Absolut wichtig

Der christliche Gott ist ein Gott der Liebe. Doch was bedeutet das? Und zwar so ganz praktisch?

Wochenspruch   – Ps 33, 12

Psalmgebet – Ps 122

Predigttext  – Mk 12, 28-34

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Ich erinnere mich an eine Situation, die mich letzte Woche zum Nachdenken gebracht hat. Ich stand an der Kasse im Supermarkt, es war voll, die Leute ungeduldig und plötzlich hat ein kleines Kind angefangen zu weinen.

Die Mutter schien überfordert. Und während ich dastand und innerlich seufzte, weil es nicht weiterging, fragte ich mich: Was bedeutet eigentlich „Liebe deinen Nächsten“ in so einem Moment?

 

Im Predigttext heute wird Jesus genau das gefragt: Was ist das wichtigste Gebot?

Und er antwortet mit großer Klarheit:

 

Er sagt: „Das höchste Gebot ist: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften‘. Das andre ist dies: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘. Es ist kein anderes Gebot größer als dieses.“

Diese Antwort bewegt mich. Sie ist radikal klar und zugleich unglaublich herausfordernd.

 

Drei Gedanken beschäftigen mich dabei:

 

Zunächst beginnt es damit, dass Jesus herausstellt, Gott zu lieben.

Gott zu lieben „von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Gemüt und mit allen Kräften“ – das klingt groß, fast überwältigend. Wie kann ich das leben?

 

Ich denke nicht, dass es hier um ein Gefühl geht, das ich ständig in mir tragen muss.

Sondern um eine Ausrichtung.

Um ein „Ja“ zu Gott, das mein Leben prägt. Für mich bedeutet das zum Beispiel:

Ich beginne meinen Tag mit einem Gebet. Ich suche im Alltag immer wieder Momente der Stille, um auf Gott zu hören.

Ich frage mich bei Entscheidungen: Was dient Gottes Willen, was ehrt ihn, was ist in seinem Sinne?

 

Gott lieben heißt für mich auch: Ihm vertrauen, auch wenn ich nicht alles verstehe. Ihm danken, auch wenn mein Leben nicht immer leicht ist.

Und: ihn loben mit dem, was ich tue – in meiner Arbeit, in meinem Umgang mit Menschen, im verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung.

 

Diese Liebe zu Gott wächst nicht durch Zwang. Sie wächst durch Beziehung. Durch das Erleben, dass Gott da ist. Dass er mir vergibt. Dass er mich führt. Und je mehr ich Gottes Liebe erfahre, je mehr wächst auch meine Liebe zu ihm.

 

Mein zweiter Gedanke ist, dass Jesus nach der Klarstellung meiner Ausrichtung auf Gott hin, direkt auf mich selbst und die Menschen verweist, mit denen ich im Alltag zu tun habe.

Denn Jesus stellt das zweite Gebot direkt daneben: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Und er sagt: `Es gibt kein Gebot, das größer ist.`

 

Das ist revolutionär.

Denn es macht klar: Die Liebe zu Gott zeigt sich immer auch in der Liebe zum Mitmenschen.

 

In der Bibel ist „Nächster“ kein theoretischer Begriff. Der Nächste ist der Mensch, der mir begegnet. Der Nachbar, der Kollege, die Kassiererin, die Fremde auf der Straße.

Nicht nur die Menschen, die ich mag – auch die, die mir schwerfallen.

 

Ich frage mich oft: Wie kann ich diese Liebe im Alltag leben?

Manchmal ist es ein aufmerksames Zuhören. Ein freundliches Wort.

Ein ehrliches „Wie geht’s dir?“ und dann wirklich Zeit nehmen für die Antwort.

 

Manchmal bedeutet Nächstenliebe, Geduld zu haben, wo ich lieber schnell fertig bin.

Oder jemandem zu vergeben, obwohl es mich Überwindung kostet.

 

Ich denke wieder an die Szene an der Supermarktkasse. Damals habe ich meine Haltung geändert. Ich habe der Mutter ein Lächeln geschenkt, dem Kind freundlich zugewunken. Es war nur ein kleiner Moment, eine kleine Geste, aber ich glaube, das hat die Situation total entspannt.

 

Nächstenliebe beginnt nicht mit großen Heldentaten. Sie beginnt mit einem offenen Herzen. Mit dem Wunsch, den anderen zu sehen – als von Gott geliebten Menschen.

 

Und abschließend geht Jesus noch auf einen weiteren wichtigen Punkt ein: Mich selbst.

 

Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Damit ist klar: Selbstliebe ist keine Sünde, sondern Voraussetzung. Ich kann andere nur lieben, wenn ich mich selbst als geliebt annehme.

 

Viele Menschen – ich selbst manchmal auch – tun sich schwer mit der Selbstannahme. Wir kennen unsere Schwächen, unsere Fehler, unsere ungeliebten Seiten. Aber genau da spricht Gott hinein: „Du bist mein geliebtes Kind. Ich habe dich geschaffen, gewollt, erlöst.“

 

Das ist die Grundlage: Ich bin geliebt, ohne dass ich etwas leisten muss. Diese bedingungslose Liebe Gottes darf ich annehmen – und sie verändert mich. Sie macht mein Herz weit, schenkt mir Frieden mit mir selbst.

 

Und aus diesem Frieden heraus, kann ich andere lieben. Nicht, um etwas zurückzubekommen. Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern aus Freiheit. Aus Dankbarkeit.

 

Ich merke: Wenn ich mich selbst nicht annehme, werde ich hart mit anderen. Wenn ich aber Gottes Barmherzigkeit an mir erfahre, kann ich auch barmherzig mit anderen sein.

 

Am Ende des Predigttextes reagiert ein Schriftgelehrter auf Jesus. Er lobt seine Antwort und erkennt: `Die Liebe zu Gott und zum Nächsten ist wichtiger als alle religiösen Opfer`.

 

Und Jesus sagt zu ihm: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“

 

Das bewegt mich. Denn es zeigt: Wer in der Liebe lebt, ist Gott nahe. Das Reich Gottes ist dort, wo Menschen Gott lieben – und einander. Wo nicht Gesetze und Regeln im Mittelpunkt stehen, sondern Beziehung, Barmherzigkeit, Mitmenschlichkeit.

 

Ich lade uns ein, dass wir das in der kommenden Woche mal ganz praktisch umsetzen.

Einen Menschen mit einem freundlichen Wort überraschen.

Einen stillen Moment mit Gott suchen.

Uns selbst mit einem barmherzigen Blick betrachten.

 

Denn das Reich Gottes ist da, wo Liebe ist.

 

Amen