Überraschung

Von Gott kann es nicht DAS eine Bild geben. Gott begegnet den Menschen immer wieder anders. Kann mich Gott noch überraschen? Bin ich zu festgefahren in meinem Bild von ihm? Darum geht es heute am ersten Advent. Gott ist überraschend anders! Der Beter öffnet uns heute das Herz, dann ziehen wir mit Jesus in Jerusalem ein und lassen uns überraschen.

Jahresgabe 2024 – Überraschung

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Religionsunterricht in der 5. Klasse. Neue Schule. Neue Lehrer. Alles neu. Da denkt sich der Religionslehrer, dass das neue Reliheft auf Seite 1 einfach mal ein schönes Bild braucht. Warum hätte er uns sonst diese Aufgabe stellen sollen? Ja, warum, sollten wir auf Seite 1 unser Bild von Gott malen? Ich kann mich deshalb so unglaublich gut an diese Aufgabe erinnern, weil mir auch als 11-Jährige sofort klar war: Gott kannst du nicht malen. Schweißausbrüche. Wilde Gedanken fliegen durch meinen Kopf. Was machst du jetzt? Ich habe keine Ahnung, wie ich Gott malen soll. Also mal ich das, was die meisten um mich herum auch gemalt haben: Einen alten Mann mit Bart. Bei der einen saß er noch auf einer Wolke. Bei einem anderen stand er mit einem Stecken in der Hand da und ich malte nur ein freundliches Gesicht. Es hätte mein Opa sein können. Frust.

Natürlich hatte diese Aufgabe den Sinn, dass wir zu der biblischen Aussage „Du sollst dir kein Bildnis machen“ ins Gespräch kommen. Ich erinnere mich nicht, ob das geklappt hat. Aber jedes Mal, wenn ich das Reliheft aufgeschlagen habe, habe ich dieses Bild gesehen und kam mir grenzenlos dumm vor. Ich hatte ja nur gemalt, was so viele Maler in den Kirchen gemalt haben, einen alten, weißen Mann. Nur, dass mein Bild, das einer 11-Jährigen war, die nicht gut malen konnte.

Heute muss ich sagen: Ich war ein kluges Kind. Schon damals war mir bewusst, dass Gott nicht in EINEM Bild festgehalten werden kann. Wie auch?

All diese Gedanken von damals keimen in diesem Jahr in besonderer Weise wieder bei mir auf. Vielleicht weil ich in diesem Jahr so viele verschiedene Stimmen gehört und gelesen habe, die immer wieder sagten: „So ist Gott.“ Mit einem Punkt am Ende und nicht mit einem Fragezeichen. Für sie, so scheint es, gibt es ein ganz festes Gottesbild. Nur so und nicht anders kann Gott sein. Woher wird diese Sicherheit genommen?

Ich denke auch, dass ich Bilder brauche, um Gott zu beschreiben, um ihm so nahe zu kommen, aber dabei muss ich feststellen, dass es das EINE Bild nicht gibt. Meine Vorstellungen sind Bruchstücke eines großen Ganzen. Meine Bilder haben am Ende ein Fragezeichen. So sage und frage ich: „So habe ich Gott erlebt. So sehe ich das. In dieser Situation. In diesem Moment unter diesen Bedingungen. Und du?“ Ja, Bilder sind notwendig, um mich Gott zu nähern, aber Gott wäre doch nicht Gott, wenn ich ihn festlegen könnte? Gott ist doch größer als all mein Denken, weiter, liebender, verzeihender, herzlicher, mitleidender und so vieles mehr, als ich es mir je vorstellen kann.

Gott ist anders. Gott ist meist sogar überraschend anders.

Ist Weihnachten, das Christfest, vielleicht nicht sogar DIE Überraschung schlechthin? Überrascht mich Weihnachten noch, nach gefühlt 100 Weihnachtsfesten? Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, sich mal wieder von Gott überraschen zu lassen. Über das festgefahrene Bild vom kleinen Jesuskind in der Krippe im kargen Stall von Bethlehem mal ein schwarzes Tuch zu hängen und neu zu denken. Gott wird Mensch. Das ist das Bild. Gott, den ich mir nur ansatzweise vorstellen kann, weil Gott einfach unfassbar ist, wird Mensch. Er schrumpft auf Menschengröße zusammen und legt alles was er hat und was er ist in einen menschlichen Körper. Jetzt sehe ich nicht mehr das kleine Kind im Stall, sondern eher Superman vor mir! So ist das mit Bildern.  Gott wird Mensch. Und die nächste Überraschung dabei ist: Warum sollte er so etwas tun? Ich glaube, weil ihm einfach nichts Besseres mehr eingefallen ist. Was hätte er noch alles tun sollen, um seine Menschen zu überzeugen, dass er Interesse an ihnen hat? Keinen aufgibt? Dass es mit ihm besser ist, als ohne ihn, weil die todbringende Einsamkeit plötzlich mit Hoffnung erfüllt ist? Vielleicht ist Weihnachten sogar ein Ausdruck von Gottes Verzweiflung! „Was bitteschön noch alles?!“, rauft Gott sich die grauen Haare. Ich habe es schon geahnt, dass es in dem ärmlichen Stall nicht um Weihnachtsglamour geht, aber dass es vielleicht eine Verzweiflungstat war? Nein, ich will Weihnachten nicht den Zauber nehmen. Ganz im Gegenteil. Aber auch dieses Bild darf hinterfragt werden. Neu gedacht werden. Und vor allem: Jede und jeder steht in diesem Jahr, in diesem Moment an einem anderen Punkt im Leben. Jede und jeder hat in diesem Jahr ganz eigene Erfahrungen gemacht. So individuell will mir Gott auch an Weihnachten begegnen. Mit dem, was ich brauche. Das wird ihm nur gelingen, wenn ich mich nicht schon vorher festlege, sondern mich öffne, offen bleibe und mich überraschen lasse. Das muss mich nicht ängstigen. Gott ist zwar überraschend anders, aber er ist auch überraschend gut. Er meint es gut mit seinen Menschen. Wenn Gott seine Menschen überrascht, dann um sie in ein gutes Leben zu führen. Ich will mich überraschen lassen in diesem Advent. An Weihnachten. Um mit diesem Gott gut weitergehen zu können.

Amen