nicht. Was soll man mit einer Frau anfangen, die ihrem Mann keine Kinder schenkt? Hanna ist Totalausfall, Versagerin, das nackte Nichts. Bloß: Elkana liebt seine Hanna über alles, überschüttet sie mit Geschenken, während Peninna immer nur so Pflichtgeschenke kriegt. Deshalb ist Hanna für Peninna nicht nur die Versagerin, sondern auch die Verhasste. Die Rache wird fies. Peninna lässt Hanna schön spüren, was für eine erbärmliche Niete sie ist. Ohne Kinder! Muss ja wohl an Hanna liegen, bei ihr, Peninna, klappt’s ja auch.

Hanna erzählt Elkana, wie sehr sie unter Peninna, vor allem aber unter ihrer eigenen Kinderlosigkeit leidet, daran verzweifelt und er versucht’s mit: „Aber ich liebe dich, mein Schatz! Ist das nicht viel mehr wert als zehn Kinder!“ Mein lieber Elkana, das hast du schön gesagt, ehrt dich irgendwie, bloß: Hilft nicht. Ist nämlich nur ein billiger narzisstischer Spruch. Auf deine Liebe kommt’s an. Schon wieder fies.

Und dann wird’s nochmal fies. Denn von außen betrachtet geht’s Hanna prima: „Hanna, meine Liebe, was willst Du denn? Hast alles, was du brauchst, kriegst immer die dicken Geschenke, dein Mann liebt dich heiß und innig und du? Heulst rum? Schau dir Peninna an! Einen Stall voll Kinder, aber keinen Mann, der sie liebt. Wäre dir das lieber?“ Es ist die Steilvorlage, um über das Leid eines Menschen hinwegzusehen, es kleinzureden und damit nochmal drauf zu hauen. Wohl dem, dem es schlecht geht, und man sieht es auch. Mit Arm in Gips ist einem das Mitleid sicher, aber mit einer Depression bist du der Depp. Hanna geht’s äußerlich gut, aber innerlich fühlt sie sich tot. Peninna haut drauf und Elkana hält sich raus mit narzisstisch-naiver Liebesmathematik. Das tut erst recht weh, zu spüren: Jemand wehrt sich mit Händen und Füßen und warmen Worten dagegen, mein Leiden an sich heranzulassen, anzuerkennen, mitzufühlen: die Ausweglosigkeit, den Schmerz in seiner Tiefe. Elkana redet von Liebe, doch redet sich raus.

Wenn ich jemand brauche, der mich versteht, der mitfühlt, mitleidet, mich stumm in den Arm nimmt, sind solch schöne Worte erbärmlich und erbarmungslos, verletzend, fies und fürchterlich. Weil sie ablehnen.

In dieser Not geht Hanna beten, zu ihrer letzten Hoffnung, ihrem letzten Ausweg, zum Haus des Herrn. Lang und ausführlich redet sie mit Gott, schildert ihm stumm ihr Leid, ihre Not und Verzweiflung. Sie bewegt nur ihre Lippen, in Herz und Hirn fallen ihre Worte. Der anwesende Priester hält sie für betrunken, will sie vor die Tür setzen, doch sie setzt dagegen: „Ich bin verzweifelt, bin innerlich kaputt, habe Gott mein Herz ausgeschüttet.“ Der Priester versteht und lässt sie im Frieden Gottes gehen. Das ist die Vorgeschichte zu Hannas überschwänglichem Loblied: Ausweglosigkeit und Verzweiflung, Unverstanden-Sein, Leid, Kummer und Not, von außen gedemütigt und innerlich tot.

Diese Vorgeschichte bewahrt das Lied davor, zu rosarotem Wohlfühl-Lobpreis abzuheben und macht es so umso hilfreicher für mein Leben. Hanna bekommt ihr Kind und erlebt: „Gott gibt mir Kraft, morgens aufzustehen, wenn ich zu schwach bin. Gott trägt mich, wenn die anderen mich mit schönen Worten fallen lassen. Gott bleibt bei mir, wenn andere über mich herfallen und mich verlassen. Wenn ich einfach nicht mehr kann, am Boden zerstört bin, wenn ich keinen Ausweg mehr sehe oder mir die Kraft fehlt, ihn zu gehen, wenn ich am liebsten aufgeben würde, damit es endlich vorbei ist, dann ist Gott da. Tatsächlich. Als Tatsache. Wirklich. In meiner Wirklichkeit. Spürbar. Mit einer neuen Spur für mich.“

Hanna spürt: Verliert sie den Boden unter den Füßen, ist Gott darunter der Fels, der ihr Halt gibt. Blasen sich andere auf, haucht er ihr neue frische Luft zum Atmen ein. Hungrig, unfruchtbar, arm, erniedrigt und beleidigt, gedemütigt und verhöhnt, Gott setzt alldem sich selbst entgegen und überwindet es.

Klingt alles unheimlich schön, voller Hoffnung und Glück, aber: Davor liegt noch etwas. Und das ist nicht einfach das Leid Hannas, sondern dass Hanna sich schonungslos ihrem eigenen Leid stellt, ihrer Verzweiflung, ihrer Ausweglosigkeit, ihrem Schmerz. Bis auf den Grund.

Sie geht zu Gott und redet. Lang und ausführlich. „Ich bin verzweifelt, voller Kummer und Gram.“ Das ist der Wendepunkt: dass sie Gott ihr Herz ausschüttet. Gott gegenüber kann sie ihr Leid in Worte fassen und kriegt es so selbst zu fassen. Alleine schaffen wir das oft nicht. Sich dem Schweren unseres Lebens zu stellen, dem Bedrückenden, kann uns selbst erdrücken. Wenn wir sehen, wie tief wir verletzt sind, welche Folgen das hat und wie weit es uns verfolgt, wie sehr es uns begrenzt, behindert und blockiert, steuert und destabilisiert, verunsichert und falsch führt: dann lieber wegschauen, weglaufen.

Deshalb tut Beten gut. Deshalb tut Gott gut. Weil er sich unser Leid anhört, sich unserem Leid stellt und uns hält und trägt, wenn wir uns dem stellen, uns Kraft gibt auszusprechen, was uns quält, und es aushält. Gott begleitet Hanna auf ihrem Weg zu sich selbst und ist ihr das Gegenüber, das sie braucht, um ihrem Leid in die Augen schauen zu können. Er ist es, der ihr verspricht: „Ich tauche mit dir auf den Grund, zum Kern deiner Angst. Egal wie dunkel, ich lass dich nicht allein hier. Du bist nicht zu viel, ich bin gern bei dir. In deinen Augen toben die Wellen der Verzweiflung, komm, halt dich ganz fest an mir.“ Hier beginnt Hannas Heilung, sie mündet ins Loblied. So tief sie ihrem Leid im Gebet zu begegnen wagt, so tief rührt Gott sie an und beginnt ihre Heilung. Sie wird sogar den Sohn, den sie sich so sehnlich gewünscht hat, loslassen, Gott überlassen. Sie wird nicht nur heil, sondern frei.

Als Hanna Gott als Gegenüber erlebt, spürt sie: Er tröstet sie in ihrer Trauer, nimmt sie in ihrer Angst in den Arm, gibt im Verloren-Sein Halt, im Fremd-fühlen Geborgenheit. Hier kann sie sagen, wer sie ist, was sie zu zerstören droht und verzweifeln lässt.

Hannas Loblied ist ein tiefe Auseinandersetzung mit dem Leid. Dem Leid jedes Menschen. Mit den Hungernden, Unterdrückten, Erniedrigten, Beleidigten, Gedemütigten, lebendigen Toten, deren Leid wir nicht glauben, die sich selbst nicht erlauben, innerlich verletzt und verloren auch nur ein Sterbenswort darüber zu verlieren.

Deshalb ist Hannas Loblied so erleichternd, so ermutigend: Ich erzähle Gott, wie es mir geht, sage ihm, wie es ist, ungeschönt und ehrlich. Bei ihm schaffe ich es, mich mir selbst zu stellen, schütte ihm mein Herz aus. Damit das Leid mir nicht mehr mein Leben diktiert. Ohne Beschönigungen und Relativierungen. Ich sag, was ich brauche, hoffe, ersehne. Klar, aufrecht, aus der Tiefe meines Herzens: „Gott, ich sehne mich nach einem Menschen. Egal, ob er noch, noch nicht oder nicht mehr lebt, nach Henning, Katharina, Christian, Dominik, Britta; nach genau diesem Job; danach, beachtet und geliebt zu werden; einem Kind; Long-Covid loszuwerden; mich mit meinen Eltern, Kindern, meinem Partner, meiner Kollegin zu versöhnen. Ich kann nicht mehr, bin verzweifelt, sehe keinen Ausweg mehr. Meine Ehe ist kaputt, meine Kinder wollen mich nicht mehr sehen. Bitte, Gott, gib mir, wonach ich mich sehne.“

Hanna erzählt Gott still, aber eindringlich und intensiv, was sie tief bewegt, berührt und verzweifeln lässt. Das ist der Anfang ihrer Heilung.

Und es ist die wunderbare Hoffnung, dass auch ich wieder heile, wo ich im Moment nur noch heule. Dass Gott mich nicht oberflächlich fröhlichlächelt, sondern in der Tiefe berührt und heilt. So tief, wie ich ihn an mich heranlasse. Das ist Ostern: Dass Gott mit mir in die tiefsten Tiefen geht und mich herausführt als Geheilten und Gesegneten.